Der
Wal auf der Festplatte.
Gedichte von
Gerard Kanduth (2000, Neues Literaturkontor).
Besprechung von Helmut Schönauer
, 11.01.2001:
Das Schreibgerät als Instrument, mit dem der Schriftsteller die im Kopf gefaßte Welt der Welt zurückgibt, zieht sich als Motiv wie ein roter Faden durch alle Zeiten der Lyrik. Wenn der Autor intensiv am Schreibzeug herum sinniert, deutet das immer auf seine besondere Anspannung hin, die ihn vor dem Einsetzen des Textes umfaßt. Aber auch der Gedankenriß, das Eindringen der banalen Alltagswelt in die poetische Werkstatt des Autors sind denkbare Begleitumstände, die das Schreibgerät in den Mittelpunkt des Interesses rücken lassen.
Während es in früheren Zeiten um
Tintenfässer, Gänsekiele und Stehpulte ging, spielt bei
Kafka beispielsweise die Minimansarde des
Schreibtisches eine fortlaufende Rolle.
Einen unvergeßlichen Eindruck als Schreibgerät hinterläßt bei Generationen von
Lesern die Schreibmaschine, mit der der frisch abgestürzte "Homo faber" bei
Max Frisch in der Wüste zu tippen beginnt.
"ich holte meine Hermes-Baby (sie ist heute noch voll Sand) und spannte einen
Bogen ein."
In Gerard Kanduths Texten ist
längst der PC in die Schreibstube eingezogen. Die Festplatte dreht sich
unendlich und steht als Sinnbild konzentrierter Information sogar im Titel des
Lyrik-Bandes. (Ein anderer Titel aus dem Lyrik-Angebot des Neuen
Literaturkontors heißt übrigens sehr überzeugend "Der weiße Laptop".) Dieses
Herz des Informationsgerätes wird freilich durch den Walfisch überlagert und
völlig unerwartet mit einer poetischen Funktion behaftet. Der zentrale Text dazu
lautet: "nestroys walfisch // er las / ein buch / voller worte / des trostes //
und war / am ende / doch nicht ganz / bei trost" (S. 21).
Dieser Text zeigt auch recht verläßlich die Verfahrensweise Gerard Kanduths. Er
verwendet sprichwortartige Behauptungen als Basis, setzt sie durch die
Zeilengliederung in einen lyrischen Kontext und verläßt verläßlich das vom
Sprichwort angepeilte Ziel.
Im Mittelpunkt der lyrischen
Widerhaken steht die Informationsgesellschaft, deren Mitglieder in den
technischen Kommunikationsschleifen verloren gehen. Handy, Computer, Info und
Textprogramm sind einige Schlüsselbegriffe, durch die Meinungen abgelenkt und
beinahe optisch in eine andere Richtung gebrochen werden.
Je klarer die Aussage konzipiert ist - an einer Stelle wird die Botschaft sogar
in Habtacht-Stellung übermittelt -, um so mehr driftet sie vom Kurs ab, bis die
Aussage beinahe kontraproduktiv auf den lyrischen Auslöser zurückfällt.
Gerard Kanduths Gedichte zeigen einerseits die Schwachpunkte auf, an denen sich die scheinbar so perfekte Informationsgesellschaft immer wieder quasi von selbst aus den Angeln hebt, andererseits gibt es in den Texten die Hoffnung, daß auch falsche Ansätze und Richtlinien mit etwas Glück für das Individuum noch einmal gut ausgehen können.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]
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