Der verschlossene Garten von Undine Gruenter, 2004, HanserDer verschlossene Garten.
Roman von Undine Gruenter (2004, Hanser).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 10.3.2004:

Plötzlich aus dem Gleichgewicht
Kurz vor ihrem Tod hat Undine Gruenter einen philosophischen Gartenroman über die Möglichkeiten der Liebe geschrieben

Was hier erzählt wird, könnte sich auch vor, sagen wir, fünfzig Jahren abgespielt haben - vorausgesetzt, man hätte die freizügigen Kreise der Pariser Bildungs-Bourgeoisie nicht verlassen; denn ein bisschen Toleranz ist schon gefragt bei einer derart gegen den Zeitgeist gerichteten Lebensgestaltung. Ein Mann von knapp sechzig Jahren und eine Frau von knapp dreißig Jahren tun sich zusammen, um abgeschieden von gesellschaftlichen und beruflichen Verpflichtungen, im Schutzraum finanzieller Sorglosigkeit, in einem Haus mit Garten vor den Toren der großen Stadt zu leben.

Es ist die Geschichte einer Monade, von außen durch Konvention, von innen durch eine besonders freie Form der Liebe herausgefordert - sofern Freiheit die Abwesenheit jeglicher Normativität meint. Ein empfindliches Gleichgewicht, wie man ahnt, und dass die Heldin ausgerechnet Equilibre heißt, also Gleichgewicht, darf als rigorose Absicht verbucht werden. Der Ehemann und Erzähler trägt den nicht weniger preziösen Namen Soudain: Frau Gleichgewicht und Herr Plötzlich.

Vor den Fenstern fließt die Marne, an der Equilibre mit ihrem Hund allmorgendlich spazieren geht, bevor sie sich in den von Mauern umgebenen Garten setzt, jenen Garten, den Soudain für sie gestaltet hat, als idealen hortus conclusus seiner "Konzeption" der Liebe. Kinder hat das ungleiche Paar keine - ein Tribut an das so ähnliche "sexuelle Temperament", wie der Erzähler in seiner Feststellungslust zu Protokoll gibt? Die Kinderlosigkeit könnte sowohl Folge als auch Voraussetzung sein jenes seltsamen (oder gar nicht so seltsamen) Experiments, das die Schriftstellerin Undine Gruenter in ihrem letzten Roman Der verschlossene Garten schildert.

Keine ängstliche Jungfrau

Das Experiment will den Rückzug: von der Familie, vom Beruf, von den neurotischen Kämpfen der Gleichberechtigung, von der Tyrannei der Zufallsbekanntschaften etc. Den Rückzug vom Alltag, vom Leben, in gewisser Weise. Kann das Experiment gut ausgehen? Eine junge Frau den anderen entziehen? Warum denn nicht? Wäre das nicht die erstrebenswerteste Verlängerung ihrer behüteten Kindheit und Jugend? Und gibt es etwas Verlockenderes, etwas Anziehenderes als ihre Unschuld nach dem Verlust ihrer Unschuld zu bewahren? Ihre durch ein schnörkelloses Wesen verkörperte Unschuld? Die "hohe Simplizität der Liebe", die der erfahrene Soudain an Equilibre schätzt, kann kaum der Ängstlichkeit einer Jungfrau entspringen.

Und so ist es: Ihre Jungfernschaft verlor die Vierzehnjährige im Suff, mehr oder weniger bewusstlos; nicht einmal wer es war, könnte sie angeben. Womit eines der vielen Theoreme dieses theoriegesättigten Liebesromans bestätigt wäre: dass nämlich die Virginität für das Vokabular des Verführers bedeutungslos geworden ist. Kierkegaards und Laclos' Dogmen der Verführung gelten nicht mehr. "Mein Entwurf", formuliert Soudain, "sah kein Kind vor, sondern den Bruch mit der Tradition, der wie ein blasphemischer Witz das Zeitalter von Antibabypille und Scheidenpessaren durchzieht. Die Suche nach irdischen Paradiesen und die falsche Wiederholung des Paradieses auf Erden hört auf mit dem Anfang der Unbefleckten Empfängnis."

Freiwillige Gefangenschaft

Libertinismus und Treue passen nicht zusammen? Man höre Soudains Philosophie der Sinne: "Ihre Unschuld bestand darin, daß sie nicht wußte, daß sie das verkörperte Vergnügen war." Voilà, damit wäre das Paradies auf Erden wohl doch recht trefflich charakterisiert. Tatsächlich ist Equilibre alles mögliche (töricht, rührend, intelligent, fröhlich), aber eines will sie keinesfalls sein: "emanzipiert". Diese höhere Tochter aus Neuilly kann sehr nett Chopin spielen und beherrscht ein paar Fremdsprachen, lebt ansonsten in den Tag hinein und hat nichts dagegen, den "Fetischcharakter" ihres Körpers zu betonen, wie Soudain, ihr Mann, zustimmend bemerkt. Überhaupt stimmt Monsieur Plötzlich allem zu, was Madame Gleichgewicht tut und darstellt. In höchstem Grade ist er mit ihr einverstanden; selbst dann noch, als er die ersten Anzeichen von Hysterie, Wahnsinn und Todeswunsch bei ihr registriert.

