Der Unnachahmliche, Biografie über Charles Dickens, von Hans-Dieter Gelfert, 2011, Beck1.) - 2.)

Der Unnachahmliche.
Eine Biografie über Charles Dickens (2011, C.H. Beck, von
Hans-Dieter Gelfert).
Besprechung von Bettina Gutiérrez aus dem titel-magazin vom 30.1.2012:

Charles Dickens in seiner Welt
Viel ist über Charles Dickens, den britischsten Schriftsteller aller Briten, geschrieben worden. Eine Biographie und leserfreundliche Ausgabe seines Romans Große Erwartungen rücken ihn ins richtige Licht.

Während der amerikanische Schriftsteller Henry James ihn als den »Oberflächlichsten aller Romanciers« bezeichnete und Franz Kafka im Zusammenhang mit seinen Romanen von einem »unsinnigen Ganzen« sprach, bezeichnete er sich selbst als »der Unnachahmliche«. Gemeint ist Charles Dickens, der allseits bekannte Verfasser der ergreifenden Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist, dessen zweihundertster Geburtstag sich in diesem Jahr jährt.

Davon, dass Charles Dickens jedoch zu den »größten Prosadichtern der englischen Sprache« gehört, ist Hans-Dieter Gelfert – ein ausgewiesener Kenner der angelsächsischen Literatur und Kultur – überzeugt, weshalb er ihm eine ausführliche Biographie mit dem Titel Charles Dickens: Der Unnachahmliche widmet.

In seiner lesenswerten Biographie rollt Gelfert das Leben und Werk eines Autors auf, der nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch heutzutage noch als Populist und sentimentaler Sozialkritiker verkannt wurde und wird. So erfährt man, dass Dickens aufgrund der wirtschaftlichen Nöte seiner Eltern als Kind in einer Schuhwichsfabrik arbeiten musste, dass er als Jugendlicher ein begeisterter Theatergänger war und dass er schon vor seinem literarischen Durchbruch von seiner journalistischen und schriftstellerischen Arbeit leben konnte.

Gelfert schildert ihn als einen prototypischen Vertreter seiner Zeit – des viktorianischen Zeitalters –, das ganz der Kultur des »Gentry« – des Landadels – verpflichtet und entgegen den landläufigen Meinungen von Weltoffenheit und dem Streben nach »wirtschaftlichem Fortschritt und Verbesserung der sozialen Verhältnisse« geprägt war. Dickens selbst sprach sich für einen ökonomischen Fortschritt im Sinne des englischen Liberalismus aus und engagierte sich gleichzeitig für soziale Belange wie die Armenfürsorge, die Einrichtung von Bildungsanstalten für Arbeiter und eine Reform des Schulwesens.

Als arrivierter Schriftsteller reiste Dickens in die USA, nach Italien und nach Frankreich – Paris wurde zu einem seiner bevorzugten Reiseziele, das er meist in Begleitung seines Freundes Wilkie Collins besuchte. Sein unermüdlicher Schaffensdrang bescherte ihm Wohlstand und ein sorgenfreies Leben, was sich allerdings nicht durchgängig in seinen Werken niederschlägt. So weisen einige seiner Romane, die Gelfert in kurzen Kapiteln vorstellt, autobiographische Bezüge auf, die an seine Kindheit mit all den materiellen Entbehrungen erinnern; seine Romane Oliver Twist und David Copperfield sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Doch auch wenn es sich hierbei um eher düster gefärbte Anklänge handelt, schmälert dies nach Ansicht des Biographen keineswegs Charles Dickens literarische Qualität. Überwiegend positiv beurteilt Gelfert sein Œuvre, das sich für ihn vor allem durch komische und groteske Elemente, eine leicht melodramatische Sozialkritik, einen »diagnostischen Blick auf die conditio humana« und cineastische Bildhaftigkeit auszeichnet. Schon in seinen ersten Erzählungen, den Skizzen von Boz sieht er Dickens' Weltrang als Autor begründet. Es sind Geschichten, die den Alltag der so genannten kleinen Leute in London widerspiegeln und die die wichtigsten Komponenten seiner späteren Werke, zu denen er Sprachvirtuosität, eine präzise Beobachtungsgabe, stimmungsvolle Schilderungen und einen gewissen Humor zählt, enthalten.

Wie angemessen diese Beurteilung der dickensschen Erzählkunst ist, lässt sich anhand der äußerst gelungenen Neuübersetzung seines Romans Große Erwartungen, der nun in einer bibliophilen Ausgabe vorliegt, feststellen. Hier schildert Dickens den Läuterungsprozess seines Protagonisten Pip, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt und dank eines Wohltäters zu großem Wohlstand und luxuriösem Lebensstil kommt. Mit leichter Feder, grandiosen Dialogen und atmosphärischen Szenen führt der Autor dem Leser Pips Entwicklung vom jungen Schmied zum Gentleman und seine durch Widrigkeiten verursachte Rückkehr zu bescheideneren Verhältnissen vor Augen, sodass man unversehens in das Geschehen hineingezogen wird.

Aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Gestaltung der Protagonisten lassen diesen Roman als Kunstwerk erscheinen: Sowohl Pips gutmütiger Adoptivvater Joe, seine harsche Schwester Mrs. Joe Gargery und die hochmütige Estella als auch die in Trauer versunkene Miss Havisham oder der waghalsige Ex-Sträfling Abel Magwitch werden eindrücklich dargestellt – der englische Lyriker T.S. Eliot bringt es auf den Punkt: »Dickens' Figuren gehören der Poesie an, wie die Figuren bei Dante und Shakespeare, indem ein einziger Satz von ihnen oder über sie bereits genügen kann, um sie uns völlig gegenwärtig zu machen.« Ein Urteil, das den Literaten Charles Dickens rehabilitiert und den Großen Erwartungen in jeder Hinsicht gerecht wird.

