Der
unwerte Schatz.
Buch von Tino
Hemmann (2005, Engelsdorfer Verlag).
Besprechung von Paul
Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg für die REZENSIONENwelt,
III/2006:
Mit dem o.g. Buch ist Hemmann ein außergewöhnlich einfühlsames und anrührendes Buch zum Thema "Euthanasie" (gemeint ist hier: der Mord an geistig kranken Menschen im III. Reich) gelungen.
Zur Handlung: am Vorabend der
Machtergreifung des Naziregimes wird in Leipzig ein kleiner Junge geboren: Hugo
Hassel. Bei der Geburt Hugos stirbt der mit ihm im Mutterleib gewachsene
Zwilling - die Erinnerung daran bleib Hugo, der fortan für beide lebt.
Hugo ist so in bestimmten Momenten Fritz, wie er in anderen Hugo ist. Kommt es
zu Schwerem (etwa Schläge des Vaters, der lieber eine Tochter an Sohnes Statt
gehabt hätte, Lieblosigkeiten der Mutter, Strafen jeglicher Art etc.), nimmt
Fritz auf sich, was Hugo gilt - erleidet es für beide. Andererseits vermag er
Dinge, die Hugo als solchem nicht leistbar erscheinen - schlicht: ein
ausgeprägtes anderes Ich steht Hugo an der und zur Seite.
Bei einer regulären Schuluntersuchung fällt einem der Ärzte die multiple
Persönlichkeitsstörung, die Schizophrenie Hugos auf - fortan hat die
nationalsozialistisch orientierte "Wissenschaft" Interesse an
dieser Form der Ausprägung der Krankheit, was in jener menschenverachtenden
Zeit dazu führt, daß das Kind Hugo zum Objekt wissenschaftlichen Ehrgeizes und
zur Sprosse der Karriereleiter eines Professors für jugendliche Psychopathen an
der Leipziger Kinderklinik wird, der das Hirn des Jungen für seine Zwillings
-"Forschung" einfordert, durch Aktenfälschung eine Verbringung des
Jungen in die Pirnaer Vernichtungsanstalt "Sonnenstein" und einen
Mord an ihm durch Vergasung erreicht, um so des Hirnes für seine
abstrusen Zwecke habhaft zu werden .
Mit warmer Empathie schildert der Autor den
kurzen Lebensweg des Jungen, seine Empfindungen von Glück und Unglück, die
Freuden, Schmerzen und eigenartige Veranlagung des Jungen Hugo-Fritz, wobei in
gleichem Maße ein Bild der Zeit durch die Ansicht des Jungen gewonnen wird, das
in dichten und intensiven Bildern den Leser in Bann zieht.
Wie selten einem Autor, ist es Hemmann hier in eindringlicher Gestaltung von
Ausgeliefert-Sein an die Zeit, Desinteresse, Lieblosigkeit und gezwungenem
Umgang der Menschen miteinander gelungen, daß die Erfahrungen des Jungen Hugo
den Leser auf lange Zeit hin befassen. Das Buch zeigt so, neben der Tragödie
einer Kinderzeit, warnend die Gefahren einer menschenverachtenden und
-vernichtenden Zeit auf.
Ein Buch, das in seiner Art einmalig dasteht und dem eine große Leserschaft zu
wünschen ist.
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Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt © P.A.K.