Der Umweg von Gerbrand Bakker, 2012, Suhrkamp1.) - 3.)

Der Umweg.
Roman von Gerbrand Bakker, (2012, Suhrkamp - Übertragung Andreas Ecke).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 9.3.2012:

Bakker lässt eine Sterbende den Umweg gehen
Der Niederländer macht aus der Einsamkeit einer Sterbenden fast so etwas wie einen Thriller.

Warum ausgerechnet ich? Und warum jetzt? Diese Fragen werden nicht gestellt. Der Niederländer Gerbrand Bakker, durch den Roman "Oben ist es still" berühmt geworden, mag sie nicht.

Bei 1,3 Millionen Krebstoten pro Jahr allein in der EU hält er die Fragen für idiotisch.

"Seine" zunächst namenlose Frau sieht es nicht anders. Leise verlässt sie Amsterdam. Noch geht sie nicht in ihr Grab, sondern macht selbst bestimmend einen Umweg wie Jacques Brel, der sich auf die polynesische Insel Hiva Oa zurückgezogen hat.

Sie geht nach Wales. Inmitten von schwarzen Schafen und Kühen mietete sie eine Hütte und Wiese. Schmerzstillende Tabletten nahm sie mit.

Der Dachs

Gerbrand Bakker ist beim Andeuten genial. Lange Zeit ahnt man nur, weshalb die Frau ihren Ehemann verlassen hat; und man wird anfangs nicht verstehen, weshalb der Dachs im Buch so wichtig ist, den nur sie sehen kann und der sie ins Bein beißt – am helllichten Tag, obwohl Dachse doch nachts aktiv sind.

Aber es ist Nacht.

In ihr.

"Der Umweg" dauert von November bis nach Weihnachten. Nur scheinbar herrscht Ruhe. Bakker ist ausgebildeter Gärtner. Es gibt Gras und Hecken, Braun, Ocker, Violett.

Es gibt den kettenrauchenden Dorfarzt, die neugierige Bäckerfamilie, einen anlassigen Schafzüchter – und einen Burschen mit Hund, der bei der Arbeit hilft und auch sonst angenehm ist.

Lebendig halt.

Freilich stört das, wenn man gerade scheu und ehrfurchtsvoll sein Bett herrichten will; um dann in ihm zu liegen und zu warten, bis das Urteil herabstürzt ...

So etwa steht es in einem Gedicht der in Einsamkeit lebenden Amerikanerin Emily Dickinson geschrieben ("Ample Make this Bed").

Die Romanfigur, Literaturlehrerin an der Amsterdamer Uni, hat Dickinsons Gedichte auf ihrem Umweg in die Natur mitgenommen. Sie versucht, es ins Niederländische zu übersetzen.

Bakkers einfache Sprache und die kurzen Sätze und die Menge an Unausgesprochenem schaffen nicht nur schrecklich beklemmende Lesemomente.

Sondern eine ständige Spannung, wie Thriller im allerbesten Fall erzeugen.

Die Eltern der Verschwundenen starren daheim inzwischen relativ unberührt in den Fernsehapparat.

Ihr Mann wird sie suchen, obwohl sie ihn betrogen haben dürfte. Gemeinsam mit einem Amsterdamer Polizisten ist er hinter ihr her. Und auch das wird nur angedeutet: Der Ehemann entdeckt seine Homosexualität.

Hat also auch er einen Umweg gemacht.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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Der Umweg von Gerbrand Bakker, 2012, Suhrkamp2.)

Der Umweg.
Roman von Gerbrand Bakker, (2012, Suhrkamp - Übertragung Andreas Ecke).
Besprechung von Josef Bichler aus Der Standard, Wien vom 28.4.2012:

Ortloses Heimweh
Der niederländische Autor Gerbrand Bakker hat einen traumschönen Roman über eine todkranke junge Frau geschrieben

"Am Steinkreis hatte sie sich eigentlich hinsetzen wollen, beschloß aber weiterzugehen. Die Steine waren trocken, die Flechten hellgrau und fahlgelb. In der Nähe des Stechginsters hing ein kaum wahrnehmbarer Kokosgeruch. Sie betrat den natürlichen kleinen Deich zwischen den harten Grasbüscheln. Von den großen schwarzen Rindern keine Spur, sie hörte auch keine Vögel.

