Der unbekannte Begleiter.
Erzählungen von Franco Lucentini (2004, Piper - Übertragung Dora Winkler).
Besprechung von Steffen Richter in Neue Züricher Zeitung vom 29.06.2004:

Aufhören, Neubeginnen
Erzählungen von Franco Lucentini

Was wäre aus Franco Lucentini wohl geworden, wenn er nicht Anfang der fünfziger Jahre in Paris Carlo Fruttero kennen gelernt hätte? Wenn sie nicht gemeinsam als «Firma» Fruttero & Lucentini international für Furore gesorgt und den Kriminalroman endgültig auch in Italien heimisch gemacht hätten? Selbst dann wäre Lucentini Schriftsteller geworden, keine Frage. Der Beweis, wenn es ihn denn brauchte, liegt nun auf Deutsch vor. Drei Erzählungen, zuerst veröffentlicht 1947, 1950 und 1964, zeigen Lucentini als einen schillernden Autor. Einen, der dem neorealistischen Projekt der Nachkriegszeit zugeschlagen werden kann, der aber auch von den Neoavantgardisten als einer der Ihren reklamiert worden ist. Beides zu Recht.

Rom und Wien sind die Schauplätze, an denen Lucentini das verstörte und vereinsamte Nachkriegsbewusstsein Revue passieren lässt. In «Die Tür» entschliesst sich eine ehemalige Prostituierte, Abschied zu nehmen von der Welt und sich allein in einem Keller zu verbergen. Doch vor den Bürokraten, Institutionen und ihren Hypokrisien gibt es kein Entrinnen. Den Topos des Aufhörens und Neubeginnens umspielt auch «Die unbekannten Gefährten». Da irrt der lebensmüde Schmuggler Franco durch das von sowjetischen Truppen besetzte Wien - geschwächt von Krankheit und einer unglücklichen Liebe. Doch statt sich umzubringen, wird er von einer russisch-/polnisch-/tschechischsprachigen Solidar- und Notgemeinschaft ins Leben zurückgeholt. Vorerst zumindest. Elio Vittorini begeisterte sich seinerzeit derart für die Erzählung, dass er 1951 mit ihr seine Einaudi-Reihe «I gettoni» startete.

Das Glanzstück des Bandes bildet aber zweifellos der «Bericht von den Ausgrabungen». Hier ist es ein einfältiger Tor, beschäftigt in einem zweitklassigen Bordell, dessen umständliches Denken Lucentini in Szene setzt. Bei Spaziergängen durch die Reste der römischen Hadriansvilla stellt er fest, dass selbst sein «Büchlein», ein Touristenführer, keine verbindlichen Wahrheiten über die antike Ausgrabungsstätte mitzuteilen weiss. Gerade die zeitlichen Koordinaten des Vor- und Nachhers der Dinge geraten ihm gründlich durcheinander - ganz wie in seinem eigenen kleinen Leben. Lucentini aber erzählt - mit dem aufs Äusserste reduzierten Vokabular seines Helden - eine wunderbar anrührende Geschichte über die grosse Verunsicherung des Auf-der-Welt-Seins.

Freilich, die Texte des kaum dreissigjährigen Autors leiden mitunter an einer noch ungelenken Dialogführung oder etwas dröhnender Symbolik. Für diese kleinen Schwächen wird man jedoch durch den so ironischen wie einfühlsamen Nachwort-Essay Carlo Frutteros mehr als entschädigt. Lucentinis kongenialer Partner ist es auch, der den Blick auf den vielfach gebrochenen autobiografischen Subtext der Erzählungen lenkt. Immer wieder nämlich schlagen die sechsmonatige Gefängnishaft wegen eines antifaschistischen Streichs und die Erfahrung von Einsamkeit samt den zuweilen zweifelhaften Tröstungen der Gemeinschaft durch die Textur.

Ein Mann des politischen Barrikadenkampfes war Lucentini indes nie. Mit allen Wassern der Avantgarden gewaschen und ausgestattet mit einem untrüglichen Gespür für die Potenziale der Massenkultur, führte er eine durch und durch literarische Existenz. Borges, Beckett und Robbe-Grillet hat er für Italien entdeckt. Noch die Umstände seines Freitods im Sommer 2002 scheinen die Turiner Selbstmorde Cesare Paveses und Primo Levis zu spiegeln. «Worauf ich jetzt achtgeben musste», heisst es einmal, «war, nicht wieder anzufangen. Mir nicht wieder schöne Hoffnungen zu machen, wegen dieser Menschen, dieser Freunde, die ich gefunden hatte.» Nicht zuletzt in den düsteren Phantasien, doch auch in den kunstvoll inszenierten Spannungsbögen und der Liebe zum topographischen Detail erweist sich, dass dieser Lucentini der frühen Erzählungen und jener des vierhändigen Schreibens mit Fruttero ein und dieselbe Person ist.

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