Der Wortschatzraeuber von Gülbahar Kültür, 2015, elif

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Der Wortschatzräuber.
Parabel von Gülbahar Kültür (
2015, elifverlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Mai 2015:

Wie Schneider ohne Schere

Die Parabel von Gülbahar Kültür „Der Wortschatzräuber“, veröffentlicht im schmucken aufstrebenden elifverlag, dürfte nicht nur Lyriker und Literaten wie mich nachdenklicher machen, als wir es sowieso schon sind, betroffen von den Debatten um die Sprache, die inländische wie die ausländischen, wie viel Beeinflussung sein darf, wie viel multikulti gut ist oder schadet oder warum einem, der in Deutschland leben und arbeiten möchte, ein Sprachkurs zur verpflichtenden Aufgabe gemacht gehört, wenn  er aus einem fremdsprachigen Land nach Deutschland kommt.

Es wird viel diskutiert in Gesellschaft und Politik, die mit Gesetzen und Anordnungen klare Regelungen treffen möchte und trifft mit einem Katalog mehr oder weniger ein- sichtiger Maßnahmen.

Vielleicht bestehen diese Diskussionen schon seit biblischen Zeiten, als der Turm von Babylon errichtet wurde, bestimmt sind sie notwendig, um für ein friedliches Mit- und Nebeneinander zu sorgen und um Prinzipien, Anschauungen und andere Kulturen verstehen zu lernen wie die eigene, was eine schöne und vielversprechende Aussicht bedeutet in der Menschheitsgeschichte, die leider nur allzu gut weiß, dass es anders ist, wenn Fremdes nicht neugierig, sondern voller Skepsis und Misstrauen beäugt und abgetan wird.

Dabei wissen wir, die wir uns leidenschaftlich und engagiert mit Sprache beschäftigen, dass die Vielseitigkeit und die Möglichkeiten unserer Sprache auch auf fremdländischen Wurzeln und Traditionen fußt, die sie nicht einschränken, sondern zu einem einmaligen Gebilde der Verständigung machen, zu klangreicher Lyrik und etwas Schönem wie Musik. Dass Sprache auch missbraucht werden kann, wissen wir in Deutschland nur allzu gut und können Ausgrenzung, Stigmatisierung und andere barbarische Absichten nicht wirklich wollen und sollten, in Solidarität verbunden, entschieden dagegen sein, in dem Maß, in dem es die Mehrzahl längst ist.

Was wurden nicht schon alles für Debatten um Sprache geführt, diesem einzigen und unersetzlichen Organ, das uns ermöglicht, uns mehr oder weniger verständlich mit zuteilen. Es gab und gibt Befürworter ebenso wie erbitterte Feinde von Angelismen in der deutschen Sprache, die so lebendig ist, dass sie sich wie das Leben ständig verändert.

Manche beklagen ihre Verknappung, ein Trend, durch die neuen Medien hervorgerufen, andere haben Sorge um ihren Bestand, ihre Wahrhaftigkeit und unverfälschte Reinheit. Tatsache ist, dass, wie auch Gülbahar Kültür in ihrer unbedingt lesenswerten und sehr überlegten Parabel „Der Wortschatzräuber“ festhält, dass nicht Wissen, sondern Sprache Macht ist, weil es ohne sie kein Wissen gäbe. Das mag eine Binsenweisheit sein, aber der Hinweis darauf scheint notwendig und richtungsweise zu sein, wenn wir von der Ausländer- und Integrationspolitik hier in Deutschland sprechen.

Ich weiß nicht, inwieweit Gülbahar Kültür, die 1965 am Schwarzen Meer geboren wurde, in Istanbul aufwuchs und seit 1979 in Bremen lebt, wo sie als Autorin, Journalistin und DJ arbeitet, von dieser Tatsache inspiriert wurde, ihre Parabel „Der Wortschatzräuber“, die sie uns, klar, einfach und ohne Schnörkel erzählt, aber legt das nah.

Der Plot ist schnell erzählt.

König Iktus, der König des Wortlandes, ehemals, Wildistan, hat strenge Gesetze zur Reinheit der Sprache erlassen, die nur wenige Ausnahmen dulden. „Ihre Bedeutung“, lässt die Autorin uns wissen, „lag einerseits in der Pflege einer gesellschaftlichen Hochsprache und Kultur und andererseits im Kampf gegen Verrohung und Überfremdung der Sprache.“

Die Sache hat nur einen Haken, dass die Sprache durch diese Maßnahmen verarmt, obwohl die Dichter und Denker tatsächlich Werke schufen, wie es heißt, „die das Prestige des Wortlandes in der Weltliteratur gewaltig erhöhten.“

In dieser Situation tritt „der Wortschatzräuber“ auf den Plan, der den Dichtern und Denkern ihren Wortschatz raubt und diese damit zu stammelnden Kretins ihrer selbst macht, ein haltloser Zustand. Der Räuber ist nicht zu fassen, bis man auf einen Gedankenleser trifft, der den Räuber enttarnt, aber, da dieser taubstumm ist, nicht zum Reden bringen kann. Freilich konnte er lesen, dass die geraubten Wörter am Ende der Welt versteckt worden seien, aber da niemand wusste, wo das war, blieben die Wörter verschwunden.

