Der Untenstehende auf Zehenspitzen von Botho Strauß, 2004, Hanser1.) - 3.)

Der Untenstehende auf Zehenspitzen.
Buch von Botho Strauß (2004, Hanser).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 20.03.2004:

Ein Parsifal seiner späten Jahre
Bekenntnisse eines Unzeitgemäßen: Das neue Buch von Botho Strauß

"Ich habe gelebt, als ob mein Tag noch kommen würde. Aber, die Wahrheit zu sagen, er war schon vorüber, als ich geboren wurde." Das neue Buch von Botho Strauß (59) - ab sofort in den Buchhandlungen zu haben - ist eine Sammlung solcher und ähnlicher Selbstaussagen. Maximen und Reflexionen. Befragungen, Untersuchungen, Behauptungen. Dialektische Geistesblitze ebenso wie naiv anmutende Bekenntnisse.

Schlaglichter eines ganz und gar Unzeitgemäßen auf unsere Zeit, auf die er stolz, um nicht zu sagen überheblich, und provozierend herunterblickt.

Der Titel aber suggeriert anderes: "Der Untenstehende auf Zehenspitzen". Als einen solchen sieht er sich - kokett und demütig zugleich; als einen, "der über Mauern in fremde Gärten späht, der nur auf Umwegen und Randpfaden sich fortbewegen kann". Wobei Strauß hiermit Anleihe nimmt bei einer von ihm hoch verehrten Schriftstellerin: Simone Weil, die literarisch für sich entschieden hatte, "den Standpunkt der Untenstehenden einzunehmen".

"Mach dich nicht lächerlich. Sprich nicht so vollmundig mit dir selbst", heißt es an einer Stelle bei Botho Strauß. Mit dieser Selbstermahnung nimmt er jede Kritik, die ihm seinen vielfach geschwollenen Ton vorwerfen wollte, vorweg. Alles, was man aufgrund dieses Buches gegen "Auch schien mir ein rücktönendes Deutsch ertragreicher als ein neutönendes; eine Frage des Artenreichtums." Botho Strauß ihn in die Waagschale zu werfen beabsichtigte - seine Rückwärtsgewandtheit, seine Bildungsprotzerei, sein soziales Desinteresse - bringt er mit souveräner Ironie selbst aufs Tapet. Und macht daher hellhörig für die Feinheiten seiner Sprache, die Differenziertheit seines Blicks, den Witz seiner Verzweiflung.

Dies ist ein Selbstauskunftsbuch des Botho Strauß. Verkappt Autobiografisches, häppchenweise und zersplittert. Sich seines Rufs, ein Reaktionär zu sein, bewusst, wendet er dialektisch versiert das ihm von der bürgerlichen Linken angeheftete Etikett so, dass die Begriffe vielleicht doch inhaltlich neu zu besetzen wären. "Der Reaktionär ist der letzte Phantast in einer nahezu kompletten Fantasy-Welt", schreibt Strauß. Und er fragt sich: "Ob es in der Literaturgeschichte ewig die gleiche falsche Seite gibt? In einer Demokratie wird man einen rechtsstehenden Autor immer verleumden oder sogar geistig vernichten." Aber nie will er die "politische Rechte" meinen, die er "verabscheut", sondern: "Alles Rechte hat seinen Ursprung im Unpolitischen."

Widerspruch pur. Dialektik im Quadrat. Denn diese Aussage des Botho Strauß macht ja gerade sein Buch, sein Werk, den ganzen Mann zu einem hochgradigen Politikum. Um mit Dichteraugen auf die Welt zu schauen, muss er sich von ihr fern halten, muss er sich dem Hohn der SchnellfertigistdasWort-Anhänger aussetzen, muss er sich hundertprozentiger Keuschheit nähern: "Man muß gleichsam ein Parsifal seiner späten Jahre werden, der aus erworbenem Ignoriervermögen ein Bewußtsein, das ihm von allen Seiten souffliert wird, abzuwehren versteht: ich will es nicht wissen."

