Der zärtlichste Punkt im All von Silke Scheuermann, 2004, Suhrkamp1.) - 2.)

Der zärtlichste Punkt im All.
Gedichte von Silke Scheuermann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Hauke Hückstädt in der Frankfurter Rundschau, 21.7.2004:

Jagen im All, aber bitte zärtlich
Erfreuliche Beute aus der Titelschule der Silke Scheuermann: Ihr neuer Gedichtband übertrifft das Debüt

Ihre Titel - wem könnten die gefallen? Sie klingen wie Titel von Kurzfilmen, die durch Länge ihre knappe Spieldauer wettzumachen versuchen. Und das können Gedichte ja wirklich sein: Kurzspielfilme. Und das sind die Gedichte von Silke Scheuermann in ihren besten Momenten: kleine tiefenscharfe Erzählungen. Scheuermanns Titel muten manchmal wie die Kapitelvorhersagen eines viel größeren noch verborgenen Textes an ("Das kaum verständliche Kapitel eines fremden Lebens das mir mein Anrufbeantworter erzählt hat").

Vielleicht würden sie aber auch dem Stilllebenmeister Morandi gefallen ("Zufriedene Vasen"). Sicherlich ließen sich Reiseführer mit ihnen illustrieren ("Nur die Nächte in Paris waren lang wegen der üblich zu hoch geschraubten Erwartungen"). In jedem Fall würde Scheuermanns Titelschule dem Autorenfilmer Alexander Kluge schmeicheln, dem die Autorin in ihrem gelobten Debüt Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen (2001) mit einem Endzeittext huldige, als sie eines der zentral gesetzten Gedichte mit dem Bonmot anheben ließ "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod".

In großer Not war Silke Scheuermann auf dem Weg zu einer vielbeachteten Lyrikerin seit der Verleihung des Leonce-und-Lena-Preises (2001) gewiss nicht. Aber auf jede Zeile, die nach dem Schlaglicht der Debüt-Euphorie erscheint, fallen unvermeidlich die monochromen Nachschattierungen der Kritik. Das sind dann die "üblich zu hoch geschraubten Erwartungen" überraschungsverwöhnter Leser. Ist ein Ton, der Gefallen fand, erst einmal da, wird jede Änderung eher missbilligend quittiert.

Doch Silke Scheuermanns jetzt vorgelegter zweiter Gedichtband Der zärtlichste Punkt im All hat viele Vorzüge, mehr als zu erwarten war. Kein Bildersturm, eher die Ausarbeitung der Stärken ihres ersten Bandes. Die ersten Gedichte überzeugten durch die kunstvolle und dennoch einfache Rede. Eine melodische Rede von Dingen, die in ihrer Materie klamm und schwer sind, aber bei ihr noch immer die gefühlte Temperatur von Junihitze abgeben: "Es war blauer als blau, wie erstickender Himmel. Er malte eine Art offenes Fenster, sagtest du, um augenblicklich darin zu verschwinden." Dabei scheint es vollkommen unerheblich, ob die Autorin die Verse ganz prosaisch bis zum rechten Seitenrand durchlaufen und dadurch etwas weniger streng aussehen lässt, wie im Debüt hin und wieder, oder ob sie die Verse bricht.

Der Fluss und Tonfall, der Neigungswinkel der Vokale und Konsonanten zu ihrem Gegenstand, rührt bei ihr aus einer zur Ruhe gekommenen Ironie. Eines der konzentriertesten Gedichte hat mit "Prisma" dann einen ungewöhnlich kurzen Titel. Das Gedicht ist eine Arie auf die familiäre Sehschule: "Jene Art Blindheit von der wir lernten dass sie/ zum schärferen Sehen gehört die Art/ wie Brenngläser Augen aufrüsten/ die Familie ins Blickfeld zitieren so dass/ das Gewirr ihrer Interessen sich zeigen muss".

Im Brennpunkt des Gedichts steht die Vaterfigur, die sich fast beiläufig durch ein Besitz anzeigendes Fürwort einmischt: "Im Okulus: alles was schlecht ist/ samt seiner Beweise von Macht". Scheuermann benennt knapp die Szene, im kurzen Cut, der Bildausschnitt ist auf das Wesentliche kartiert. Das Ende ist wunderbar leicht und bedrohlich zugleich. Der poetische Aufwand scheint gering, die Kosten sind hoch: "Ich verstand lange gar nichts und dann eine Menge/ und zwar im Augenblick als ich mich auf Vaters/ Brille setzte und nur die Hälfte blieb heil/ ein einzelnes rundes Glas: die Brille eines Zyklopen".

