Der Welt den Rücken von Elke Heidenreich, Hanser-Verlag, 20011.) - 2.)

Der Welt den Rücken.
Geschichten von Elke Heidenreich (2001, Hanser-Verlag).
Besprechung von Karin Großmann aus der Sächsischen Zeitung vom 20.08.2001:

Vorbei, vorbei, vorbei
Die Schriftstellerin Elke Heidenreich erzählt neue Geschichten von Liebe, Alter und Verlust

Die Falten werden mehr und die Ansprüche bescheiden. Nur die fest eingeübten Sätze halten den bröckelnden Ehekitt noch. In der Stammkneipe, beim Familienfest oder im Freundeskreis weiß jeder von jedem ziemlich genau, was er denkt. Die Verluste übersteigen die Gewinne bei weitem. Das Gefieder wird stumpf. "Glück ist Sonne auf der Hoteltapete", meint Alma, und mehr ist nicht zu erwarten. Realismus des Alters. Die Elterngeneration macht sich langsam davon. Die nächste rückt nach und will das nicht wahrhaben. Boris Becker spielt zum letzten Mal in Wimbledon und verliert, mit großer Geste wirft er den Satz hin: "Es war Zeit zu gehen". Und seine Zuschauer erfasst eine Welle des Mitleids, nein: des Selbstmitleids: vorbei, vorbei.

Wen packt nicht manchmal die Erinnerung

Vorbei. So klingt der Grundton in den neuen Geschichten von Elke Heidenreich. "Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Zeit ist die Wunde", heißt es darin. Elke Heidenreich scheint das gut zu kennen. Sie muss manchmal elegisch werden, richtig herzergreifend sentimental, es lässt sich nicht verhindern. Warum auch. Gründe gibt es genug. Wer wird schon unbeschwert und gern alt. Wen packt nicht manchmal grausam Erinnerung. Es sind die Endvierziger, Anfangfünfziger, von denen die 47-jährige Elke Heidenreich erzählt, jene, die als hoffnungsfrohe Toren aufbrachen, die Welt einzureißen, und nun brav den Rest dahinleben mit den ersten Wehwehchen. Das ist schon auch komisch. Über manchem Schicksal hängt ein Hauch von Ironie. Mit solchen Mitteln geht Elke Heidenreich sparsam um. Nicht einmal der fünfzigste Geburtstag eines Fernsehsenders, der die angegrauten Stars von gestern zur peinlichen Beobachtung freigibt mit ihren Schrullen, Vergesslichkeiten und uralten Wertgefühlen, nicht einmal dieses skurrile Fest ist ihr Anlass für eine Satire. Auch in dieser Geschichte steckt mehr Wehmut als Witz. Vielleicht, weil sie ihren Figuren so nahe kommt. Die Autorin mag sie, deshalb kann sie sich nicht lustig machen über sie. Es ist die Freundlichkeit, mit der Elke Heidenreich auch Rezensionen schreibt; den genüsslich-fiesen Verriss eines Buches wird man von ihr nicht lesen. Scharfzüngig erscheint die frühere "Brigitte"-Kolumnistin nur in ihren Fernsehauftritten. Aber die sind selten geworden. Der Band versammelt sieben Geschichten. Sie sind mit scheinbar leichter Hand geschrieben, ohne doppelten Boden, ohne kunstvolles Getue. Am liebsten erzählt Elke Heidenreich noch immer in der ersten Person. Mitunter klingt es autobiografisch.