Der Gedankenleser starb. „Gerüchten zufolge, “ beendet Gülbahar Kültür ihre Parabel, „hat der überarbeitete Gedankenleser den Tresor des Wortschatzräubers nicht knacken können. Darin sei ein Schlüsselwort aufbewahrt gewesen, das die Tür zu sämtlichen Wörtern geöffnet hätte.“

Die Autorin hat ein schmales, aber hoch aktuelles Buch geschrieben, was uns alle angeht, weil wir ohne Sprache nichts und niemand wären. Sie hat einen beachtenswerten Beitrag zum Umgang mit Schwestern und Brüdern, die eine andere Sprache als die unsere sprechen, verfasst, ein Bekenntnis für die Vielseitigkeit von Kultur und Worten. Sie beschwört Toleranz und Mitmenschlichkeit, ergriffen von der Vision, dass Sprache das Vehikel zur Verständigung ist und der einzig mögliche Weg, miteinander die Zukunft der Welt freiheitlich zu gestalten.

Meine Wenigkeit sagt ihr demütig und bescheiden danke dafür.

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Leseprobe I Buchbestellung 0515 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke

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Der Wortschatzraeuber von Gülbahar Kültür, 2015, elif2.)

Der Wortschatzräuber.
Parabel von Gülbahar Kültür (
2015, elifverlag).
Besprechung von Anke Glasmacher für LYRIKwelt.de, Juni 2015:

„Das Sprachmeer ist ausgetrocknet"

In einer Zeit, die trotz – oder gerade wegen – des dauerhaften Kommunizierens in sozialen Medien von einer neuen Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und eben auch den Kulturen gekennzeichnet ist, hat Gülbahar Kültür ein bemerkenswertes Buch vorgelegt. In der Form an eine Parabel und im Ton an die Poeten der Romantik erinnernd, spricht sie vom Reichtum unserer Sprachkultur. Und ihrem Verfall.

In der Parabel vom Wortschatzräuber bringen politische Machthaber ein ganzes Volk dazu zu schweigen. Die Menschen dürfen keine Fremdwörter mehr verwenden. Sofort verarmt ihre einst so reiche Sprache, denn ein Wort kommt ja immer irgendwoher und sei es aus der Phantasie. Doch nun dürfen die Dichter nur noch die erlaubten Wörter verwenden. Schon bald haben sie nichts mehr zu sagen. Ohne neue Wörter schreiben alle irgendwann das gleiche. Einzig die Literaturkritiker blühen kurzfristig auf und schreiben über die Bedeutungslosigkeit der aktuellen dichterischen Werke.

Nur geschlossene Gesellschaften stülpen ihrer Sprache eine DIN-Norm über. Gülbahar Kültür schreibt nicht über Sprachlosigkeit. Sie schreibt über Ausgrenzung. Und darüber, wie ausgerechnet in einem Land, das sich gerne auf seine (verstorbenen) Geistesgrößen bezieht, alle paar Jahre eine ängstlich geführte Debatte um kulturelle Identität aufflammt, die bislang nicht dazu geführt hat, dass Menschen miteinander reden, sondern gerade umgekehrt, dass sie verstummen.

Eigentlich ist diese Debatte ein Anachronismus. Sollte man nicht viel eher vermuten, dass in einer globalisierten Welt alle ein ureigenes Interesse daran haben, eine neue, gemeinsame Sprache zu entwickeln? Eine Sprache, die niemanden ausgrenzt, die lebendig ist und sich ständig erweitert? Kultur lebt nicht nur von, sie braucht Vielfalt.

Gülbahar Kültür hat kein pessimistisches Buch geschrieben. In ihren vorgehaltenen Spiegel lächeln die Menschen: Es werden die Dichterinnen und Dichter sein, die den Ausbruch aus der Enge wagen, die mit ihrer Kreativität Grenzen überwinden. Kültür erinnert sie, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, daran, dass sie eine wichtige Aufgabe haben: Sie sind es, die den Menschen eine Sprache und damit ihre Stimme zurückgeben können.

Kültürs „Wortschatzräuber" ist reich, vielschichtig und auf bezaubernde Weise einfach – und weit mehr als ein Statement für eine neue Kulturdebatte. Ein Buch, leicht und augenzwinkernd geschrieben und wunderbar illustriert von Deniz Pasaoglu, dem ich wünsche, dass es alsbald in vielen Bibliotheken und als Lektüre in jeder Schule vorrätig sein wird.

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Leseprobe I Buchbestellung 0615 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Anke Glasmacher