Der Überraschungsgast von Grégoire Bouiilier, 2008, Nagel-KimcheDer Überraschungsgast.
Roman von Grégoire Bouillier (2008, Nagel+Kimche - Übertragung
Claudia Kalscheuer).
Besprechung von Klaus Hübner aus der NRZ vom 1.07.2008:

Überraschungsgast im Rollkragenpullover

Zu einer Party eingeladen zu werden, wo man niemanden kennt, kann eine reizvolle Angelegenheit sein. Muss aber nicht. Wenn dann auch noch eine frühere Geliebte die Einladung überbringt und den Auserwählten als Überraschungsgast einstielt, löst das unter Umständen schärfste Verwicklung aus.

Gedankengold, Gedankenmüll

In seinem zweiten Roman erzählt Grégoire Bouillier eine etwas konstruiert wirkende Geschichte, in der unglaubliche Mengen an Gedankengold und -müll verarbeitet werden, spannungsgeladene Aktionen allein in der rekapitulierten Wahrnehmung des Ich-Erzählers vorkommen. Wo ich mich niederlasse, da breite ich mich aus. In dem Sinne handelt Bouillier, schlägt seine Erinnerungsstation in einer Rückschaubude auf und ergeht sich in autobahnbreite Gedankenfahrspuren. Im Wachtraum des erzählenden Ichs überschlagen sich die Ereignisse von früher, purzeln haltlos aus der erinnernden Gegenwart weitschweifig zurück in einen Zustand, den auch der ironisch eingeführte Begriff des Rollkragenunterziehpullovers nicht mehr mit Leben erfüllt. Bouillier projiziert seine Vergangenheit, dankbar bis ans Ende der Tage vielleicht, in eine mehr als unreale Gegenwart, die auch das sündhaft teure Überraschungsgastgeschenk, eine Flasche 64er Chateau du Tertre, nicht mehr rettet.

Im letzten Drittel des Romans "Der Überraschungsgast" überrascht der Gast mit einem markanten Kunstgriff. Er findet plötzlich heraus, daß seine Existenz zur Zeit seines Auftretens als Überraschungsgast Parallelen aufweist, die in einem Roman der englischen Schriftstellerin Virginia Woolfe vorkommt. Virginia Woolfe veröffentlichte den Roman "Mrs. Dalloway" im Jahr 1925. Er beginnt mit einem Blumenkauf, einem konkreten äußeren Ereignis, dessen Banalität jedoch zu einer niederschmetternden Erkenntnis für Grégoire Bouillier führt. Die roten und weißen Rosen sind es, die den Überraschungsgast Bouillier auf die richtige, die entscheidende Fährte dessen bringt, was den Ich-Erzähler durch die Bitte seiner früheren Geliebten in eine „fiebernde Phantasie" versetzte und ihn in die Rolle des Überraschungsgastes für die Party einer Künstlerin drängte.
Als Künstlerin tritt die tatsächlich existierende Sophie Calle auf, die in ihren Installationen, Fotografien und konzeptuellen Arbeiten die Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen privater und öffentlicher Existenz bewusst mischt. Das machte sie offensichtlich für Bouillier interessant, der ihr einen Überraschungsgast ins Haus schickt, dem die Wirklichkeit weitgehend abhanden gekommen ist und die er erst wieder in der Fiktion des Woolfe-Romans zurück bekommt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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