Der Vogel ist ein Raabe, 2003, KiWi1.) - 2.)

Der Vogel ist ein Rabe.
Roman von Benjamin Lebert (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michael Brandhoff in der WAZ vom 10.08.2003:

Der Rabenvogel und der junge Autor

Als er "Crazy" geschrieben hat, war Benjamin Lebert 16. Der Roman wurde ein Bestseller der Pop-Literatur, die Verfilmung ein Kassen-Knüller in deutschen Kinos. Jetzt ist Lebert 21 - und er legt nach. Also, was wird "Der Vogel ist ein Rabe"?

Sicher wieder ein Bestseller. Egal, ob der Inhalt lesenswert oder langweilig ist, die Menschen werden das Buch kaufen. Wegen "Crazy". Wegen Lebert. Wegen des Hype.

Nun ist "Der Vogel ist ein Rabe" bestimmt nicht der Nachfolger, den die meisten erwartet haben. Die Leser nicht, die Kritiker auch nicht. Man möchte meinen, Lebert habe noch nicht das Alter, nicht die Reife, um Geschichten mit diesem gewissen Tropfen Tiefgang zu würzen. Viel zu weise wirkt, was der junge Mann, der kürzlich in Freiburg seinen Hauptschulabschluss nachholte, da vorlegt, viel zu ergreifend.

Aber was heißt weise? Was ergreifend? Er kann´s! Kann das Seichte, das Unterhaltsame - siehe "Crazy"; kann aber auch wahres Leben darstellen, mit all seiner Härte - siehe Roman Nummer zwei. Leberts Kunst: Auch der Tiefgang ist bei ihm immer locker und leicht zu lesen.

Am Ende von "Der Vogel ist ein Rabe" sagen sich Paul und Henry (beide sind Anfang 20), dass sie diese Zugfahrt so schnell nicht vergessen werden. Sie kannten sich vor der achtstündigen Reise von München nach Berlin nicht, sie würden sich wohl auch nachher nie mehr wiedersehen. Doch auch der Leser wird diese Zugfahrt so schnell nicht vergessen. Schon deshalb nicht, weil das gegenseitige Eingeständnis nur eine Seite später von einem überaus überraschenden Ende getoppt wird.

Henry hatte zuvor im Abteil Nummer 39 sein ganzes Leben vor Paul ausgebreitet. Die Pein, wenn man an einem Dauer-Durchfall leidet. Die Dreierbeziehung mit der furchtbar dünnen Christine und dem furchtbar fetten Jens. Seine Höhen und seine Tiefen, seine Träume und seine Schäume. Paul hört ihm zu. Hört zu und denkt dabei über sein Leben nach. Nur selten - meist auf Nachfrage - gibt er selbst eine Kleinigkeit preis. Meist über Berlin: "Diese Stadt kaut an einem. Beißt einem buchstäblich Körperteile ab. Jeder wurde zumindest vollgesabbert."

Benjamin Lebert setzt in seinem dünnen Werk (128 Seiten) außerordentliche Akzente. Er vermittelt Emotionen, schreibt Zeilen, die bewegen (können). Wann kommt eigentlich sein dritter Roman?

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Der Vogel ist ein Raabe, 2003, KiWi2.)

Der Vogel ist ein Rabe.
Roman von Benjamin Lebert (2003, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Elke Buhr in der Frankfurter Rundschau vom 22.10.2003:

Mandy und der schwarze Vogel
Der Sound junger Melancholiker: Benjamin Leberts zweiter Roman "Der Vogel ist ein Rabe"

Diese kurzen Sätze. Immer nur ausgesucht wenige Worte bis zum nächsten Punkt. Crazy war so geschrieben, die Internatsgeschichte, mit der Benjamin Lebert 1998 debütierte. Das Medienereignis, das der Verlag aus dem schmalen blonden Jungen machte, wird im Klappentext zum neuen Buch noch einmal in Zahlen gefasst: Sechzehn Jahre alt der Autor, sein Buch in 33 Sprachen übersetzt.

Mit dem zweiten Buch sollte nun aus dem bestaunten Wunderkind ein echter Schriftsteller werden; besorgt sah man die schmalen Schultern ächzen unter dieser Last. Doch er hat es geschafft. Der Vogel ist ein Rabe ist erschienen, und wieder erlaubt sich der Stil keinen Schnörkel: "Das Abitur machte ich in München. Danach, mit zwanzig, zog ich nach Berlin, um Ethnologie zu studieren." Und weiter geht's: "Ich verbrachte kaum Zeit mit studieren. Mir war alles eigentlich ziemlich egal. Ich lief durch die Stadt. Ich ging in Cafés und Clubs. Ich begegnete Leuten, die das Gleiche taten. Die meisten von ihnen waren auch von irgendwoher nach Berlin gekommen. Eigentlich alle. Und alle wollten hier von irgendetwas gefunden werden."
Ist das der Sound der Jugend? Ist das, noch einmal nach dem Hype, die Kurzweil des Pop als Roman? Doch dieses Stocken klingt nicht vor allem jung, dieses Hecheln nicht nach Großstadthektik; Benjamin Leberts Sätze transportieren vielmehr die Kurzatmigkeit der Melancholie. Schwer wiegen die Worte, bedeutungsvoll reiht sich Satz an Satz: Es geht um alles. Beziehungsweise, um einen Zustand, in dem es immer um alles zu gehen scheint, und der als literarisches Sujet eine umfangreiche Geschichte hat: Die männliche Adoleszenz und die mit ihr einhergehenden Probleme mit der Welt, dem Ich, Gott und vor allem den Mädchen.

