Der Vorhang von Milan Kundera, Hanser-Verlag, 2005Der Vorhang.
Roman von Milan Kundera (2005, Hanser - Übertragung Uli Aumüller).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 24.10.2005:

Romane mit Durchblick

Irgendwann ist die Zeit reif. Jede Zeit. Das ist der Moment des Romans, der wie ein Seismograph vorausahnt, was kommen wird. Jedenfalls wenn er gut ist. Und über die schlechten wird hier ganz entschieden nicht geredet, nicht einmal über die durchschnittlichen. Die sind "unnötig", "schädlich" und also "verachtenswert". "Die Kunst" nämlich "ist keine Blaskapelle, die der Geschichte auf ihrem Vormarsch auf den Fersen ist."

Milan Kundera darf so reden

Weil Milan Kundera, der Tscheche vom Jahrgang 1929 im französischen Exil, seinen Teil zur Weltliteratur beigetragen hat, darf er so reden. Einmal mehr beschäftigt er sich mit dem Wesen seines Genres, engagiert, frisch, kurzweilig, in schnellen Schnitten und in schnellen Schritten. Er tut es mit einer Leichtigkeit, die einem Professor von seinem Katheder her aus Prinzip verboten wäre. Schon Fielding hatte ja vom Roman gefordert, er solle "den Jargon der Gelehrten meiden wie die Pest".

Er ist einer wie Cervantes, Rabelais, Sterne, Flaubert, Dostojewskij, Broch, Musil, Gombrowicz oder Kafka. Einer, der die Romanentwicklung vorangetrieben hat und damit beim Zerreißen des Vorhangs mitgewirkt hat, der uns die Welt mit Vorinterpretationen verhängt. Einer, der uns zu Durchblick verhalf. Diese Kronzeugen haben ihre Helden nicht der Tugend wegen hingemalt, sondern damit wir etwas begreifen. Das Leben ist nicht logisch, sicher ist nur die unabwendbare Niederlage. Der Versuch, das zu verstehen, macht den Roman.

Die Moral des Wesentlichen

Wo Wissenschaft und Ideologie eine Moral des Archivs entwickeln, setzen Romane die Moral des Wesentlichen dagegen. In der Realität wiederholen sich Geschichte und Geschichten. In der Kunst tun sie es nicht, sie ist ein Kontinuum der wachsenden Verfeinerungen.

Kundera kreist das alles in Sprüngen und Gedankensplittern ein. Es gibt schöne Anekdoten, wundersame Geschichten und manche Wiederholung, weil er auf dem insistiert, was ihm wichtig ist. So summieren sich die kurzen Einzeltexte des Buches zu einem Plädoyer für seine Sache. Im Zentrum, um das sich alles dreht, zitiert er zugeneigt seinen Kollegen Ernesto Sábato: "In der von der Philosophie verlassenen, von Hunderten wissenschaftlichen Spezialisierungen aufgesplitterten Welt bleibt uns der Roman als letzte Warte, von wo aus man das menschliche Leben als Ganzes überblicken kann." Genau darum geht es. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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