Der Verräter von Bethlehem von Matt Rees, 2008, BeckDer Verräter von Bethlehem.
Roman von Matt Beynon Rees (2008, Beck - Übertragung Sigrid Langhaeuser).
Besprechung von Katja Stumpp auf bild.de, 13.10.2008:

Schriftsteller Matt Rees schuf Omar Jussuf – Spurensuche in Bethlehem Der erste palästinensische Krimi-Detektiv
Wenn Matt Rees (41) durch Bethlehem bummelt, dann denkt er nicht an Jesu Geburtsstätte und ganz sicher nicht an Weihnachten. Morde beschäftigen den Schriftsteller, blutige Rache und: natürlich Omar Jussuf, der Detektiv auf der Suche nach Tätern und Gerechtigkeit.

Der gebürtige Waliser Matt Rees hat Omar Jussuf geschaffen, den ersten palästinensischen Ermittler der Literaturgeschichte. Jussufs erster Fall, „Der Verräter von Bethlehem“, ist bereits in den deutschen Buchläden. Im Februar folgt die Übersetzung der zweiten Folge im Verlag C.H.Beck: „Ein Grab in Gaza“.

Spurensuche mit Matt. Ich fahre mit ihm zu seinen Tatorten in und um Bethlehem, zu den Orten der Inspiration, wie es so schön heißt. Der 41-Jährige wohnt nur eine Viertelstunde Autofahrt entfernt in Jerusalem. „Alle in diesem Buch beschriebenen Verbrechen haben sich wirklich in Bethlehem zugetragen“, heißt es in einem kleinen Vorwort im Buch, „auch wenn die Namen und einige Umstände verändert wurden, gingen die Mörder tatsächlich auf die geschilderte Weise vor (...).“

Die steile, kurvige Straße hoch von Bethlehem aus fahren wir nach Beit Jala, ein Minivorort, die Bewohner sind Christen. Von hier kann man Gilo sehen, „für die Palästinenser eine illegale Siedlung, für die Israelis ein Teil Jerusalems“, sagt Matt Rees und erklärt, wie die moslemischen Mitglieder der Al-Aksa-Märtyrerbrigaden während der Intifada Richtung Gilo schossen und von Israel heftiges Feuer zurückkam – getroffen wurden die Häuser der Christen. „Sie haben den Preis bezahlt, sie sind die Minderheit in der Gegend“, sagt Matt und sucht sich erstmal ein Plätzchen im Schatten. Die Sonne knallt, das kalte Winterwetter, in dem sein Held Omar Jussuf friert und versucht, seine Haare zu glätten, ist noch weit entfernt.

Im Buch versucht Omar Jussuf einen christlichen Freund aus Beit Jala aus den Fängen der militanten Palästinenser zu retten. Er soll einen Landsmann an die Israelis ausgeliefert haben, ein Verräter sein. Omar Jussuf ist Lehrer an der von den UN geführten Mädchenschule in Bethlehem, er weiß um die Korruption in der Stadt, um die Gangster, Militanten und Politiker, die mitmachen. Als sein Freund festgenommen wird, lehnt er sich auf.

„Der ‚echte‘ Omar Jussuf, dessen Identität ich nicht bekannt geben möchte, hat das getan“ erklärt Matt. „Er hat sich gegen die Militanten gewehrt (...). Es war gefährlich, aber er hat es getan. Und das ist einer der Gründe, warum er meine Hauptfigur ist.“ Wenig später stehen wir vor der Schule, in die Matt seinen zittrigen, fahrigen aber blitzgescheiten Omar Jussuf hineingeschrieben hat. „Ich habe ihn zum Lehrer gemacht, weil ich wollte, dass es vor allem um die Zukunft geht. Um die Auswirkungen von all der Gewalt und all dem politischen Blödsinn, der erzählt wurde, auf die Gedanken der jungen Leute, die der Kinder. Mein Held sollte als Lehrer vor der Klasse stehen und sagen, ‚ihr sollt nicht hassen, denkt darüber nach, was ihr von der Zukunft wollt, denkt darüber nach, was hier wirklich um euch herum vorgeht‘.“ Matt dreht sich um, schaut das Schulgebäude an, an dem noch zahlreiche Einschusslöcher zu sehen sind, und fügt leise hinzu: „Natürlich bin ich nicht naiv. Es wird sehr schwer sein, ohne den Hass der Eltern oder Großeltern aufzuwachsen.“

Matt Rees beschreibt Probleme in der palästinensischen Gesellschaft, Israel kommt nur am Rand vor. Neben der Schule beginnt das Flüchtlingslager Dehaische. 16 000 Menschen leben hier in trostlosen, dicht an dicht gebauten, hässlichen Betonhäusern. Wir steigen über Wasserbäche, die uns entgegenkommen. Unbehandeltes Abwasser. Der ‚echte‘ Omar Jussuf lebt hier irgendwo. Rees schreibt über Korruption und kriminelle Banden, erzählt auch, wie er früher Mitglieder der Märtyrerbrigaden interviewte, „die sind aber inzwischen alle tot.“

Und ganz sicher will er keine Touristen verschrecken. „Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig verbessert“, sagt er. Für die Tour durchs Flüchtlingslager hat er allerdings Walid engagiert, Ex-Bodyguard von Jassir Arafat, heute Taxifahrer und Tourenführer. Ein Schrank von einem Mann. „Hier in Dehaische sind die Leute einfach misstrauisch, wenn Fremde auftauchen“, erklärt Matt, der sechs Jahre lang Büroleiter des „Time Magazine“ in Jerusalem war und Bethlehem wie seine Westentasche kennt.