Der Mehrwert des Buches, das nur auf den ersten Seiten Gefahr läuft, als besinnliche Bettlektüre unterschätzt zu werden, liegt darin, dass es die Auseinandersetzung mit den vielfach zu Thesen geronnenen Sentenzen herausfordert. Dazwischen aber, zwischen oft lächerlich Erhabenem und satyrhaft Boshaftem, schwingt resignative Trauer. Trauer über den Verlust des Erinnerns, das Analphabetentum im Lesen von Physiognomien, den Tod des Buchhändlers Brockmann vom Bahnhof Zoo. Über das langsam verlöschende Bild der einstigen Gefährtin Billie, die als einzige Figur sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht. Und Trauer auch über das Eindringen der rohen Wirklichkeit in das heile Kinderleben des Sohnes.

Wehmut ergreift den mutig "altmodisch" fühlenden Schriftsteller beim Gedanken an eine enterotisierte Welt: "Der heilige Sexus erlosch in unserem Blut, er malte noch ein paar Jahrhunderte seine ,Zeichen` in den Staub der Kunst. Aber dann gab man sich mit einem Ersatz-Verfahren zufrieden, das im Ungenügen allgemein genügt, dem Sex." Und Botho Strauß, dieser brillante Spötter, nutzt dieses Aperçu dazu, seinem Verlag witzig, aber unverhohlen zu sagen, was er von anderen, literarisch hochkarätigen, amerikanischen Autoren dieses Hauses hält, deren bestsellerträchtig aufbereitetes Alterssex-Dasein er als "Geschwätz" bloßstellt.

"Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben." Botho Strauß

Begleitet wird das insgesamt fein gesponnene Klagelied von einer Sehnsuchtsmelodie in nationalem Moll. Sirenengleicher Gesang über ein immerwährend verborgenes "Geheimes Deutschland" eines Stefan George, das "nur findet, wer den Weg in die dichterische Emigration antritt. Zu jeder Zeit, unter jedem Regime."

Was bei aller verzweifelten Gestrigkeit des Autors dieses Buch dennoch sympathisch macht, was einen dazu treibt, es zu Ende zu lesen und sich einfangen zu lassen von seiner weltfremden Moral, ist Strauß` geistreicher Zweifel auch am eigenen, schriftstellerischen Tun: "Ich weigere mich, dies Zimmer noch einmal zu betreten, in dem ich, von Bekenntniseifer blind, drei Jahre lebte. In dem ich auf eine besonders unentschuldbare Weise war und nicht war: Hier saß ich, auf eine bessere Welt versessen - und habe mir das Zimmer für alle Zeit verdorben . . ., ich habe es verraten, als ich versuchte, ausgerechnet von hier aus in den globalen Mantel zu schlüpfen . . . Mir scheint, es ist die abgezogene Haut von diesem Ungetüm der besseren Welt."

Leicht ließe sich der Uckermärker als Denker nach Junkerart disqualifizieren oder im Trommelfeuer eines oberflächlichen Spotts erledigen. Doch wer diese scheinbar schwerelos schwebende, heiter distanzierte Prosa genau liest, wer bereit ist, sich auf sie einzulassen, der nimmt die Provokation des hoffnungslosen Weltverbesserers an. Und zollt Respekt seiner imponierenden Aufrichtigkeit, die ihn hier zum Narren von shakespeareschem Ausmaß werden lässt.

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Der Untenstehende auf Zehenspitzen von Botho Strauß, 2004, Hanser2.)

Der Untenstehende auf Zehenspitzen.
Buch von Botho Strauß (2004, Hanser).
Besprechung von Andrea Köhler in Neue Zürcher Zeitung vom 04.05.2004:

Orpheus in der Tiefgarage
Botho Strauss' uckermärkische Notizen

Wo ist die Sehnsucht geblieben in der neueren deutschen Literatur, die Unbedingtheit einer leidenschaftlich verfochtenen Sache? Vermisst noch irgendjemand etwas, tut überhaupt noch irgendwas weh? Wo sind die Landzungen des Totenreichs, die Schwellengebiete der Transzendenz, ja überhaupt die Lust an der geistigen Illumination? Alles Wollen und Hoffen befriedet in der demokratischen Dienstleistungsöde, abgenudelt in den «Operetten der Emanzipation», eingestampft in den «Empfindungsmoden», dem Grossraumbüro des Zeitgeists? Der zeitgenössische Mensch: reduziert auf die Gestalt «einer zerknüllten Alubüchse». Ich war eine Dose - wie ein ziemlich genialer Werbespruch einmal hiess -, der sogenannte Fortschritt eine Verschwörung der «Maschinenkomplizen», statt Leben bloss Lifestyle . Sollte das alles gewesen sein?

