Der Wind. Versuch der Wiederherstellung eines barocken Altarbildes.
Roman von Claude Simon (2001, DuMont - Übertragung Eva Moldenhauer).
Besprechung von Franziska Meier in der Frankfurter Rundschau, 18.7.2002:

Badetücher aufschrecken
Claude Simons früher Roman über den "Wind", der Mensch und Natur in Südfrankreich kräftig durchpustet, liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor

Schon lange gehört Südfrankreich - im Mittelalter die Wiege der europäischen Zivilisation - nicht mehr zu den großen Landschaften der klassischen und modernen französischen Literatur. Daran änderte auch nichts, dass im Laufe der Jahrhunderte immer wieder große Autoren von dorther stammten; sie wurden nur zu schnell, von einigen Ausnahmen abgesehen, in Paris heimisch.

Im 20. Jahrhundert dagegen mehrten sich die Versuche, den landschaftlich und geistig-mental so ganz anderen Süden Frankreichs literarisch einzufangen. Einen unternahm Nobelpreisträger Claude Simon, der seit langem abwechselnd in Paris und im südlichen Roussillon lebt, 1957 mit dem Roman Der Wind, der nun in neuer, sorgfältiger Übersetzung von Eva Moldenhauer wieder bei uns vorliegt. Wie schon der Titel sagt, ist er dem in der Provence, der Camargue und im Département Roussillon jahraus jahrein wehenden Wind gewidmet, der Natur und Städte auf einmal unwirtlich erscheinen lässt und schon so manchen sonnenbadenden Touristen vom Strand vertrieben hat. Erbarmungslos schlägt der Wind, ob er von den Bergen oder vom Meer kommt, auf Menschen, Dinge und Natur ein, verwüstet Pflanzen, reißt Markisen ab. Daher ähneln auch die zu Recht berühmten südfranzösischen Weinreben in keinerlei Weise den unsrigen: Die, die dem Wind standhielten, sind darüber zu eigenartig verhutzelten, knorrigen Sträuchern geworden.

Für Simon ist dieser fortwährend blasende Wind eine "sinnlos entfesselte Kraft", die auf alles einpeitscht, es (ver-)formt, und zugleich die Zeit, die ständig verfließt, sich erschöpft und nie zum Ende kommt. Unter seinen Böen bildete sich eine langweilige, blutleere, alles Fremde ausscheidende gesellschaftliche Ordnung, die allerdings von einer elementar archaischen Fruchtbarkeit durchsetzt ist, der die Erde wie die Frauen unterworfen sind. Ordnung wie Fertilität sind gleichermaßen unmenschlich, gewaltsam.

Die südfranzösische Welt vermag hier erst in Erscheinung zu treten, als Antoine Montès eintrifft, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Er ist ein Fremder, der nicht heimisch wird, und zugleich auch wieder keiner, da er dort gezeugt wurde - zufällig, wie es heißt, denn die Eltern hatten nichts miteinander gemein, und Antoines nordfranzösische Mutter verließ schon in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft den südfranzösischen Ehemann, empört über dessen schamlose Treulosigkeit, aber auch schicksalshaft, weil die Mittelmeerküste schon in der Antike eine Stätte der Fortpflanzung und der kuriosesten Rassenmischungen war.

Ohne es zu wollen und zu merken, löst Antoine in dem Städtchen ein zunächst harmloses Geschehen aus, das dann in Mord und Zerstörung endet. Erzählt, oder besser: rekonstruiert wird es aus der Perspektive eines Ansässigen, der mit ihm zufällig ins Gespräch gekommen war. Mit Hilfe der Bruchstücke, die ihm dieser liefert, und der Geschichten, die ihm dessen Anwalt erzählt oder die in Form von Klatsch im Dorf die Runde machen, rollt er nach und nach ein komplexes Geflecht von Figuren, Beziehungen, von kleinen Handlungen mit großer Wirkung auf.

Eine Geschichte im landläufigen Sinne ergibt sich daraus jedoch nicht, eher ein vielschichtiges, stellenweise dunkles Monument, in dem selbst der stark blasende Wind in Simons sprachlicher Evokation zu fester Form erstarrt. Die Kapitel gleichen Bildern, in denen die Handlung aufgrund der substantivreichen, nach immer größerer Präzision strebenden Beschreibungen zur Nebensache absinkt, hinter all den charakterisierenden Facetten und Motiven verschwindet.

Nach bald 50 Jahren wiedergelesen wirkt der frühe Roman Simons wie ein Klassiker: vollkommen und fern. Das ist erstaunlich, denn seinerzeit (in einem noch weithin vom Existenzialismus beherrschten Frankreich) kündigte sich in ihm ein neuer Prosa-Stil an, der dem Umkreis des Nouveau Roman zugeordnet wird. Anders als Michel Butor oder Alain Robbe-Grillet gründet Simons Prosa aber auf einer außerordentlichen Sprachperfektion, ja -opulenz in der Tradition Gustave Flauberts, die sich bei aller erzähltechnischen Reflektiertheit ganz der Beschreibung der Welt verschrieben hat.

Obgleich es in Der Wind um durchaus zeitgemäße Erfahrungen wie Vergeblichkeit, Entfremdung und Gefühllosigkeit geht, vermittelt Simon sie nicht in einer ausgehöhlten, blutleeren oder belanglosen Sprache. Im Gegensatz zur Gegenwartsliteratur, die vom Verfall, dem Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit selbst affiziert ist, gelingt es Simon, das Sinnlos-Zerstörerische, das Nichts in ausgewogenen und ausgetüftelten, manchmal auch sperrigen Sätzen zu fassen und damit festzubannen.

So stellt sich der Roman paradoxerweise als in sich ruhendes, mehrteiliges Bild dar über die entleerende Gewalt des Windes und der Zeit, über die Ohnmacht des Menschen, der nur die Wahl zwischen Anpassung und einer Schaden anrichtenden, selbstzerstörerischen Eigenart hat, über das Gegeneinander von Ordnung und Unordnung, die gleichermaßen - so zitiert Simon Paul Valéry - die Welt bedrohen. Denn Simon gehört zu den letzten, die an die Eigenmächtigkeit und Kraft einer ziselierten, bearbeiteten Sprache in der Literatur glauben und mit ihrer Hilfe eine Welt begründen, in die sich noch heute Leser versenken, an deren Gestalt sie sich berauschen und in der sie lernen können, ihre Welt mit neuen Augen zu betrachten..

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