Der Verrat von Cécile Wajsbrot, 2006, LiebeskindDer Verrat.
Roman von Cécile Wajsbrot (2006, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Holger Fock und Sabine Müller).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Zürcher Zeitung vom 17.5.2006:

Die gestaute Vergangenheit
Cécile Wajsbrots Roman «Der Verrat»

Das menschliche Gedächtnis ist ein komplizierter Apparat. Neben der Leistung steht das Versagen: Es lässt einen manches vergessen, um dann jäh, von einem diffusen Impuls gespeist, das vermeintlich Vergessene neu aufzutischen. Mitunter, das zeigt Cécile Wajsbrots neuer Roman auf geradezu stupende Weise, können mit solchen Déjà-vus aber auch Veränderungen und womöglich sogar schmerzhaft-kathartische Schnitte einhergehen.

Dies demonstriert die heute 51-jährige Französin in ihrem neuen Roman am Falle des pensionierten Rundfunkredaktors Louis Mérian. Der nämlich bekommt eines Tages Besuch von einer jungen Kollegin, die mit ihm ein Interview machen will über seine Arbeit, über sein Leben. Für diese Ariane Desprats stellte Louis lange Zeit ein Idol dar, als Kind verfolgte sie seine Sendungen am Radio. Nach einem Gespräch, beim Abschiednehmen, erkundigt sie sich, ob er während des Zweiten Weltkriegs auch schon beim Rundfunk gewesen sei. Und diese schlichte Frage bringt etwas in Gang bei Louis Mérian, «irgend etwas Unbekanntes tat sich in ihm auf».

Der Leser weiss hier freilich noch nicht, welcher Art diese tiefer gelegenen Resonanzen sind. Allem Anschein nach ist da aber verdrängtes, dunkles Potenzial, ein schlechtes Gewissen, eine Vorahnung von Schuld. Für Louis ähnelt Ariane aufgrund ihrer physischen Präsenz und ihrer Stimme stark einer gewissen Sarah Lipsick. Zunächst nur schemenhaft, gewinnen seine vermeintlich verschütteten Erinnerungen nach und nach an Kontur, reichen zurück bis in die Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich.

In der Rückblende erlebt man, wie Louis diese Sarah zu Anfang des Zweiten Weltkriegs an einer Pariser Schauspielschule kennen lernt. Sie verlieben sich. Die historischen Bedingungen indessen drücken dieser Romanze ihren Stempel auf. Als Jüdin pflegt Sarah Kontakte zum Widerstand, sie nimmt an konspirativen Treffen teil, Treffen, zu denen Louis sie ausdrücklich nicht begleitet: Dafür fehlt es ihm an Mut und Überzeugung, «er wollte Sarah ohne das Widerstandsnetz». Sarah nimmt ihm das nicht übel, ihr politisches Engagement stellt sie deshalb allerdings auch nicht in Frage. Der denkbar schlimmste Fall tritt ein: Sarah muss untertauchen, wird von Nazischergen aber gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert. Die Frage, die den zerknirschten Louis nun Jahrzehnte später wie aus heiterem Himmel komplett aufwühlt, lautet: Hätte er sie retten können?

Nagendes Schuldgefühl will ihn nicht mehr loslassen. Und eben jetzt, vierzig Jahre später, versucht er, mit sich ins Reine zu kommen. Nach Recherchen im noch lebenden Umkreis der Familie Lipsick erlangt er die Gewissheit über Sarahs frühen Tod und fällt eine letzte, existenzielle Entscheidung. «Sein ganzes Leben hatte er den Eindruck, etwas fehle wie bei einem Puzzle.» Die Komplettierung ist für ihn nur durch seinen eigenen Tod zu bewerkstelligen.

Trotz dieser leicht melodramatischen Einfärbung am Ende ist die Geschichte des Louis Mérian mit viel Zurückhaltung und Feinsinn für psychologisches Dilemma erzählt. Wajsbrot vermeidet den moralisierenden Impetus. Stattdessen kreist der Text um die verschobene Erinnerung und ihre Heraufbeschwörung, nähert sich, distanziert sich im dialektischen Hin und Her der Gewissheiten und Spekulationen. Mit der Figur des Louis Mérian entsteht das leicht schizophrene Bild eines Opportunisten à contrecœur. In ihrer Absolutheit gestaltet sich seine Verliebtheit als ein Versagen, die politische Passivität wird zu einem Schuldigwerden durch Unterlassen und Schweigen. Erst spät drängt eine alte Verfehlung auf Läuterung. Cécile Wajsbrot zeigt, dass im Schnittpunkt von objektiver und individueller Geschichte Platz (oder Zeit) fehlt, das Richtige zu tun – dass Nichtstun aber auch keine Lösung ist.

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