Dem mythischen «Recycling des Bedeutungsabfalls» hat sich Botho Strauss seit langem verschrieben, der «Aufstand gegen die sekundäre Welt» war stets sein Motor und seine Passion. Als die Therapiegesellschaft ihren Befindlichkeitsterror zur vollen Blüte entfaltet hatte, war Strauss ihr subtilster Analytiker, der sensorisch hochbegabte Physiognomiker des bundesdeutschen Mittelstands und des bürgerlichen Paars. Noch sein letzter Prosaband, «Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich», erzählt von den Nahkämpfen des Herzens mit jenem anmutigen und zugleich scharfsinnigen Einfallsreichtum, der sein Markenzeichen ist. In den jüngsten Aufzeichnungen mit dem Bescheidenheit annoncierenden Titel «Der Untenstehende auf Zehenspitzen» ist Strauss zu seiner aphoristischen Kulturkritik, der Minima Moralia des neuen Jahrtausends, zurückgekehrt.

Gefühlsgenauigkeit

Von Sehnsucht ist oft die Rede in diesen Notizen, von der Sehnsucht nach etwas, das es eigentlich nicht mehr gibt. Das ist ihr «schmerzhaftes Paradox». Denn «Sehnsucht nach einem verlorenen Empfindungsgut kann es nicht geben, da jene mit diesem unterging». Botho Strauss, der Aphoristiker der Gefühlsgenauigkeit und Eiferer gegen die «Ödwelt der User-Verständigung», liest der debilen Gegenwart wieder die Leviten. Doch ist die herrische Gebärde, die sich bei ihm immer schon eher der Diktion als der Arroganz verdankte, dem «Krisenfühligen» nun selbst nicht mehr geheuer. Denn die Sehnsucht, die ihren Gegenstand nicht kennt, ist das Kennzeichen der Melancholie.

Seit ein paar Jahren lebt Botho Strauss in der Uckermark, im nordöstlichsten Teil Deutschlands; um ihn nichts als Regen über den Triften, Schlehen und Wind. Eine karge, doch konturierte Landschaft, die die Folie - und Gegenwelt - abgibt für seine Notizen zur Zeit, ein hoher Himmel, der seinen Beschwerden über das «Konferenzbewusstsein» der Gegenwart den - meistens verschneiten - Horizont einer anderen Zeitrechnung einzieht. Das Licht, die Rotbuchen und besonders die Raubvögel sind ihm das Menetekel einer von uns unverstandenen Ordnung, deren Gegenwart ihn Mores lehrt. Denn «es ziemt dem Menschen nicht, nur unter seinesgleichen zu sein»: John Stuart Mill, den Strauss hier zitiert, ist dem Dichter der Bäume und der Verfallserscheinungen - wie Hölderlin, Rilke und Cioran - Kronzeuge einer rückwärts gewandten Utopie, in der einmal besser war, was nie mehr gut werden wird. Der zeitdiagnostische Befund ist auch, soll man sagen: vor allem?, ein persönlicher: «Ich habe gelebt, als ob mein Tag noch kommen würde. Aber, die Wahrheit zu sagen, er war schon vorüber, als ich geboren wurde.» Es tut dem Mann nicht gut, so viel allein zu sein.

Der Untenstehende auf Zehenspitzen - das klingt nach Positionsbestimmung ebenso wie nach der Grussadresse an einen deutschen Landesfürsten des Absolutismus. «Erkenne, was höher ist als du selbst» lautet der Wahlspruch, und die Gottvergessenheit, ja die aufgeklärte Dummheit eines Westens, die keinerlei Sensorium mehr hat für etwas, das sie übersteigt, ist dem Kritiker der «Soziozentrik» nach wie vor ein Dorn im Auge. Der formatierte «Orpheus aus der Tiefgarage», der alles auf sein betonplattes Niveau herabziehen will, erregt seinen Zorn ebenso wie die «sexuellen Propaganda-Umzüge» der Medien. Zwar trägt der Hohn auf den «psychologisch-intellektuellen Komplex» mitunter Züge einer schmallippigen Verbitterung. Doch hat die Attitüde dessen, der «die Trottel des Wohlergehens» angeekelt schmäht, einen Riss bekommen. Es ist der Riss der Demut. Der apokalyptische Künder ist von der Kanzel gestiegen; er zeigt die Wunde einer halb eingestandenen Resignation. Aus ihr spricht «der leise Immerverwirrte, der nur auf Umwegen und Randpfaden sich fortbewegen kann, bis eine Farbe, ein unverhofftes Sepia nach kurzer Berührung mit einem Fremden das ganze Gesicht überschwemmt». Dieses ist die Stimme, die das Buch mit dichterischem Eigensinn versieht.

