Der verbotene Ort von Fred Vargas, 2009, AufbauDer verbotene Ort.
Roman von Fred Vargas (2009, Aufbau Verlag - Übertragung
Waltraud Schwarze).
Besprechung von Lars von der Gönna aus der WAZ vom 5.06.2009:

Blut ist im Schuh
„Ich sehe dich das erste Mal sitzen bei einer Ermittlung”, sagt Doktor Romain, der spröde Gerichtsmediziner.

Es klingt leicht vorwurfsvoll. Sollte es etwa bedeuten, dass Jean-Baptiste Adamsberg, dieser furchtlose Pariser Polizist, dieser seltsamste von allen seiner schillernden Brigade, in die Knie geht vor den Verbrechen des 21. Jahrhunderts?

Man könnte es in diesem Fall mühelos tun und würde immer noch nicht als exekutiver Waschlappen gelten. Denn der Endsiebziger Vaudel, ein reicher Journalist, der alte Gerichtsurteile ins Wanken brachte, ist nicht einfach ermordet worden. „Das ist Schwerstarbeit, Starrsinn, Berechnung. Vielleicht sogar Inszenierung”, sagen sie, die den Tatort sichern, und meinen eine Leiche, die es nur noch krümelweise gibt. In hunderte Teile zerstückelt, am Klavier hängt ein bisschen Vaudel, unter der Decke . . .

Das ist ja ekelhaft! Und doch liest sich Fred Vargas' Kriminalroman „Der verbotene Ort” nicht als Anbiederungsversuch an die Splatter-Steppe, die derzeit aggressiver wächst als es der Krimi-Landkarte gut tut. Gewalt, Leichen – nur um von einem Kapitel zum nächsten zu kommen, wer hätte das weniger nötig als Vargas? Die studierte Archäologin vom Montparnasse hat sich im umkämpften Genre von Anfang an als Menschenbildnerin etabliert. Als Erzählerin führt sie ihre Stränge in schöner Parallelökonomie, schafft Dialoge von melancholischem Witz, macht sich unabhängig von schiefen Metaphern (wenn Vargas die oberste Stufe einer Steintreppe von der Junisonne anwärmen lässt, dann sagt sie es ganz schlicht und wir möchten uns einfach nur setzen).

Vor allem ist es Fred Vargas gelungen, ein halbes Jahrhundert nach Simenons rührend sachlichen Maigret-Episoden den Tatort Paris wieder in die Bestsellerlisten zu bringen. Dabei ist sie nah an ihren Geschöpfen, die bei aller Lebensprosa zwischen schlechtem Cidre und prostatagequälten Nachbarn stets etwas Surreales, Phantastisches umweht.

Apropos phantastisch: Die gequirlte Journalisten-Leiche ist ja nicht das einzige Ungemach, das Adamsberg, den treuen Danglard und einen in erheblichen Schwierigkeiten steckenden Mordent heimsucht. Ein Fortbildungsabstecher nach London fügt dem Peinigungspuzzle am historischen Highgate-Friedhof zu allem Ermittler-Unglück ein Dutzend Schuhe zu, in denen noch die Füße stecken. Die Restkörper freilich, sie fehlen.

Ein verlauster Köter namens Cupido, verräterischer Pferdemist, Adamsberg als Geburtshelfer und mehrfacher Vater und vor allem eine groteske Höllenfahrt zu den Wurzeln des Aberglaubens: All das macht den neuen Vargas todsicher zum Objekt der Fan-Begierde. Neugierige Einsteiger? Können hier anfangen, bringen sich aber um hübsche Anspielungsmomente, wenn sie Vorgänger (etwa „Die dritte Jungfrau”) nicht kennen. Fast alle älteren Vargas-Würfe gibt es als Taschenbuch. Und bald sind ja Ferien; ein bisschen Paris hat noch keinem Pool geschadet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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