Das ist der Blick des Präzeptors, in voller Brennweite eingefangen. Der zweite Band von Silke Scheuermann hat fünf Abteilungen. Schöne Titel haben auch sie alle, "Warnung vor allzu zufriedenen Vasen" etwa. Und das war auch in ihrem Debüt nicht anders und scheint überhaupt eine Bedingung zeitgenössischer Lyrik zu sein, als wolle man der scheinbaren Willkürlichkeit, in der Gedichte nun einmal aufgereiht erscheinen, eine mystische Ordnung geben, die die wenigsten nachvollziehen können. Zwingend ist dieser Rubrizierungseifer nicht. Zumal nicht, da die Überzahl der Gedichte Scheuermanns um die Liebe kreisen, Liebesgedichte sind und dabei aber ihr Genre ausweiten.

Vielleicht geht es wirklich um die Behauptung des "zärtlichsten Punkts im All" bevor einer von einem "Aussichtspunkt" springt "wie Supermann", wie es der Auftakt zu diesem Band nahe legen könnte. Die Liebe ist die Suche nach Glück. Das kann nichts Neues sein. Es kommt darauf an, dieses Suchen immer wieder zu beschreiben. Und das verrichten Silke Scheuermanns Gedichte mit einer Fülle von Stoffen: in römischen Ruinen, bei "Medusas Frisör", in "Röntgenaufnahmen" und in der "Größeren Verdichtung": "Wir werden in flachen Gärten die/ Birken ins Gleichgewicht bringen/ die Boote und Biber/ Alles wie optimistische Siedler/ selber herstellen// Wie leicht wird vor allem/ die Erlaubnis erhältlich sein/ mit dir durch/ den Schlaf zu reisen/ überhaupt Schlaf".

Ein ähnlich kurzes und traumhaft sicher geschriebenes Gedicht, die "Erinnerungen an die Eiszeit brennen sich mit hundert Watt ins Gedächtnis", zeigt, was den Gedichten keineswegs schadet: konventionelle Interpunktion und ein lediglich verhaltener Gebrauch des Enjambements. Das Gedicht hebt so vielversprechend an, wie es endet: "Es ist alles perfekt, wenn ich zum Fenster hinaussehe:/ Die gerade im Geschehen begriffene Zeit(...)/ Selbst jemand, der jahrelang einen endlosen/ Engelsschal strickte wie Großmutter, ist nicht gestorben."

Die Enjambements wirken in vielen Gedichten etwas kunstgewerblich, unnötig gekonnt, wenn die ansonsten langzeiligen Gedichtgebilde wackelige Wespentaillen von zwei- bis dreisilbigen Versen haben: "Bin früher/ müder als sonst/ schlafbereiter". Oder: "Abgezogen ist die Invasion der Wünsche/ strohgelb/ lichterloh/ und immer mit einem Bezug zu dir". Es drängt sich der Eindruck auf, dass ein Komma die gleiche Wirkung hätte, ohne dass dabei das hohe Maß an Bedeutung, welches ein Versumbruch evoziert, behauptet werden müsste. So aber wird der Leser etwas mühlenartig durch das Gedicht geschliffen.

Obschon wir sagen sollten: getragen. Denn Silke Scheuermanns Gedichte sind hervorragende Träger und Leiterflächen für die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Sie sind erstaunlich stabil, wagen das Gefühl, sind voller Ideen und extrem leitfähig für unbewusste Bilder. Und zu den Vorteilen dieses zweiten Bandes zählt auch, dass er nur 37 Gedichte enthält. Vermutlich genau so viele gute Gedichte, wie sich während einer dreijährigen Publikationspause schreiben lassen. Zudem hat die Dichterin auf den modischen Zierrat des Widmens und Erläuterns verzichtet. Das Gedicht spricht hier endlich einmal wieder für sich selbst.

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Der zärtlichste Punkt im All von Silke Scheuermann, 2004, Suhrkamp2.)

Der zärtlichste Punkt im All.
Gedichte von Silke Scheuermann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Marietta Böning aus Der Standard, Wien vom 13.8.2004:

Das Laszive am Geist, das Paradoxe am Stein
In Silke Scheuermanns Gedichten wird der Leser in Geist durchwirkten Reichen der Fantasie verführt. Bei Raphael Urweider fungiert der Stein als Metapher für den Dualismus