Immer wieder irritiert, wie «deutsch» dieser Autor ist. Botho Strauss, geboren 1944 in Naumburg an der Saale, war 1968 vierundzwanzig Jahre alt. Wenn man ihn einmal nicht in einem Atemzug mit Peter Handke nennt, sondern mit dem im gleichen Jahr gebornen W. G. Sebald, tritt vielleicht deutlicher zutage, worin das Dilemma dieses «Deutschseins» liegt. Das Ringen um eine ästhetische Positionsbestimmung in der Nachkriegsgeschichte konnte nicht unterschiedlicher ausfallen als zwischen dem Verfasser der «Ausgewanderten» und dem Tonsetzer des «Anschwellenden Bocksgesangs». Und es rieb sich doch an demselben Dilemma: dass nämlich der «libertäre bis psychopathische Antifaschismus», den Strauss schon in den achtziger Jahren für gescheitert erklärte, den Umgang mit den deutschen Verbrechen mit neuen autoritären Tabus belegte. Sebald handelte sich den Vorwurf ein, in seinen Büchern die Identifikation mit den Opfern des Nationalsozialismus bis zur Anmassung betrieben zu haben, Strauss wurde mit seinen Ideen zu einer «konservativen Revolution» und der Kritik an der Statik systemkritischen Denkens gerne des reaktionären Ressentiments bezichtigt. Jetzt, da die zweite Welle der sogenannten Vergangenheitsbewältigung anrollt und «das Land, das man in sich trägt», ausser Schuld und Sühne auch die eignen Schmerzen zugibt, wird man des Dichters Vorstellungen vom kulturellen Mehrwert seiner eingebornen Nation womöglich aufgeschlossener begegnen: «Das einzige Deutschland, das sich zur Leitkultur eignet», proklamiert er, «wäre [. . .] ein immerwährend verborgenes, das nur findet, wer den Weg in die dichterische Emigration antritt. Zu jeder Zeit, unter jedem Regime.»

Dieses «Geheime Deutschland» der dichterischen Emigration ist gleichwohl nicht frei von der Sehnsucht nach einer Geschichte, die nicht durch die kursiv geschriebene «jüngste Vergangenheit» von jenem Raum abgeriegelt ist, «der von Hartmann von Aue bis Wagner und Schönberg reicht». Zwar geht Strauss hier nicht mehr mit dem Anspruch einer «selbstbewussten Nation» hausieren, doch ist allemal Vorsicht geboten, wenn das nationalromantische Identifikationsbedürfnis die Vergangenheit durch den Hintereingang des «geistigen Deutschland» betritt. Eine deutsche «Leitkultur», wenn auch im Verborgenen - muss das wirklich sein?

Stilisierungswille

Da beruhigt es, dass der Untenstehende selbst auf einen solchen Führungsposten offensichtlich keinen grossen Wert mehr legt. Gleichwohl korreliert seine «säuglingshafte Wissbegierde» schlecht mit einem Duktus, dessen Stilisierungswille seinen Sätzen manchmal jeden Atem nimmt. Und je verdächtiger sein hochgeschlossener Stil ihm selber wird, umso eifriger beteuert er den Wunsch nach einer «Sprache des Vermissens». Zu den Toten will er sprechen, in einem «rücktönenden» Sound, und verliert darüber nicht allein die Lebenden, sondern auch die Grenzen zum Lächerlichen aus dem Blick. «Jetzt, da die Wolkenschale brach, da trat mein Sohn herbei» - es ist, als spürte Strauss es selbst, dass er mit solch hohltönendem Sprachgebaren nicht im Einklang ist.

