Der wachsame Träumer von John Le Carré, 2006, ListDer wachsame Träumer.
Roman von John le Carré (1971/2006, List - Übertragung Rolf und Hedda Söllner).
Besprechung von Walter Gallasch aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.5.2006:

Das Erotische eines genialen Mistkerls
Auf exotischen Pfaden: John le Carrés früher Roman „Der wachsame Träumer“

Veröffentlicht der britische Schriftsteller John le Carré einen neuen Roman, steht der in einer Woche auf den Bestsellerlisten. Warum, um Himmels willen, wurde sein Buch „Der wachsame Träumer“, in England bereits 1971 erschienen, erst jetzt ins Deutsche übersetzt?

Der Hauptgrund, sagt man, sei das Verlassen jenes Themas, wofür dieser Autor berühmt wurde, des Agenten- und Spionageromans („Der Spion, der aus der Kälte kam“, die Smiley-Trilogie). Dieses alt-neue Buch geht zwar mindestens so verschlungene Pfade wie die Herren der Geheimdienste, doch sein Held wandelt auf Wegen, die für den Leser geradezu exotisch sind, gemessen am Autor. Aldo Cassidy, 38, oberster Boss einer erfolgreichen Kinderwagenfabrik, von Konkurrenten und Angestellten „Der sanfte Knacker harter Nüsse“ gerühmt, verheiratet und zwei Kinder, lernt auf der Suche nach einem abgeschiedenen Domizil ein Ehepaar kennen, Shamus und Helen.

Nein, er lernt sie nicht kennen; der gerissene Unternehmer verfällt ihnen mit Haut und Haaren, ohne nachzudenken, ohne sich über die Folgen Rechenschaft abzulegen, ohne Einschränkung. Shamus ist ein leidlich bekannter Romancier, Helen eine natürliche, charmante und begehrenswerte Frau, mit der man notfalls auch Pferde stehlen kann.

Sie kümmern sich den Teufel um öffentliche Meinung, um Anstand und Würde. Cassidy ist trunken von allen Sarkasmen, die Shamus loslässt, ohne zu erkennen, dass Shamus ein bezaubernder Blender ist, ein eiserner Egoist und - sagen wir es mit der Krassheit gesunden Verstandes - ein genialer Mistkerl. Selbst wenn Cassidy ihn durchschaut hätte, würde das seine Bewunderung nicht geschmälert haben. Er ist der Geschäftswelt und dem bürgerlichen Leben verloren gegangen.

Ein neues Leben für Aldo Cassidy! Weiber, Trinkgelage, Lügen, Absteigen. Er finanziert alle und alles. Was schert ihn Weib, was schert ihn Kind! Ungewohnte geistige Gespräche faszinieren ihn, Ironie, Esprit, Analyse. Aber er beginnt auch ein Verhältnis mit Helen - und eins mit Shamus. John le Carré hat das Zeug, Wandlungen und Verwandlungen ohne Peinlichkeit darzustellen, und, was wichtiger ist, glaubhaft. Dass Cassidys Exkursion ins Reich der Boheme scheitert, ist keine Überraschung. Aber selbst das Scheitern wirkt grandios. Was ihm bleibt, ist Erinnerung. Aber sie ist die Quintessenz allen Lebens.

Bücher voll Abenteuer haben es leichter, Spannung zu erzeugen und zu halten. Sensationelle Ereignisse, Lebensgefahr, Rettung in letzter Sekunde - das sind ihre Ingredienzen. Was Carré in seinen Agentenromanen Zug um Zug logisch aufbaute, muss hier fehlen, denn Logik ist nicht die treibende Kraft der Zuneigung. Hier mangelt es aber an einem Ersatz; Verrücktheiten und Orgien allein taugen nicht. Der Spannungsbogen reißt, vor allem die Mitte bricht ein. Die literarische Qualität von Carrés bisherigen Büchern ist höher als jene des frühen Romans, sieht man aufs Ganze.

Der Verfasser hat dennoch nicht Unrecht, wenn er - im Vorwort - behauptet, sich trotz des nahezu grotesken Milieuwechsels treu geblieben zu sein: „Wie Smiley ist auch Aldo Cassidy ein naiver Hamlet, ständig hin- und hergerissen zwischen den Zwängen der Außenwelt und seinen eigenen unerfüllbaren Hoffnungen.“ Deshalb endet auch diese „Liebesgeschichte“ ohne eine zufrieden stellende Lösung, eigentlich dort, wo sie begann, keine Frage ist beantwortet. Ironisch könnte man sagen: Cassidy wurde als „geheilt“ entlassen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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