Missverstehen zwischen Mutter und Tochter

Die erste Geschichte ist die beste. Die Ich-Erzählerin schildert das kalte Verhältnis zu ihrer Mutter. Mehr Pflichtgefühl als Liebe treibt sie zum Besuch, die Geschenke sind immer die falschen, Cremes, Schals und Blusen werden von der Mutter unbenutzt aufbewahrt, mit stummem Vorwurf. Ein Lob hat die Tochter nie gehört und wird sie nie hören. Keine körperliche Berührung. "Du bist wie dein Vater", heißt der schlimmste Angriff. Erst im Nachlass entdeckt die Ich-Erzählerin das Geheimnis der Mutter: Fotos zeigen sie in der Umarmung mit einer anderen Frau. Jetzt weiß sie auch, warum die Mutter weniger abweisend war zuletzt: Sie hatte die Beziehung zwischen ihrer Tochter und deren Freundin Flora durchschaut, und durchaus erfreut. In der Titelgeschichte "Der Welt den Rücken" gelingt etwas Unmögliches: die Wiederholung der ersten Liebe. Eine Studentin hatte sich als ersten Mann einen Bundeswehrsoldaten erkoren und sucht diesen ein Vierteljahrhundert später noch einmal auf. Wieder geht sie mit ihm ins Bett, wiederum glücklich, und wie damals die Kuba-Krise, so verpassen die beiden dieses Mal den Fall der Mauer. Liebe ist wichtiger als Politik. Es ist eine schlichte, hübsche Geschichte, und vielleicht muss man nicht überall nach tieferer Bedeutung bohren.

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Der Welt den Rücken von Elke Heidenreich, Hanser-Verlag, 20012.)

Der Welt den Rücken.
Geschichten von Elke Heidenreich (2001, Hanser-Verlag).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein aus der Frankfurter Rundschau vom 1.08.2002:

Die Zeit ist die Wunde
Elke Heidenreich kehrt der Welt den Rücken - als Erzählerin von der Liebe

Immer wenn sie ihre Mutter besuchte, gab es diesen billigen Rotwein mit Schraubverschluss, als ließe sich nicht bedeutsamer zeigen, wie beklemmend die Pflichtvisiten der Tochter für beide waren. Kein Geschenk, das Freude hervorrief, kein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Ein erholtes tiefes Durchatmen erst dann, wenn sich die Haustür zwischen ihnen schloss. Ein Konflikt, wie er im Buche der Mutter-Tochter-Beziehungen steht, darin die Jahrzehnte überdauert hat und, so könnte man meinen, kaum zu einer neuen Erzählung taugt. Weit gefehlt. Denn Elke Heidenreich weiß, wie ein Klischee zum Klischee wurde, und benutzt es geschickt, um hinter die spröde Fassade der abgegriffenen Bilder zu blicken. Anstatt sie zu zerschlagen, belebt sie sie von innen. Denn Mutter und Tochter verheimlichen einander beharrlich, und völlig grundlos, dass die große Liebe für beide eine Frau gewesen ist. Traue nie dem Offensichtlichen, fühle dich nicht sicher und rechne immer mit dem Anderen, so könnte Heidenreichs Credo lauten, wollte man sie mit ihren neuen Erzählungen identifizieren.

In den Kolonien der Liebe wurde die Grenze immer von innen betrachtet. Und so musste der neue Erzählungsband, der, ebenso wie der erste, die kleinen Fluchten des ehemals so großen Gefühls erkundet, Der Welt den Rücken zukehren. Dabei ist die Liebe hier gar keine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt, man ist vielmehr überrascht, wenn es tatsächlich einmal klappt und die Widersprüchlichkeit des Einzelnen der Gemeinsamkeit nicht entgegensteht. Und die Idylle? Das kompromisslose Erleben der eigenen Leidenschaft im Anderen, die totale Hingabe wie sie die Dichtung beschwört und der völlige Weltverlust der Liebenden im reinen Glück, wie es das vorangestellte Zitat von Romain Gary so schön behauptet? " . . .weil das Glück eines Paares stets der Welt den Rücken kehrt . . ."

Auch die Idylle gibt es hier, aber man sollte ihr nicht zu sehr vertrauen. In der titelgebenden Geschichte entscheidet sich Franziska dafür, das erste Mal nicht mit Angst und Schmerzen hinter sich zu bringen und dafür mit einem diffusen Gefühl der Liebe entlohnt zu werden, das die Jahre des Heranwachsens ohnehin nicht wird überdauern können. Nein, sie sucht sich einen kräftigen, gut aussehenden Mann mit Erfahrung. Während sich die Welt an Kuba zu entzünden droht, versinken die beiden im Rausch der Leidenschaft, und als sie sich nach mehreren Tagen voneinander lösen, hat die Welt ihren gewohnten Rhythmus wiedergefunden. Erst nach 27 Jahren treffen sich die beiden noch einmal. Franziska ist glücklich, aber leidenschaftslos verheiratet, er mehrmals geschieden. Was damals aus Angst vor dem Unbekannten geschah, wiederholt sich nun im Stadium der Reife. Und wieder gerät die Welt aus den Fugen, die Mauer fällt, und sie merken es nicht.