Vollkommen allein bewegte sie sich durch diese Landschaft, es war, als wäre sie gar nicht da." Die Landschaft, das ist das zum Meer hin abfallende walisische Hügelland, und "sie", das ist die sich bei Besuchern als Emily ausgebende junge Frau aus Amsterdam, die eigentlich Agnes heißt. Warum genau die Literaturwissenschafterin Knall auf Fall aus ihrem geordneten Leben in den Niederlanden aus- und in die Abgeschiedenheit des walisischen Landlebens eingetreten ist, erfährt der Leser von Der Umweg, des jüngst auf Deutsch erschienenen Romans von Gerbrand Bakker, lediglich aus losen szenischen Rückblenden, aber auf empirische Ursachenforschung kommt es bei Gerbrand Bakker ohnehin nie an.

Dass Agnes krank, sehr krank ist, erschließt sich aus Andeutungen, deren Setzungen der Autor so geschickt vornimmt, dass eine Handlung entsteht, ohne dass diese als "Erzählung hinter einem Prosahügel" (Thomas Bernhard) daherkäme. Als plötzlich der 20-jährige Bradven über die Gartenmauer gesprungen und in Agnes' Leben kommt, scheint es für einen Moment, als sei der Lauf der Dinge noch aufzuhalten, aber auch er wird ihr nicht so recht glauben, dass sie beim Sonnenbad von einem Dachs gebissen wurde, auch er wird nicht verstehen, dass es für einen wundgelebten Menschen an keinem Ort ein Heimischwerden gibt, auch wenn sich zusehends herausstellt, dass auch Bradven ein das Entkommen Suchender ist, der die Wunde Heimat durch unbändiges Tatmenschentum zu stillen sucht.

Während Bradven mit Gartenarbeiten, Einkaufsfahrten und Kochen beschäftigt ist, verbringt Agnes ihre Tage mit Paracetamol- und Koffeinzufuhr ("Einfach nur Kaffee trinken, das konnte man immer"), Kettenrauchen und den erfolglosen Versuchen einer erneuten Vertiefung in Emily Dickinsons Gedichte, von denen sie nicht loskommt, auch wenn sie viele davon für dilettantisch und völlig überschätzt hält: "Plötzlich empfand sie Wut, (...) auch auf Dickinson selbst. Diese Frau, die Zuwendung erzwang, auch wenn sie sich in ihrem Haus und ihrem Garten versteckte. Die mit allem, was sie tat oder nicht tat, wortlos ausdrückte, dass sie nicht beachtet werden wollte, und doch um Anerkennung bettelte wie ein Kind, voller Angst, ihre (...) Sympathien könnten unerwidert bleiben."

"Wird der Sprache nicht mit dieser Aufgabe, den fremden Ton in seiner Fremdheit wiederzugeben, also nicht das Fremde einzudeutschen, sondern das Deutsche umzufremden, etwas Unmögliches abverlangt?", fragt Franz Rosenzweig, ein Zeitgenosse von Walter Benjamin, dessen berühmter Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers den modernen Übersetzungsdiskurs entscheidend geprägt hat.

So bequem und Usus es ist, diese "Unmöglichkeit" beim Besprechen ursprünglich fremdsprachiger Belletristik zu umgehen, indem man sie übergeht, so unumgänglich ist das im vorliegenden Fall, wird der Roman doch von einer englischen bzw. einer übersetzten Fassung des Dickinson-Gedichtes Ample make this bed eröffnet bzw. beschlossen, welches - am cineastischen Rande erwähnt - auch Alan Pakulas gleichnamige Verfilmung von William Styrons Roman Sophie's Choice grundiert und mit dem Maryl Streep 1983 ihren ersten Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann: "Ample make this bed./Make this bed with awe; /In it wait till judgment break Excellent and fair./Be its mattress straight,/Be its pillow round;/Let no sunrise' yellow noise/Interrupt this ground."

Wenn denn gilt, was Franz Fühmann über die Wesenhaftigkeit eines wahrhaftigen Gedichtes schreibt - nämlich dass man mit ihm alles machen könne, außer es zerstören -, dann braucht es keinen besonders großen interpretatorischen Wagemut, um Bakkers Roman in mehrfacher Hinsicht als 228-seitigen Übersetzungsversuch zu betrachten.