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Der Unnachahmliche, Biografie über Charles Dickens, von Hans-Dieter Gelfert, 2011, Beck2.)

Der Unnachahmliche.
Eine Biografie über Charles Dickens (2011, C.H. Beck, von
Hans-Dieter Gelfert).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 6.02.2012:

Warum Charles Dickens der Dichter der Underdogs wurde
Am 7. Februar 1812 wurde der britische Autor Charles Dickens geboren. Zeitlebens schrieb er gegen sein großes Kindheitstrauma an: Das Jahr, in dem er in als Zwölfjähriger in einer Schuhwichsfabrik arbeiten musste. Zum 200. Geburtstag wird Dickens von der Suchmaschine Google mit einem besonderen Logo, dem Doodle, geehrt.

„Die Schuhwichsfabrik war das letzte Haus in der Straße zu den Old Hungerford Stairs. Es war ein verwinkeltes, halbverfallenes altes Haus, das über den Fluss hinausragte und in dem es von Ratten wimmelte...“ Ein kleiner zwölfjähriger Junge, nennen wir ihn Charly, klebt hier Etiketten auf Schuhwichsflaschen: Sein Vater sitzt im Schuldnergefängnis, Charly selbst muss nun Geld verdienen für die vielköpfige Familie – ohne Aussicht, je wieder in die Schule gehen zu dürfen. Und doch wird er sich mit Ausdauer und Glück vom Schicksal dieser Erbschuld befreien. Eines Tages wird Charly einer der großen Autoren seiner Zeit sein, wird die Nachwelt noch seinen 200. Geburtstag feiern! Die Suchmaschine Google ehrt den Schriftsteller mit einem besonderen Logo, dem Doodle, geehrt.

So könnte ein Roman von Charles Dickens beginnen; so beginnt sein Leben. Charly scheint ja ein Seelenverwandter von David Copperfield, von Oliver Twist, von dem kleinen Pip mit den großen Erwartungen. Das düstere Gebäude, der nahe Fluss, das in die Wiege gelegte Schicksal, die glückliche Wendung – „typisch Dickens“!

Wie typisch, das wussten zu seinen Lebzeiten nicht einmal engste Freunde. Nur in einem autobiografischen Fragment, das erst nach seinem Tod publik wurde und aus dem wir eingangs zitierten, offenbarte er: „Mein ganzes Wesen war vom Schmerz der Erniedrigung so durchdrungen, dass ich selbst jetzt, wo ich berühmt, geschätzt und glücklich bin, in meinen Träumen oft vergesse, dass ich ein erwachsener Mann bin, und ich wandere in trostloser Einsamkeit zurück in jene Zeit.“

Dickens’ Jahr in der Schuhwichsfabrik erklärt (fast) alles:

Seinen manischen Arbeitseifer, mit dem er Romane schrieb, Theaterstücke inszenierte, Literaturzeitschriften herausgab und kurz vor seinem frühen Tod mit nur 58 Jahren einen wahnwitzigen Lese-Marathon durch England und Amerika absolvierte. Seine befremdliche Geschäftstüchtigkeit, die fast an Gier grenzte – natürlich, er zahlte stets für die Schulden seines leichtlebigen Vaters, unterstützte auch die Familien seiner verstorbenen (oder getürmten) Brüder. Doch verdiente er auch bereits mit Anfang zwanzig ordentlich an den „Skizzen von Boz“, noch bevor ihn „Oliver Twist“ zum Star machte. Letztlich hinterließ der Dichter der Underdogs ein Erbe, das heute einem zweistelligen Millionenbetrag gleichkäme.

Dickens Trauma erklärt auch seinen sozialkritischen Touch, seinen beharrlichen Appell an Herzensgüte und Mitgefühl. Bei seinen Lesern versuchte er jene Regungen zu wecken, die er bei seinen Eltern einst vermisste. Dass er oft übers Ziel hinausschoss, verdeutlicht ein nettes Bonmot Oscar Wildes: „Man muss ein Herz aus Stein haben, um bei Little Nells Tod nicht in Lachen auszubrechen.“

Die moderne Helden

Öfter noch war Dickens freiwillig komisch (den Humor soll er von seiner Mutter geerbt haben), glichen seine Figuren gar eher Karikaturen. Und natürlich gilt er zu Recht als Weihnachtsmärchenonkel, der mit Scrooge und Co. für die Dezemberausgaben seiner Zeitschrift auf die Tränendrüse drückte. Dass er heute oft aufs Sozialkitschig-Komische reduziert wird, prangert Hans-Dieter Gelfert in seiner lesenswerten literarischen Biografie an: Er verweist auf die hohe Musikalität der Romane, die fehlende psychologische Tiefe ersetze, und rückt Dickens gar in die Nähe von Kafka.

Das kann man weit hergeholt finden. Näher liegt der Gedanke, dass vielleicht nicht seine Romane als Ganzes, aber doch seine Helden Geschöpfe der Moderne sind. Wenn Oliver Twist seinen berühmten Suppen-Nachschlag verlangt – „Ich möchte mehr!“ – dann schwingt da ein Aufbäumen gegen das Zugeteilte mit. Dickens Helden kämpfen gegen das Gefühl der Entfremdung, gegen ein System, dem sie sich hilflos ausgeliefert fühlen. Zwischen den Zeilen rufen sie uns leise zu: Occupy Schuhwichsfabrik!

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