Der zwanzigjährige Ich-Erzähler, Paul, trifft den 18jährigen Henry im Nachtzug nach Berlin. Zwei Menschen in der anonymen Vertrautheit eines Zugabteils: ein klassischer Erzählrahmen. Es ist Henry, der seine Geschichte ausbreitet: Von Christine, in die er sich verliebt hat, und von Jens, dem esssüchtigen Dritten, der Christine auch liebt. Beider Verehrung für die magersüchtige Schöne ist zunächst vergeblich, bis Henry doch bei einem gemeinsamen Ausflug Erfolg hat, Jens die beiden im Bett erwischt, und die Freundschaft der drei katastrophisch zu Ende geht. Unterfüttert ist diese Geschichte mit einer gehörigen Portion Gefühlsverwirrung: Henry und Jens wie auch der Zuhörer Paul zweifeln am Sinn ihres Lebens, leiden an der Einsamkeit, leiden an ihren Körpern.

Angst vor der Welt

In ihrer Drastik beeindruckend sind die Symptome, die Lebert dafür gefunden hat: Nicht nur muss Jens ekelhafte Fettmassen mit sich herumtragen, Henry ist mit Durchfall geschlagen, stinkender Ausdruck seiner Angst vor der Welt. Die aber konfrontiert nicht nur Jens mit Bildern, die er nicht verarbeiten kann: "Diese Mädchen. Diese wunderschönen Menschen überall. Im Fernsehen, auf MTV, in Zeitschriften und auf Werbeplakaten. Ich halte das nicht mehr aus. Diese Körper, die so perfekt und wohlgeformt sind, dass man wahnsinnig wird. (...) Und um sie herum immer dieses widerliche, künstliche Geglitzer. Wobei es im richtigen Leben überhaupt nichts zu glitzern gibt. (...) Und alle wollen brennen und ficken, ficken und brennen. Und ich auch."
Es ist eine ausgewachsene Kulturkritik mitsamt Moral, die Benjamin Lebert seinen Protagonisten in den Mund legt, tausendmal formuliert, so einfach wie seine Syntax und komplett ohne Selbstironie vorgetragen. Sie ist dabei, und das ist die fast denunziatorische Qualität dieses Buches, extrem glaubwürdig - wahrscheinlich sind sie wirklich so, diese traurigen Jungs. So tief ihr Raisonnement auch zu den letzten Dingen vordringt, zur Frage nach Gott, zur Frage nach dem Alleinsein der Seelen in der kalten Welt: In Wirklichkeit ist alles eine Frage der Hormone. Wenn nur einmal eines der unerreichbaren, engelsgleichen "Mädchen" ihre Beine öffnen würde - die Abgründe der Metaphysik wären vergessen.

Es ist Paul, der Henry nach einer seiner Lobpreisungen des anderen Geschlechts darauf hinweist: Mädchen sind auch Menschen. Es ist allerdings auch Paul, der die Tötungsphantasien, die die Jungs vor lauter Frustration regelmäßig schütteln, umgesetzt hat. Am Ende des Buches stellt sich heraus, dass der stille Ich-Erzähler eine schöne Prostituierte ermordet hat. So authentisch das Leiden der jungen Männer wirkt, so konstruiert erscheint diese Pointe: Der Roman als düstere Wunschmaschine.

Mandy heißt das Opfer - ein Name wie für eine Barbiepuppe. Dass man mit Mädchen - oder gar Frauen - keinen vernünftigen Satz reden kann, wenn man sie beständig für Barbie-Puppen hält, wäre für die weltschmerzgeschüttelten Protagonisten von Der Vogel ist ein Rabe eine wichtige Erkenntnis. Dann hätten sie allerdings nicht mehr so viel zu erzählen auf ihrer Zugfahrt. Schon der große Rabenvater Edgar Allan Poe pries den Nutzen weiblicher Leichen für die Literatur: Der Tod einer schönen Frau war für ihn die poetischste Sache der Welt. Ein ästhetisches Programm, das Benjamin Lebert nun für die einsamen Jungs der MTV-Ära in kurze Sätze gepackt hat.

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