Der Würgeengel von Jorge Volpi, 2002, Klett-CottaDer Würgeengel.
Roman von Jorge Volpi (2002, Klett-Cotta - Übertragung Susanne Lange)
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 10.10.2002:

Über allem thront Zacarías
Ein belesener Tüftler, der Mexikaner Jorge Volpi. Und doch - oder gerade daher? - ist sein Roman "Der Würgeengel" wenig mehr als eine handwerklich aufgemotzte Seifenoper

In einer kurzen Erzählung von Julio Cortázar sitzt ein Mann im Sessel und liest versunken die Geschichte eines Liebesverrats. Darin macht sich der Liebhaber gerade mit seinem Dolch in der Hand auf, den störenden Ehemann aus der Welt zu schaffen. Immer schneller laufend nähert er sich einem Gutshof, durchquert die Korridore und stößt endlich auf den Salon, in dem ein Mann in einem Sessel einen Roman liest ... Nicht ohne Grund haben Erzähl-Experten Cortázars "Park ohne Ende" zum Paradebeispiel für das heikle Spiel auf der Grenze zwischen Fiktion und Realität erkoren.

Der Mexikaner Jorge Volpi, Mitte dreißig, ist dem Meister nachgefolgt. Sogar noch einen draufsetzen wollte er. Denn auch Der Würgeengel erzählt die Geschichte einer fatalen Verwechslung beider Sphären. Ihre besondere Brisanz bezieht sie aus dem Umstand, dass die Wirklichkeit hier zum Besten der Kunst an die Illusion verraten wird. Angeblich. Nur das Blut, das am Ende fließt, ist echt.

Eigentlich ist es Volpis vierter Roman, der nun als zweiter auf den deutschen Markt kommt, nachdem sein sechster im vergangenen Jahr bei uns als erster bekannt wurde. Dieses hübsche Verwirrspiel hat der Wunderknabe aus Mexiko-Stadt ausnahmsweise nicht zu verantworten. Jura hat er studiert, als Anwalt gearbeitet, sich an der prestigeträchtigen Universität von Salamanca über spanische Philologie promoviert und seit 1992 mit flinker Feder bereits sieben Romane geschrieben. Zur Zeit ist er als mexikanischer Kulturattaché in Paris tätig - nun also auch topographisch auf den Spuren Cortázars wandelnd.

Neun mittelmäßige Schauspieler werden im Würgeengel engagiert, um abgeschlossen von der Außenwelt in einer Einöde des Bundesstaates Hidalgo ein hochtrabendes Projekt zu realisieren. Carl Gustav Gruber, der todkranke Starregisseur des Neuen Deutschen Films, hat sich seit langem nach Mexiko zurückgezogen. Nach fast drei Jahrzehnten des Schweigens will er nun sein Meisterwerk und künstlerisches Testament auf die Leinwand zaubern. Gipfel und gleichzeitig Ende der Filmgeschichte - wenn nicht gar der Kunst - soll der Streifen "Das Weltgericht" werden. Die Schauspieler haben sich lediglich als Familie zu verstehen, bis zur Selbstaufgabe in ihre jeweiligen Rollen einzutauchen und sich ansonsten selbst zu mimen. Das nicht vorhandene Drehbuch schreiben fortan ihre Charaktere.

Es braucht nicht viel Fantasie, sich den weiteren Verlauf auszumalen. Anfangs noch subtil von Gruber gesteuert, entwickelt sich das Geschehen zum Selbstläufer. Wie an abgeschlossenen Orten wie untergehenden Schiffen oder einsamen Inseln üblich, setzt bald das große Zerfleischen ein. Javier liebt vermutlich Renata, die aber verfällt zwischenzeitlich Gamaliel. Arturo wird zur Offenbarung seiner Homosexualität gezwungen, seine Frau Ana reist ab und wird ganz real erschlagen. Über allem thront Zacarías. Im Film gibt er Grubers Alter ego, der als fanatischer Künstler und diktatorischer Familienvater seine fiktiven Verwandten grausam malträtiert. Im abschließenden Autodafé seiner Gemälde kommt der allseits Verhasste um, weil keiner seiner Mitspieler ihn aus den Flammen zieht. Sie sind ihren eigenen Fiktionen längst auf den Leim gegangen und darüber mitschuldig am Tod zweier Berufskollegen geworden.

