Der verdammte Hof.
Erzählung von Ivo Andric (2002, Suhrkamp - Übertragung Milo Dor und Reinhard Federmann).
Besprechung von A.Bn. in Neue Zürcher Zeitung vom 29.6.2002:

Kerker und Komposition

Es ist gewiss nicht das stärkste Stück des bosnischen Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric , das der Suhrkamp-Verlag mit der Gefängnis-Erzählung «Der verdammte Hof» aus dem Jahr 1954 in seiner Edition wieder auflegt. Zwar ist alles da, was den Reiz von Andrics Schreiben ausmacht: der plastisch gestaltete und kraftvoll kolorierte multikulturelle historische Stoff, interessante Figuren, eine pointierte Psychologie sowie das Spiel mit Erzählebenen - und dennoch will der Text nie recht in Fahrt kommen. Es scheint, als habe sich Andric nicht entscheiden können, ob er nun einen Roman oder eine Novelle verfassen wollte. Die Dämonie des türkischen Gefängnisdirektors Karadjos wird beschworen, als müsste sie einen ganzen literarischen Kosmos tragen - doch in der Folge szenisch kaum umgesetzt. Der bosnische Franziskanermönch Petar, den es in die Fänge der osmanischen Polizei und damit in den berüchtigten «Verdammten Hof» am Bosporus verschlägt, bleibt ein Funktionär des Autors und inhaltlich eine Leerstelle - seine Erzählungen werden nach seinem Tod im Kloster weiter erzählt. Als Figur fasziniert Djamil, ein melancholischer junger Intellektueller, der sich zur paranoiden Angst der Mächtigen bis in den Wahn hinein mit dem tragischen Sultan Dschem identifiziert, der zur Zeit der Kreuzzüge zum politischen Spielball zwischen Orient und Okzident wurde - doch gibt sein Verdämmern wenig Novellistisches her....Fortsetzung

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