Der verliebte Gefangene von Cees Nooteboom, 2006, SuhrkampDer verliebte Gefangene.
Tropische Erzählungen von Cees Nooteboom (2006, Suhrkamp - Übertragung
Helga van Beuningen).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit, 16.3.2006:

Der erträumte Augenblick
Als der junge Cees Nooteboom in die Tropen reiste

Cees Nooteboom, Reisender und Dichter: Bevor die beiden Formen der Entdeckerlust, die in seiner Biografie lange voneinander abgekoppelt waren, in den unzähligen »Reiseerzählungen« zusammenfanden, waren sie gleichberechtigte Paten des angehenden Schriftstellers. Der 22-Jährige schrieb sein Debüt Philip und die anderen auf dem Hintergrund seiner ersten europäischen Reisen, und die große Seefahrt, die den 24-Jährigen nach Trinidad, Guyana und Surinam führte, schlug sich in den Tropischen Erzählungen von 1958 nieder. Von da an konzentrierte er sich fast ausschließlich auf Reisereportagen, bis 1980 mit Rituale der Romancier wiederauferstand und zu Ehren kam.

»Ich reise und reise, und was habe ich davon?«

Dieser aber, der späte Nooteboom, kann den frühen Nooteboom nicht mehr so recht leiden. Für ihn ist der Autor von Philip und die anderen bloß noch ein »junger Mann, mit dem ich den Vor- und den Nachnamen teile«, und die frühen Erzählungen konfrontieren ihn mit der »Erfahrung, daß man etwas geschrieben haben kann, was man später nicht mehr wiedersehen will«. Hier spricht der soignierte Herr, der beim jahrzehntelangen Schweben über den Wolken stets den metaphysischen Gipfel des Olymps im Blick hatte und von jedem Flug neue Weisheiten mit auf die Erde brachte. Er spricht über einen jungen Wilden, dem die sinnliche Gleichgültigkeit des Physischen auf die Pelle rückt, Schweiß, Schmutz und Schmerz, Glanz und Elend einer Welt, die sich nicht mit philosophischen Sentenzen besänftigen lässt.

In dem jetzt erschienenen Bändchen wird die karge »tropische« Sammlung durch eine mystische Traumgeschichte – Phantasma von 1972 – und die Erzählung Kinderspiele komplettiert, die Suhrkamp 1968 einzeln veröffentlicht hatte. Die Titelerzählung beginnt mit einer Frage, die der Weltreisende später allenfalls rhetorisch stellte: »Ich reise und reise, und was habe ich davon?« Nichts. Nichts als Hitze, Schlaflosigkeit, Fliegen, Schlamm, Trägheit, Armut, »eine kleine Hölle aus schneidendem Grün«. Die holländische Kolonie Surinam, die so vielen Landsleuten exotischen Kitsch in die Feder diktierte, wird zum Ausgangsort für einen Besuch der ehemaligen Strafkolonie am Grenzort Saint-Laurent. Der Ich-Erzähler lässt, ebenso lakonisch wie in Der Matrose ohne Lippen, einen andern die grausame Geschichte erzählen, hier von dem Gefangenen, der seinen Wärter mit der Eisenkugel an seiner Kette erschlug, dort von der Prostituierten, die ihren Freier mit einer Rasierklinge verstümmelte.

Weil sie nicht durch Gelehrtheit abgedämpft werden, bilden diese Erzählungen einen Resonanzraum für das Grauen, diesen seit Herz der Finsternis unüberhörbaren Angstpuls kolonialer Gewalt. Am deutlichsten wird dies Erbe in Der Zwerg von Huelva , wo der Autor die spielerische Gewalttat zweier Matrosen an einem Einheimischen imaginiert; die Szene endet in fataler Indifferenz: »…später legen sie sich hin, offen und bloß im Licht der Sonne, müde wie nach langer Arbeit, und schlafen ein.« Dreizehn Jahre nach Camus’ Erzählung wird aus dem unschuldigen Strandläufer wieder ein Fremder, sich selbst und dem Anderen ausgeliefert.

Im Reisebuch Im Frühling der Tau von 1995 heißt es: »Bei weiten Reisen gibt es unweigerlich stets eine zweite Ankunft: die, wenn man wirklich angekommen ist. Die erste, eigentliche Ankunft zählt dann bereits nicht mehr – sie gehört noch zu demjenigen, der man jetzt nicht mehr sein will, der lästigerweise nicht von einem weichen wollte, … während man unterwegs zu jenem erträumten Augenblick war, da der Reisende eins wird mit dem Bild seiner Sehnsucht.« Ebenjener lästige, unbelehrte Vagabund, dem keine Traumvorgaben die Sicht trüben, ist in dieser rauen Poesie unterwegs und lässt sich von der Wirklichkeit blenden, überfallen, entwaffnen – ohne jemals anzukommen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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