Doch selbst als dem Regisseur die Kontrolle entgleitet, gehört das noch zum Plan. Schließlich geht es dem Zyniker hinter der Kamera darum, Kunst und Leben vollständig zu verschmelzen. In seinem Allmachtswahn setzt sich Gruber selbst als Instanz des Transzendenten in göttliche Befugnisse ein. Er okkupiert die Emotionen seiner Kreaturen in totalitärer Manier, um "ästhetische Momente" zu erzeugen, die über den Augenblick hinaus Bestand haben. Hier verbirgt sich der philosophische Nucleus des Spektakels: Wieder einmal reibt sich die Kunst an ihrem produktivsten Widerpart, der vergehenden Zeit. Der ehemals aus Ostdeutschland geflüchteten Filmemacher mit einer unverkennbaren Heiner-Müller-Aura ist tatsächlich ein gnadenloser Melancholiker, gequält von der Vergeblichkeit aller Hervorbringungen.

Als er mit Das Klingsor-Paradox ein spannendes Stück deutscher Wissenschaftsgeschichte um Werner Heisenberg und seine Beteiligung am NS-Atombombenprojekt erzählte, wollte man Volpi die etwas hölzerne Konstruktion und das eine oder andere Klischee noch gern versehen. Im vier Jahre zuvor entstandenen Würgeengel aber sind die Mängel mit Händen zu greifen. Die abenteuerlichen und doch modischen Finaldiskurse vom Ende der Kunst, der Millenniumsangst und dem letzten Gericht sind in die schönste Seifenoper eingebettet. Und das mehr oder minder fröhliche Kopulieren mit abschließendem Mord und Totschlag schrammt nicht nur haarscharf am Kitsch vorbei. "Mein Fehler, mein Verbrechen bestand darin, Dich mit all meiner Kraft zu lieben", muss man da lesen. Oder gar: "Der weiße Blusenstoff lässt die Form ihrer üppigen Brüste erkennen."

Sicherlich, Volpi ist ein solider Handwerker. Der Spannungsaufbau mit gekonnten Perspektivenwechseln, metanarrative Spielchen mit gattungssprengenden Pseudodokumenten und der Übergang in die Form eines Filmskripts samt diverser Griffe in die erzählerische Trickkiste verraten einen Tüftler - und mehr noch einen Mechaniker. Wie er großspurig mit ästhetischen Konzepten jongliert und sie dann fein säuberlich in ein ethisches Korsett einpasst, taugt bestenfalls zur Kolportage. Von Beginn an leidet das Projekt unter seiner Berechenbarkeit. Volpis Erklärungswut lässt nichts ungesagt. Selbst seine stupende Belesenheit erweist sich als Crux: An keiner Stelle hat man den Eindruck, der Text könne klüger sein als der Autor.

Mit ein paar Gleichgesinnten hat Volpi vor Jahren in Mexiko die Schriftstellergruppe "Crack" begründet. Mal heißt es, sie betreibe den Bruch mit der großen Generation des Magischen Realismus. Dann wieder, sie stehe in ihrer Tradition. "Es gibt da ein anhaltendes Missverständnis", räumte er in einem Interview ein. Brechen wolle man nur mit jenen Poetiken, die im Schlepptau des Lateinamerika-Booms lediglich die abgenutzten Erfolgskonzepte kopiert hätten. Stattdessen müssten die alten - gleichwohl avancierten - Erzähltechniken mit neuen Inhalten kombiniert werden.

Zumindest das ist Volpi gelungen. Seine intelligent arrangierten mexikanischen Romane mit den europäischen und vorzugsweise deutschen Themen stehen wie wenige andere für die Globalisierung der Literatur, die der Internationalisierung des Buchmarktes auf den Schritt folgt. Doch obwohl sich ein Großteil des lateinamerikanischen Establishments - von Carlos Fuentes bis Gabriel García Márquez - vor dem Shooting-Star aus Mexiko-Stadt verbeugt hat - die Fußstapfen eines Cortázar sind ihm noch einiges zu groß.

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