Völliger Szenenwechsel, nur ein paar Autominuten entfernt ist die Geburtskirche. Statt wie eben noch Schulmädchengeschrei hören wir jetzt die Gesänge der Gläubigen. Touristenmassen vor und in der Kirche staunen. Walid trifft draußen Kumpels und winkt uns zu. „Ich wollte, dass dieser Ort einen ganz wichtigen Platz im Buch einnimmt“, sagt Matt mit gedämpfter Stimme am Eingang zur Geburtsgrotte, „weil ich mit diesem Roman alles auf den Kopf stellen will, was wir glauben, an Wissen über die Palästinenser zu haben. Die meisten Menschen wissen vermutlich nicht einmal, dass Bethlehem arabisch ist.“ Anmerkung: Wer von Jerusalem nach Bethlehem kommt, muss einen gewaltigen Checkpoint passieren.

„Alleine der Name Bethlehem, da denken wir an die Gebete der Menschen hier. Ich will aber auch, dass die Leser an das Flüchtlingslager denken, das wir eben gesehen haben, an die Abwässer, an die Realität dort. Eine Art Realitätscheck für Leute, die denken, sie wissen alles über Palästinenser.“

Matt Rees hat die Erfahrung gemacht, dass ihm die Palästinenser mehr vertrauen als sich gegenseitig. „Bekannte hier sagen, sie mögen das Buch, weil sie mir mehr erzählen können als ihren eigenen Leuten. Bei mir riskieren sie nicht, dass sie jemand identifiziert.“ Auch wenn die Geschichten im Krimi ein paar Jahre alt sind, das Leben hier ist immer noch nicht rosig, und niemand will mit seinem Insiderwissen veröffentlicht und prompt erkannt werden.

Das führt auch zum letzten Ort der Omar-Jussuf-Tour von Matt Rees, ins Tal unterhalb von Bethlehem, ins Dorf Irtas. Matt zeigt in Richtung einer Gruppe von Olivenbäumen: „Da passiert der erste Mord im Buch. Und hier hatte ich die Idee zu einem Krimi.“ Hintergrund: „Ein junger militanter Palästinenser wurde hier von israelischen Scharfschützen erschossen. Ein Verräter hatte ihn für die Israelis identifiziert.“ Am nächsten Tag sprach Matt mit der Familie des Mannes. „Und sie erzählten auf eine so anschauliche, tief gehende Art und Weise wie es war, den Schuss zu hören, den Toten zu sehen, die Leiche zu identifizieren und sein Blut zu spüren, und mir war klar, das ist zu viel für Journalismus, für einen Artikel.“ Der junge Mann, der erschossen worden war, soll nur Wochen zuvor in der Nähe einen jüdischen Siedler umgebracht haben. 2003 war das, und Matt fing an, über einen Roman nachzudenken. Ab 2005 schrieb er.

„Ich bin nicht pro Israel oder pro Palästinenser“, stellt der 41-Jährige klar, „ich versuche, einen dritten Weg zu zeigen, bei dem Palästinenser auch eigene Fehler einräumen und so stärker werden. Stark genug, um Israel zu konfrontieren und eine Friedenslösung zu finden.“ Und auch wenn „Der Verräter von Bethlehem“ alles andere als ein lustiges Buch ist: „Einige Leute denken, meine Bücher seien deprimierend, weil ich diese harte Realität beschreibe, aber ich finde das nicht. Ich habe diese Krimiform mit Detektiv gewählt, weil das eben nicht deprimierend ist. Er kämpft darum, die Wahrheit zu finden. Obwohl die Realität schwierig ist, verkörpert dieser Mann die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Ordnung (...), auf ein besseres Leben.“

Matt hat Ideen für insgesamt sieben Omar-Jussuf-Bände, das klingt irgendwie nach J. K. Rowling und sieben Harry-Potter-Büchern. „Die sieben ist alles, was uns verbindet“, lacht Matt. „So viel Geld machen werde ich wohl nicht.“ Der erste Band ist außer in Englisch in zwölf weiteren Sprachen erschienen. Darunter Hebräisch („die israelische Presse war sehr fair“), aber bisher nicht auf Arabisch. „Darauf hoffe ich noch“, meint Matt.

Zur Zeit schreibt er in seinem Jerusalemer Apartment den vierten Band. „Ich mache eine arabische Tour“, erklärt er. Aber dann will der Brite erstmal ein Päuschen von Omar Jussuf machen. Nicht aber ein Päuschen vom Schreiben: „Ich plane einen Krimi, der im Wien der 18. Jahrhunderts spielt“, verkündet Matt stolz.

Ich brauche einen Moment, um dem Gedankensprung von Bethlehem mit Muezzin rückwärts in die Zeit nach Wien folgen zu können. Der Autor will natürlich noch nichts verraten. Aber das macht auch nichts. Egal, wo Matt Rees auf dem Papier morden und ermitteln lässt – ich werde es bestimmt lesen.

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