Mehr als alle Diagnosen, denen keiner widersprechen mag, überzeugt daher die Beleuchtung dessen, was die Welt unterhalb finaler Erklärungen noch zu bieten hat. Mehr als alle Weltbilder prägen sich die Wolkenbilder ein. Die Krähen im Nebelschnee, das Schlehencollier um den Park, die Eisschlieren in den Brachen. Dem rückwärts gewandten Bescheidwissen antwortet die Bescheidenheit lehrende Gleichgültigkeit der Natur; sie versieht auch die schneidende Sentenz mit dem Echo der Selbstzweifel. «Was weiss ich schon? Was schiesst in den Sinn, was nie?» Ja, «es läuft auf nichts hinaus»: In solcher Irritierbarkeit ist Strauss, der sich «von Herzen unzuständig für ein kollektives Unbehagen» fühlt, noch immer dessen klügster Diarist. Ein selbst erklärter «Anekdotenschreiber, der Menschen, Büchern, Zeitgeschehen, Bäumen seine Zeilchen anhängt». Der Untenstehende auf Zehenspitzen - wir sehen ihn, mit Robert Gernhardt, am liebsten auf den Knien seines Herzens.

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Der Untenstehende auf Zehenspitzen von Botho Strauß, 2004, Hanser3.)

Der Untenstehende auf Zehenspitzen.
Buch von Botho Strauß (2004, Hanser).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 7.4.2004:

Der Künstler als Rivale seiner Zeit
Zweifelnd oder gelassen? Das ist eine Frage (nicht nur) an die Natur: Botho Strauß ist diesmal "Der Untenstehende auf Zehenspitzen"

Der Erzähler, Dramatiker und Essayist Botho Strauß verließ, vor einigen Jahren schon, die deutsche Hauptstadt Berlin und zog in den äußersten Nordosten Deutschlands, fernab von allem sozialen Getümmel, in die Uckermark, eine seenreiche, nur dünn besiedelte Heide- und Hügellandschaft mit ausgedehnten Kiefernwäldern. Eine windige und regenträchtige Gegend. Es war, wie sich jetzt zeigt, ein folgenreicher Umzug. Das lässt sich seinem neuen Buch mit dem aparten Titel Der Untenstehende auf Zehenspitzen fast auf jeder Seite ablesen.

Botho Strauß scheint, mit erheblicher Verzögerung, auf dem Weg in die von Peter Handke, seinem fernen Nachbarn aus den achtziger Jahren, entdeckte Niemandsbucht. Nicht länger lauscht der Schriftsteller dem Geschwätz der Zeitgenossen ihre Befindlichkeiten ab. Er horcht jetzt auf das Rauschen der Wälder. Er belauscht keine Kneipengespräche mehr und ignoriert die Werbetexter. Er meditiert stattdessen über Kalklamellen. Er beschreibt nicht länger die geheimen Träume der Ladenmädchen, dafür Rotbuchen und Bachstelzen und abends, allein mit der Katze, wie zur Belohnung, genehmigt sich der Solipsist in der Heide, nicht zu üppig, noch "ein bisschen Wein".

Es gibt dort oben, im östlichsten Norden unseres Vaterlandes, viel zu sehen, aber wenig zu erleben. Trotzdem bietet auch sein neues Buch durchaus wieder Neuigkeiten, nicht nur für ein städtisches Publikum, dem die Sensationen ländlichen Lebens, so fremd geworden sind wie dem emsig reflektierenden Erzähler die verschwitzten Benutzer des öffentlichen Nahverkehrs. Wer diesen Autor kennt, die Theaterstücke, die Romane und Erzählungen, die essayistisch-aphoristischen Zeitdiagnosen, wird ihn sofort wiedererkennen und sich dennoch verwundert die Augen reiben: "Papiertaschentücher dürfen niemals neben dem Küchenkrepp liegen."

Das Apodiktische solcher Forderungen erinnert vielleicht noch an den alten Berliner Befindlichkeits-Seismographen, der aber keineswegs mit unserem äthiopischen Manieren-Prinz Asfa-Wossen Asserate konkurrieren will. Es geht ihm nicht ums Benehmen oder richtige Handeln, sondern, grundsätzlicher, um ontologische Prinzipien. Er legitimiert seine ersichtlich seltsame Behauptung mit dem Hinweis, dass auch "Diverses", gemeint ist hier der kunterbunte Inhalt einer "weiten" Einkaufstasche, "seine Binnenspannung und Kontaktverbote" brauche. Selbst in solchen diskreten Zusammenhängen zeigt sich: Botho Strauß ist tatsächlich auf dem Land angekommen.