Diese Lesart drängt sich bei einer formalen Betrachtung des Textes geradezu auf; die durchgängig wiederkehrenden Zitationen einzelner Verse sind lediglich die vordergründigsten Indizien, ist Bakker doch ein Autor, der uneingeschränkt als Virtuose des Subtilen bezeichnet werden darf. Auch wenn von der ersten Seite an alles gesagt zu sein scheint und auf ein Sad End zuläuft, ist der Roman durch eine unerhörte sprachliche Leichtigkeit gekennzeichnet und führt vor, wie man vom Sterben erzählen und doch in allem lebenszugewandt bleiben kann.

Der Diplomgärtner Bakker weist sich einmal mehr als begnadeter Autor aus, und an dem Umstand, dass die vielleicht wichtigste Neuerscheinung dieses Bücherfrühlings auf so wundersame Weise vom späten Herbst in Wales und dem zu frühen Herbst eines Lebens erzählt, hat der Übersetzer Andreas Ecke maßgeblichen Anteil: "Üppig mach dies Bett./ Scheu und ehrfurchtsvoll;/ Warte dort auf das Gericht/ Feierlich und hell./ Die Matratze glatt Und das Kissen rund;/ Keiner Frühe gelber Lärm/ Störe diesen Grund."

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Der Umweg von Gerbrand Bakker, 2012, Suhrkamp3.)

Der Umweg.
Roman von Gerbrand Bakker, (2012, Suhrkamp - Übertragung Andreas Ecke).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 7.7.2012:

Wales sehen und sterben
Manche Bücher spiegeln die Gegenwart, indem sie grell ausstellen, was den modernen Menschen so treibt. Und dann gibt es Werke, die ihre Leser entschleunigen. Gerbrand Bakkers Roman „Der Umweg“ ist eines dieser seltenen, stillen Bücher.

„An einem frühen Morgen sah sie die Dachse.“ So schlicht beginnt die Geschichte einer Frau, die sich zurückgezogen hat in ein walisisches Farmhaus. Und so, wie die Frau die Dachse am Steinkreis beobachtet, sich ihnen nähert, wie sie zögerlich die Rosen schneidet und leicht widerstrebend die Gänse füttert, die doch nur eine nach der anderen der Fuchs holt – so führt Bakker den Leser behutsam ins Leben einer Sterbenden. Denn die Frau, dies wird schnell deutlich, ist unheilbar krank.

Das Leben einer Sterbenden

In ihrer Heimat wird Agnes gesucht von einem Ehemann, der ihr Verschwinden begreift als Reaktion auf eine ungehörige Affäre: die Dozentin und ein junger Student. Im Farmhaus aber verbringt Agnes ihre letzten Tage als Emilie, eine Verbeugung vor Emily Dickinson, über die sie einst ihre Dissertation schreiben wollte. Obwohl sie deren Gedichte – voller Bienen, aber ohne Füchse und andere Schrecken – für überschätzt hält.

Vom Auslassen und Sicheinlassen

Eines Tages kommt ein junger Mann ins Haus, Bradwen. Er schreibt einen Wanderführer und hatte einen Umweg gemacht, um eine Strecke zu erkunden. Er bleibt. Meisterlich erzählt Bakker hier vor allem durch Auslassungen eine Geschichte vom Sicheinlassen. Sie kauft ein, er kocht für sie, sie trinken gemeinsam Wein. Sie wartet auf ihn und wünscht ihn doch wieder weg, weil er ihrem Plan im Wege steht. Sie hat keine Zeit mehr für Umwege. Er hat einen Hund, Sam, und kommt ihr in seiner treuen, tollpatschigen Art selbst vor wie einer. Sie kämpft mit ihrem „Altweibergeruch“, nimmt Tabletten gegen Schmerzen und Schwindel und schafft es bis zuletzt nicht, ihn fortzuschicken. Dass er eher noch als sie in dem alten Farmhaus daheim ist, erfährt sie erst spät.

Ein Paar, das sich Wesentliches verschweigt, aber was ist schon wesentlich?

Gerbrand Bakker ist Meister einer Poesie, die den Atem anhält. Er schafft Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Dabei sind seine Mittel scheinbar einfach, es geht um die Gänse, um Gartenarbeit, um die Welt der Dinge dort draußen. Seine Sprache ist klar und präzise. Bakkers Figuren erklären sich nicht, sie sind. Und spiegeln in ihrer Kompromisslosigkeit viel Grundsätzlicheres als Gegenwartsdiagnosen: die Gewissheit des Todes und die Frage, was bleibt.

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