Wer das Wesentlichste an Poesie für ihre Verführungskraft in Fantasiewelten hält, mag Silke Scheuermanns neuen Gedichten "Der zärtlichste Punkt im All" viel abgewinnen. Die ausgeprägte Assoziationskraft der deutschen Dichterin ist auch ihre große Stärke, geistdurchwirkte, laszive Imagination gibt ihrem bunten Kosmos einen sinnlichen Anstrich. Leider laden die Topoi, so originell sie sind und so Welt umfassend sie sich gebärden, teils Klischees, teils wirken sie diffus: Ein energetisch durchwirktes Zimmer wird zum Durchlass ins All. Dieses mag einen anthropozentrisch gesetzten Punkt haben, die Erde nämlich. Scheuermann gibt ihm obendrein aber auch Löcher. Und im Cyberspace, meint sie, sind die Sprachen künstlicher als sonst und dulden keine Abweichung. Solche Details sind unstimmig, das Gesamtbild bleibt dennoch rund: Nicht einmal der Drift in die geistigen Reiche genügen dem Drang nach räumlich unendlicher Ausbreitung. Gedankenspaziergänge sind allenthalben Fluchtpunkte, doch bieten zur profanen Wirklichkeit nur reizvolle Gegenwelten, wenn die Ödnis des Alltags greifbar wird. Das wird sie bei Scheuermann, die immer gleich davonfliegen will, nicht ganz.

Mit ungebrochen bleibenden Klischees und Reizsymbolik wird das Frauenbild bestückt: Ein weibliches Ich assoziiert sich mit Medusa, deren Haarpracht der Frisör verfallen ist, ein weiteres mit Arachne. Sehr schön ist der Zyklus „Schatzsuche oder Alice im Herzen der Finsternis“ trotzdem: Alice verlegt ihre Traumwelt in ein Einmachglas und fängt sich selbst; Alice driftet rauschhaft ab durch einen Eimer blauer Luft, während ein Kiffer feststellt, dass ihm ähnliches widerfuhr: „durch einen von Engeln geschossenen / Pfeil sei ihm die Seele an / Samt unsichtbar festgezurrt worden“. Ihren hochgelobten ersten Band "Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen", hat Scheuermann untertroffen. Was nicht heißt, dass die Texte nicht zu den besten zählen, welche die jüngere deutschsprachige Lyrikgeneration bietet.

Das Paradoxe am Stein

Lyrische Einkleidung einer Beobachtung, versehen mit fantastischen Versatzstücken, muss indessen keine Befindlichkeitsschau sein. Raphael Urweider, einer der seltenen Lyriker, der sich als Erzähler versteht, hat sich bewusst der ersten Person entledigt – wiewohl sie anderenfalls längst noch nicht für den Schreiber stehen würde. Urweider strukturiert die Dinge lieber systematisch durch die Schablone, in der Fokussierung des Details, formal wie inhaltlich. Wie im ersten Band „Lichter in Menlo Park“, exerziert die junge Dichterhoffnung aus der Schweiz in ihrem zweiten, „Das Gegenteil von Fleisch“, Erkenntnistheorie wider Realismus und pure Fantasterei. So formgebunden wie die alten Texte sind die neuen aber nicht.

Das lange Prosagedicht „Steine“ schert etwas aus, Zeilenbrüche mögen willkürlich sein. Trotzdem: Diese paradoxale Auseinandersetzung mit dem Leib-Seele-Dualismus ist einer der besten Texte. In allen denkbaren Formen lässt ein Krebskranker Steine Revue passieren: als Material, das sich kaum wahrnehmbar zersetzt, Metapher für die Ewigkeit; als Stein, der übers Wasser geht; als feiner Staub den Strand aufbaut; markierter Pfad des Kopfsteinpflasters. Besonders das letzte Bild ist als Integrationsversuch der Krankheit zu lesen: Der Stein als Ebene, auf welcher der Kranke steht. Es gilt aber auch aus dem Krankheitsweg eine Wegrandmarginalie zu machen, den "Hirnstein", den Tumor, als winziges Pflaster zu vereinzeln und zu verharmlosen. Paradoxerweise der Stein also Fleisch, Materie und andererseits Geist, erstrebte Unvergänglichkeit. Der Stein auch Kiesel oder Bodenhaftung. Am Ende dieses Paradox: Boden steht für Erde, und Erde für das Grab.

Sehr gelungen auch der Zyklus „Faltenwürfe“: kleine, streng gebundene Gedichte, deren Verkettung auf der Bedeutungsebene Situationsbeschreibungen eines wunderschönen Jahreszeitenzyklus ergeben. Urweider zoomt die Dinge dicht an sich heran und lässt sie sanft wieder los. Der Leser bemerkt seine Entfernung erst, wenn er so weit weggedriftet ist, dass es eines Perspektivenwechsels bedurfte. Die Beobachtung flirrt durch den Mesokosmos wie eine große Lichtquelle ein Insekt im Plural zum Riesen verzerrt oder Nebel den Beobachter vom Augenlid zu Schafen führt: "augenlidern die / lid an lid am himmel kuppeln bis / föhn abbricht und nebel steht /// und nebel steht wie / eine herde untrennbarer / schafe die schlafen [...]". Bei Urweider darf über die Dinge gestaunt werden.

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