Politische Ästhetik

Der Autor galt, in den achtziger Jahren noch, als einer der bedeutendsten deutschen Autoren. Nicht nur als Dramatiker. Er hat Wegmarken gesetzt. Und er ist einen eigenen Weg gegangen. Spätestens durch seine politischen Pamphlete hat er sich an den (durchaus reflektiert: rechten) Rand unserer Gesellschaft geschrieben. Sein Verständnis des Politischen ist ästhetisch geprägt. Dabei könnte sich die - nicht nur räumliche - Distanz, die er zu dem hauptstädtischen Getriebe gewonnen hat, auch positiv auswirken. Ganz offensichtlich bestärkt vom Rückenwind, der von der See her weht, hat sich Strauß jetzt vollends von seinen Zeitgenossen verabschiedet, und das um seiner "Zeitgenossenschaft" willen. Der Künstler sei eben nicht nur Rezipient, sondern auch Rivale seiner Zeit.

"Es gibt eine Kraft der Abwehr von Gegenwart, die einer Zeitgenossenschaft überhaupt erst Gewicht verleiht. Und es gibt eine Zeitgenossenschaft, die an sich selbst so verfallen ist und so an sich selbst vergeht, dass eine Flucht daraus wahrhaftig alles andere als Bequemlichkeit ist, dass sie vielmehr einem Akt der Befreiung und der Auflehnung gleichkommt."

Botho Strauß nähert sich der Natur - dem Kräftereservoir - noch ersichtlich befangen, eher zögerlich und zaghaft an, zweckfrei, im kantischen Verständnis. Aber gleichzeitig von der Einsicht getragen, nur im Disparaten die "Einsprengsel" eines "nie erzählten Romans", eines vielleicht nicht mehr erzählbaren Romans zu finden: "wie das Leben selbst", also "Abschnitt und Stückwerk vom Endlosen".

Mit dieser Kehre hat Strauß ersichtlich zu kämpfen. Der Stilist leistet sich dabei erstaunliche Schwächen. Seine alte Sicherheit gewinnt er sofort wieder, wenn er auf seine bewährten Mittel zurückgreift, etwa die auf genauer Beobachtung basierende phänomenologische, gleichsam "dichte" Beschreibung: "Der warme Atem der Weide am Abend. Die heitere Dünung am Himmel, das rotgoldene Wolkenvlies, am Boden schon die Nachtskulpturen der Bäume und Sträucher. Ein Turmfalke jagt eine Handvoll Spatzen, die im Gebüsch verschwinden. Er hockt zur Erde, seine Fänge, als hielten sie Beute, greifen und krallen, das ganze Programm des Schlagens läuft leer in den Muskeln ab."

Wer erinnert sich noch?

Dieser Ton und diese Thematik erinnern an die erbitterten Diskussionen um Handke und Strauß in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, an den sogenannten " Neudeutschen Literaturstreit". Die Politisierung der Literatur hatte sich totgelaufen. Der Fortschrittsglaube der Moderne war zerbrochen. Auch das Progressionsmodell, von dem die Literatur zwar heute noch zehrt, war an seine natürliche Grenze gestoßen. Die Moderne war klassisch geworden. Handke entdeckte damals zuerst Stifter und den sanften Übergang und dann die Natur. Und Strauß verabschiedete sich, politisch wie literarisch, vom "Fortschritt", griff auf romantische Motive zurück. Erzählend noch dort, wo er auf Reflexion zielte.

Von Paare. Passanten bis hin zu der Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich, immer hat Strauß auch erzählt, Geschichten erfunden. Er hat seine Diagnosen und Einsichten an Figuren entwickelt, die oft, im verblüffenden Gegensatz zur Kürze ihres Auftritts, sich lange in der Erinnerung des Lesers gehalten haben. Seine dichte Beschreibung wurde stets episch entwickelt. Erzählung im eigentlichen Sinne kommt jetzt nicht mehr vor. Es treten kaum mehr Personen auf. Die Reflexion dominiert, gepaart mit einer neuen Gelassenheit. Seine Geschichte sei seit langem die eines Bedürfnislosen, der mit ein bisschen Wein und seiner Katze den Abend allein verbringt, von Herzen unzuständig für kollektives Unbehagen. Er müsse nicht länger "wider den Stachel löcken" oder "gegen den Strom" anschwimmen. Solcher Verzicht auf forsche Diagnostik und knatternde Kulturkritik ist aber nicht nur der neuen Gelassenheit zu verdanken, sondern auch dem Zweifel an der Tauglichkeit des bislang verwendeten Werkszeugs geschuldet.