Diese beiden Geschichten, in denen gut geht, was sonst häufig scheitert, bilden den geeigneten Rahmen für eine ganz andere Art der Lebensbetrachtung. Denn sowohl "Die schönsten Jahre", die Mutter und Tochter schließlich zusammenführt, als auch "Der Welt den Rücken" sind Parabeln mit einem ironisch-märchenhaften Gestus, die darin über sich selbst hinauswachsen, dass sie in der intendierten Eindeutigkeit genau jenes Glück hervorrufen, an dem alle anderen Geschichten großen Zweifel hegen. Hier gerinnt Gegenwart zu einem einzigen mythischen Moment und wird dann schmunzelnd der harten Realität preisgegeben, um an ihr zu zerbrechen.

Die fatale Vorstellung von Dauer und Beständigkeit entlädt sich auf einer "Silberhochzeit"; der alte Freund, der in "Karl, Bob Dylan und ich" zum Fernsehabend vorbei kommt, wird plötzlich, und genau für diesen einen Moment, zum lang ersehnten Liebhaber, ein Filmemacher leiht sich die Gefühle für seine Filme von fremden Versen, beim Jubiläum einer Sendeanstalt entdecken alte Bekannt ihre junge Liebe füreinander, und Boris Becker wird vor allem dadurch bedeutend, dass er die Tennisszene verlässt. Keine Konsequenz, keine Planbarkeit und keine Ausdauer. "Die Zeit", schreibt Heidenreich, "heilt nicht alle Wunden. Die Zeit ist die Wunde."

Vor allem diese Geschichte "Der Tag als Boris Becker ging" bringt auf den Punkt, was Heidenreich hier ganz unangestrengt leistet. Neben all dem Gequatsche um 68er, Generation X, Golf und wie sie alle heißen, gibt es Phänomene der Gegenwartskultur, die einen Zusammenhang schaffen und in der Zeit für Fixpunkte sorgen. So entsteht hier das Porträt einer Gruppe der zwischen Vierzig- und Fünfzigjährigen, aufgrund ihrer gemeinsamen Erfahrungen, ohne jeden Anspruch auf Verbindlichkeit. Schnörkellos und direkt werden diese Geschichten zu Postkarten aus dem wohlvertrauten Leben, das nach Bedeutung gar nicht mehr sucht. Mit dem Scheitern aller formulierbaren Ziele bleibt lediglich der ebenso plakative wie sinnträchtige Spruch: "Schafft alles ab", der über der Bar in der Stammkneipe der ehemals linken Stadtguerilla hängt.

Heidenreichs Geschichten biedern sich keiner kultigen Alltagsphilosophie mit Erkenntnisüberhang an, sondern sind lediglich feine, absichtslose, aber sensible Beobachtungen in den unbegrenzten Kolonien der Liebe. Und da man Pathos und Kitsch am besten vorbeugen kann, indem man die großen Gefühle etwas kleiner und die unbedeutenden Details etwas größer erscheinen lässt, sind sie immer wieder mit humorvollen Spitzen angereichert. Das betrifft auch die erzählende Instanz selbst. Sie ist eine von ihnen, von den in Würde und trotz großer Gegenwehr alt gewordenen Ehemaligen jeglicher Art. Aus Überzeugung undogmatisch, erhebt sie sich nie über die anderen, sondern spottet voller Sympathie und Verständnis für Macken und Schrullen. So entsteht eine Harmonie, die etwas von einer endzeitlichen Aussöhnung mit den eigenen Unzulänglichkeiten hat. In den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, wären solche Geschichten zielgerichtet gewesen. Heute sind sie einfach nur da, zu ihrem eigenen Glück.

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