Der Ursprung
der Welt.
Roman von Jorge
Edwards (2005, Wagenbach - Übertragung Sabine Giersberg).
Besprechung von Katharina Deloglu in der Frankfurter Rundschau, 20.4.2005:
Bad in Eifersucht
Jorge Edwards' Altherrenprosa
Bühnenreife Leistung
Hier bringt es der Autor Jorge Edwards zu einer bühnenreifen
Leistung - mit so mancher Anleihe aus der Literatur. Patricio, wie er sich mit
jeder Niederlage, jedem ausbleibenden Beweis in seinen Wahn hinsteigert, gibt
eine gelungene Karikatur des gehörnten Ehemanns wie auch des akribisch
ermittelnden Detektivs à la Sherlock Holmes ab. Derweil zieht in loser
Szenenabfolge die skurrile Truppe der Nebendarsteller über die Bühne des
Geschehens: die französische Concièrge (Balzac)
neben der hexenartigen Kupplerin (Celestina) und ein kommunistischer
Karikaturist neben einem surrealistischen Intellektuellenpaar, das die freie
Liebe predigt. So könnte das Ganze eine wunderbare Komödie sein, zumal die Übersetzerin
Sabine Giersberg gekonnt den Ton trifft. Dazu das barocke Vexierspiel von
wahnhafter Illusion und Wirklichkeit, und die Mischung würde uns einen amüsanten
Theaterabend bescheren. Doch jenseits der blühenden Komik linear erzählter
Anekdoten bleibt der Roman seltsam flach. Politische und soziale Details, die in
den Lebensgeschichten der Figuren durchaus angelegt sind und Anlass zu einer
epischeren Auseinandersetzung bieten könnten, bleiben fast unausgeführt.
Jorge Edwards, der in seiner Heimat Chile zu den bekanntesten Autoren der
Gegenwart zählt, nennt seinen Roman - nach dem Unheil stiftenden Gemälde von
Courbet - Der Ursprung der Welt. Im übertragenen Sinn erscheint so aber
nicht nur der alttestamentarische Sündenfall als Ursprung der christlichen Welt
beziehungsweise ihres Weltbildes. Der imaginierte sexuelle Treuebruch Silvias
wird hier zum Ursprung einer völlig isolierten Welt, nämlich der Obsession
Patricios, die sich einzig und allein um ihre eigene Achse dreht. Dieser
monomanische Ansatz liefert literarisch geschliffene Unterhaltung. Aber was so
über die glatt polierte Oberfläche schlittert, ist letztlich nicht mehr als
gediegene Altherrenprosa.
Wirklich verübeln kann man das nur einem Schriftsteller, von dem man anderes
gewohnt ist. Einem Intellektuellen, der schon vor Jahrzehnten mit seiner
kritischen Stimme auf sich aufmerksam machte. Als die sozialistische Regierung
Salvador Allendes den Juristen Edwards 1970 nach Kuba schickte, um erste
diplomatische Beziehungen aufzubauen, kam es zum Eklat. Wegen seiner Kritik an
den sozialen Missständen verwies ihn Castro persönlich schon nach wenigen
Monaten des Landes. Der Tabubruch: Kritik an einem sozialistischen Regime aus
der Perspektive eines bürgerlichen Linksintellektuellen. Seine polemische
Chronik jener Zeit - Persona non grata - wurde vielfach übersetzt und
provozierte ausgiebige Debatten unter den Intellektuellen der gesamten
romanischen Welt. Ein zu heißes Eisen für deutschsprachige Verleger? Die
deutsche Übersetzung lässt jedenfalls bis heute auf sich warten.
Hierzulande kennt man von Edwards bisher nur die Biographie seines Freundes und
Landsmannes Pablo Neruda. Mit Der Ursprung der Welt wird Edwards nun
erstmals als Romancier lanciert. Das ist ohne Zweifel ein verlegerisches
Verdienst. Aber wo in früheren Werken seine bekannte und geschätzte Ironie
immer auch die Gesellschaft traf - die verkrustete Bürokratie, Stagnation und
soziale Desintegration -, gleitet das Konfliktpotential hier in den
Miniaturkosmos eines Einzelnen ab.
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