Denn natürlich geht das Experiment eben nicht gut - jedenfalls nicht auf lange Sicht. Prousts Marcel hielt seine Albertine sechs Monate in der elterlichen Wohnung als seine "Gefangene". Was Undine Gruenter sich erdacht hat, kommt einer Variation gleich: einer freiwilligen Gefangenschaft. Sie dauert sechs Jahre. Doch dann flieht auch Equilibre. Eines Tages ist sie einfach fort, genau wie ihre literarische Vorgängerin. Der Paradiesgarten an der Marne - "konzipiert" für Equilibre - bleibt dann für immer verschlossen.

Undine Gruenter starb im Oktober 2002 nach langer Krankheit, im Alter von fünfzig Jahren. Sie hat dieses Buch in den Monaten vor ihrem Tod diktiert und ihrem Mann gewidmet. Dass hier ein Text über einen verschlossenen Garten der Liebe gegen das Sterben entsteht, muss man berücksichtigen, will man die nach innen gekehrte, lärmabwehrende, sehr französische Sprachmelodie der Autorin beurteilen. Diese Sprachmelodie ist Abschied.

Schon in ihrem wundervollen, erfolgreichen Erzählungsband Sommergäste in Trouville hat Undine Gruenter, die in Paris lebte, ihrem deutschsprachigen Publikum sehr viel französisches Lebensgefühl zugemutet. Auch diesmal geizt sie nicht mit landestypischer Raffinesse. Zu dem unverhohlenen Ästhetizismus kommt noch der Snobismus einer ziemlich reduzierten Versuchsanordnung hinzu: Ein Mann, eine Frau, ein Hund, eine Haushälterin, ein Garten und ein Eindringling.

So ist dieser Roman denn auch keineswegs ein Porträt der französischen Gesellschaft geworden, wie es die Sommergäste leisteten. Was hier geschieht, ist nicht die Regel, sondern wird gedeckt von ihr, oder besser: wird gedeckt von der Solidität (nicht Solidarität) des gehobenen Bürgertums. Ausschließlich diese - teils skurrile - Binnensicht zählt. Der verschlossene Garten ist, trotz seines Schwelgens in herrlichsten Farben, Pflanzen, Stoffen und Gerichten ein abstraktes Buch, fast so etwas wie ein erzähltes Traktat. Oft fühlt man sich an die geschliffenen Aphorismen eines La Rochefoucauld erinnert - abzüglich der Bissigkeit dieses Moralisten des 17. Jahrhunderts. Ja, die ungemeine Zärtlichkeit der Perspektive des - zuletzt düpierten - Ehemanns Soudain darf man vielleicht dann doch noch als emphatisches Zeichen der Gegenwart verstehen: War jemals ein Erzähler so generös und zugleich so wenig ehrgeizig mit der Geliebten?

Doch plötzlich gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Erst schwemmt eine Welle von Albträumen durch Equilibres Nächte, dann taucht der unvermeidliche Eindringling auf: Saint-Polar. Nicht, dass Equilibre ihn aufgegabelt hätte. Nein, Soudain selbst bringt den vierzigjährigen, attraktiven Anwalt eines Tages mit nach Hause. Es ist der Beginn einer ménage à trois, die Equilibres gleichmütige Zufriedenheit beendet. Sie, die Luhmanns "Code" im Mund führt, hält dem Werben nicht stand, und Soudain, der Ehemann, lässt es geschehen, und so wird sich niemand wundern, dass Equilibre schließlich beide Männer verlässt - um zurückzukehren: nicht in Papas Bibliothek mit den himbeerfarbenen Sesseln, nicht an die Dinnertafel ihrer mondänen, unterforderten Mama - sondern in das kärgliche, offene Leben ihrer Altersgenossen.

Die Stadt hat sie wieder. Auch Soudain überlegt, ob er noch einmal einsteigen soll als Redakteur einer philosophischen Zeitschrift. Als die beiden ein Rendez-vous wagen und sich wiedertreffen, umgeben vom lebhaften Ambiente eines gepflegten Bistros, erkennt er scharfe Züge in ihrem Gesicht: "ich war so traurig, als hätte dieses Mal ich sie verlassen".

Der verschlossene Garten ist, wenn nicht Undine Gruenters bestes Buch, so doch ihr ergreifendstes: ein unwahrscheinliches Abschiedsgeschenk.

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