"Vor dem undeutlich Neuen und beim endgültigen Abschied sind anzeigende Vorgänge und Zwischenfälle bedeutsamer als zeitdiagnostische Stenogramme. Was geschieht, ohne sich zu fügen, und doch zusammenhängend, gibt weitaus mehr zu verstehen, als zum gleichen Zeitpunkt politische und sozialkritische Befunde erwischen können. Auch sind es nicht mehr die Subjekte ,Autoren', die etwas früher und empfindlicher erfahren als andere, sondern die Gebilde selbst, Ereignisse samt ihren Reaktionen, Stimmungen und Übereinstimmungen, erzählen und deuten die Zeit. Freilich kennen sie nur Gegenwartsschichten und Zukunftswitterung."

Die Motive, die Botho Strauß seit nun drei Jahrzehnten umtreiben, sind auch bei dem Untenstehenden auf Zehenspitzen wieder nahezu vollständig versammelt. Deutlich gedämpft. Noch immer kann er zwar beklagen, dass das "Tiefste" schon "seit langem" geschrieben sei. "Das Unterhaltsamste" dagegen "sicher noch nicht". Ganz offen kann er sich auf das Rechte und die "Rechte" berufen, ja sogar den "Reaktionär" als den "letzten Phantasten in einer nahezu kompletten Fantasy-Welt" feiern. Der alte Zorn auf "die Trottel des Wohlergehens", all diese "Kleinstdarsteller des Menschen", denen alle "Ehrfurcht vor höheren Mächten" restlos abgeht, ist so selten geworden wie die Denunziation des Mittelmäßigen. Vom Anschwellenden Bocksgesang samt seinem beachtlichen Erregungspotential ist jetzt nur der zaghafte Hinweis auf das "Geheime Deutschland" eines Stefan George (dem noch Thomas Mann zur Seite gestellt wird) übriggeblieben.

Das heißt: Strauß ist zahm geworden, ästhetisch, politisch und leider auch stilistisch. Er hat ersichtlich andere Probleme: "Die geschädigten Rotbuchen haben mit den Jahren ihre Kronen zurückgesetzt, sie bilden jetzt eine Etage tiefer aus, der kahle tote Wipfel bleibt für Taube, Bussard und Turmfalken frei. Ich sorge mich bei jedem einzelnen meiner hundertjährigen Recken, dass sie mich überleben."

Antipode Handke

Wie seinerzeit sein Antipode Handke hat Strauß sich auf die Langsame Heimkehr gemacht. Das hängt mit seinem Rückzug zusammen, aber wohl auch mit den beschränkten Möglichkeiten einer Literatur, die sich dem Unterhaltungsbetrieb ebenso entziehen will wie der routinierten Kritik daran. Eine weitere Kalamität kommt hinzu.

Die "Aufmerksamkeitsregel" für Themen der öffentlichen Meinung (Luhmann) schreibt einen knappen Zeitraum vor, der für diese Fragen verfügbar ist. Strauß benennt das Problem auf seine Weise: "Authentisch war ein Künstler oft nur für kurze Zeit. Vielleicht sind es nur wenige Jahre, in denen sich entscheidet, was man für immer von ihm hält. Er selbst empfindet, dass er mit dieser Periode der Authentizität, die man ihm begrenzt und die nicht zu leugnen ist, ebenso lächerlich aussieht wie der Goldring im Ohrläppchen eines glatzköpfigen Finanzbeamten, der noch aus seinen Kälbertagen stammt, als der Schopf noch üppig war und die erste Piercingwelle übers Land rollte."

Solche Authentizität, mehr als eine temporäre Mode, meint auch den Geist der Zeit, der mit bestimmten Mitteln nur zu einem bestimmten Zeitpunkt zu treffen ist. Schlichter gesagt: Alles hat seine Zeit. Und die läuft ab. Strauß ist, so gesehen, eine hübsche Erinnerung. Der Untenstehende auf Zehenspitzen bietet noch immer viele, auch aufschlussreiche Einsichten. Doch nur trübe Aussichten. "Dein Beruf? Kaum mehr, als deine Kindheit gegen ein würdeloses Erwachsenenleben zu verteidigen. Nur ein fleißiger Adnoten-Schreiber, der Menschen, Büchern, Zeitgeschehen, Bäumen sein Zeilchen anhängt, der Untenstehende auf Zehenspitzen". Denn man tschüss!

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