Der verstörte Eros.
Buch von Dieter Wellershoff (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 11.7.2002:

Literatur ist gefährlich
Wellershoff beschäftigt sich mit dem "verstörten Eros"

Literatur ist deshalb gefährlich, weil sie "an die Sprengsätze der menschlichen Existenz" rührt. "Sie kann gefährlich sein für den Leser, weil sie ihn mit Erfahrungen konfrontiert, die er in den Routinen und Begrenzungen seines alltäglichen Lebens gewöhnlich zu vermeiden versucht." Das steht irgendwo in der Mitte des neuen Buches von Dieter Wellershoff, der es geschafft hat, im Alter von immerhin 75 Jahren mit seinem Roman Der Liebeswunsch einen späten grandiosen Leser- wie Verkaufserfolg zu erzielen. Ein knappes Jahr danach liegt mit dem Großessay Der verstörte Eros eine Arbeit vor, die nicht nur das große beherrschende Thema der europäischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert - dieser diffus-diffizilen Gemengelage aus Liebe, Ehe, Sex und Verrat - anhand einer Vielzahl kanonischer Texte wie Klassikern des Gegenstroms diskutiert, sondern zugleich auch - noch einmal - so etwas wie die Grundlinien der eigenen Poetik, das untergründige Thema aller Wellershoffschen Texte, umreißt.

Insofern kommt dem zitierten Satz wieder eine Schlüsselstellung zu. Denn was darin im Blick auf Proust formuliert wird, trifft ebenso auf Goethe, Tolstoi und Fontane, auf D. H. Lawrence oder Henry Miller, schließlich auf den verkappten Moralisten Houellebecq zu. Und natürlich auf Wellershoff selbst, dessen Romane, Novellen und Erzählungen, Hör- wie Fernsehspiele und Filme existenzielle Grenzerfahrungen im ästhetischen Raum verschärfen. Wellershoff wird nicht müde, Literatur (aber auch andere Kunst) als Simulationsraum und Probebühne zu bemühen, auf der Probleme des Lebens, insbesondere solche an den "Grenzpunkten der Peripherie" (mit Nietzsche zu reden) verhandelt werden. Und was könnte auch spannender und reizvoller für einen Autoren sein, als den Dauerbrenner der Moderne, ihren ‚running gag': die romantische Liebe, in immer wieder neuen Gestalten und Konstellationen zu beschreiben?

Nachdem Wellershoff in Drehbüchern für Fernsehspiele, etwa Flüchtige Bekanntschaften, den ganz gewöhnlichen Liebes- und Beziehungswahn in unserer Republik während der 70er und 80er Jahre inszeniert hatte, nachdem er vor allem im Erzählband Die Körper und die Träume den Illusionen in diesem Spiel nachgegangen war und im Roman Der Liebeswunsch den endgültigen Schwanengesang angestimmt hatte, fügt er mit seinem Essays nun noch eine Coda hinzu. Er zeigt, wie sich das Themenbündel Liebe, Sexualität, Ehe samt Ehebruch, nachdem die aufklärerische Idee einer partnerschaftlichen Beziehung mit der Entdeckung der Empfindsamkeit und der nachmaligen (zunächst noch sympathischen) Vorstellung einer romantischen Liebe aufgegeben worden war zugunsten hypertropher Ideologeme, mäandernd durch die europäische Literatur zog. Im Grunde genommen windet sich seit dem frühen 19. Jahrhundert, seit den großen Realisten (von Stendhal über Balzac und Flaubert zu Tolstoi und Fontane), ein unsichtbares Band, dem man den (Lukács'schen) Titel einer Desillusionsromantik zusprechen darf - eine Vorstellung, die Wellershoff thematisch auf dem Feld von Liebe, Leid und Lust präzisiert und entlang filigraner Einzelinterpretationen zu Texten des 20. Jahrhunderts fortspinnt. Erfrischend für die Leser sind die Freihändigkeit und große Souveränität, mit denen Wellershoff, ohne das unendlich weite Feld der Philologie zu bemühen, direkt auf die Texte, auf die Autoren und historischen Zusammenhänge zugreift und dabei - neben bereits bekannten Tatsachen - immer wieder auch neue Aspekte und Dimensionen, andere Perspektiven auf vertraute Zusammenhänge entdeckt . Wer hätte zum Beispiel vorher schon den zweiten Teil von Nabokovs Lolita als Entsprechung zur Albertine-Geschichte bei Proust gesehen und insgesamt diesen Roman als Travestie des Minnedienstes gelesen ?

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass, nachdem die Beziehungsalgebra (samt -metaphysik) durchgerechnet worden ist, alle sexuellen Spielarten diesseits der Liebe und jenseits aller Lüste erkundet worden sind, bloß noch Schwundstufen der Sexualität und des Eros, Pervertierungen von Beziehungsmustern übriggeblieben sind . Das würde - mit Wellershoff - die die anhaltenden Diskussionen über das Phänomen eines obsessiven Onanisten wie Houellebecq einerseits oder auch die Ereiferung über das Porträt eines perversen Nihilisten in American Psycho von Ellis andererseits erklären. Kalkuliert sind beide Haltungen, spielen sie doch im ästhetischen Raum des Romantextes, vorgeführt im Stil einer ‚negativen Dialektik', eine letztmögliche Alternative durch: die Erklärung des "Glücks- und Erfolgsprogramms der herrschenden Kultur, das sich mit einem letzten Schub in den sechziger und siebziger Jahren auf breiter Front gegen die traditionelle bürgerliche Verzichtsmoral des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat, zu einer inhumanen Ideologie (...), die einen dunklen Untergrund von Unglück erzeugt und es zugleich durch den Talmiglanz einer umfassenden Selbstwerbung verbirgt."

Letzte Worte über das Ende der Fahnenstange - zugleich jedoch wieder die Eröffnung eines neuen virtuellen Raums, vieler neuer (Netz-)Zugänge, die vom Ende des Körpers und diesbezüglicher Erfahrungen (Stichwort: Cybersex) berichten. Nein, von denen allererst Literatur wieder erzählen müsste. Realisten vom Schlage eines Dieter Wellershoff werden dabei dringendst benötigt.

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