Der Wettermacher.
Roman von Peter Weber (1993).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 2.11.2002:

Schwan im Bahnhofsnebel
Peter Weber las im U60311 Geschichten einer fremden Welt

Die Zürcher Bahnhofshalle - ein Resonanzraum, ähnlich der Sixtinischen Kapelle. Die Laute schlagen Wellen, die zu "Sprechwinden" werden, "der ganze Hauptbahnhof ist ein Gefäß für höllischen Lärm". Inmitten dessen sitzt ein Ich und zischt Worte, um den Lärm zu zerteilen.

Auch im U60311 herrscht Bahnhofshallenatmosphäre, allerdings eher der unangenehmen Art. Keine Sprechwinde, dafür das stete Dröhnen eines Ventilators; keine Fresken, sondern grauer Beton, und an der Bar wird Wodka getrunken, nicht Kaffee. Dort las der 1968 geborene Schweizer Autor Peter Weber aus seiner Bahnhofsprosa. Weber, der bereits in seinem erfolgreichen Debüt Der Wettermacher (1993) Landschaften zum Sprechen brachte, setzt Klänge zu Literatur zusammen, verschmilzt die Erscheinungen der technisierten Gegenwart und archaische Mythen. Daraus resultiert die innere Spannung dieser Texte: Sie flackern hin und her zwischen scheinbar Vertrautem und überraschend Fremden. Die Welt, wie wir sie kennen, kann sich hier blitzartig verwandeln.

So das Kaffeehaus des Bahnhofs, von dem aus der Erzähler in das Halleninnere schaut und sieht, was man eben so sieht: Abschiede, Verliebte, Wartende, vergessene Koffer. Doch beim Gang zur Toilette geschieht Merkwürdiges: Im Untergrund eröffnen sich verzweigte Gänge, unter der Treppe fließt ein schwarzer Bach, in den der Erzähler sich in seiner Not erleichtert. Als er zurückkehrt in das Restaurant, hat sich Bodennebel gebildet, "zwei Schwäne glitten vorbei" - der Beginn einer Reise in eine mysteriöse Gegenwelt.

Irgendwann erzählt eine Missionarin die Geschichte von dem Papageienfisch, der nur aus Kiefernmuskulatur und einem Verdauungstrakt besteht. Seine Ausscheidungen werden von Quallen aufgenommen und ans Ufer getragen: "Unsere Fantasiestrände sind Stoffwechselendprodukte." Da Weber seine Lesung nicht mit Ausscheidungen schließen wollte, versuchte er noch, ein wenig Maultrommel zu spielen. Doch die Klänge gingen im Rauschen des Ventilators unter, wurden verschluckt vom Beton. So ist das in Bahnhöfen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1102 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau