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Der
Übergriff.
Erzählung von Ursula
Krechel (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Sabine
Peters in der Basler Zeitung, 2001:
Mutmassungen über eine, die 's
Maul halten soll
Beunruhigend offen: Ursula Krechels
Erzählung «Der Übergriff»
«Halts Maul», so tönt eine Stimme im Ohr einer
Frau, sobald sie etwas sagen will. Um diese Erfahrung kreist das neue Buch von
Ursula Krechel, und es wird damit nicht fertig. Anders gesagt, man hat es hier
mit einem beunruhigend offenen Text zu tun. Das fängt bei der Handlung an; es
gibt hier nicht den roten Faden, an dem entlang sich der Leser sicher bewegt.
Und doch sieht man die Ich-Erzählerin in verschiedenen Situationen: Sie macht
eine Schiffsreise, sie bewegt sich in einem südlichen Land durch eins der
Krisengebiete. Sie lernt auf dem Schiff einen «Visitenkartenbesitzer» kennen
und lebt eine Weile bei ihm. Früher war sie eine vollmundige Pressesprecherin,
jetzt macht sie nur noch vorsichtig Notizen; schliesslich kehrt sie zurück in
ihre Wohnung.
Diese wechselnden Stationen sind für das Verständnis des Buchs aber nicht
ausschlaggebend, und: Es gibt hier eigentlich nicht so etwas wie Entwicklung,
Steigerung, Höhepunkt. Die Erzählung wirkt ein bisschen wie ohne Anfang und
Ende; man gerät beim Lesen in eine Kreis- oder Spiralbewegung.
Halts Maul. Warum will die Stimme das Sprechen unterdrücken, und warum, fragt
sich die Ich-Erzählerin, hat sie sich nicht sofort energisch gewehrt? Das Buch
beschäftigt sich mit psychischer, physischer, politischer, sexueller Gewalt;
mit Gewalt, die man ausübt, die man erleidet oder deren Zeuge man ist - und
nicht zuletzt geht es darum, wie Gewalterfahrung und Scham- und Schuldgefühle
miteinander verflochten sind. So sucht die Ich-Erzählerin die Schuld für ihr
Schweigen der Stimme gegenüber bei sich selbst; ihr selbst fehle es an
Willenskraft, sie sei mit allem und nichts einverstanden, nie hätte sie eine
Widerrede versucht.
Selbst der Feind
Sie sieht aber auch, dass es überall ein Defizit an Widerspruch gebe: Da ist
etwa die Erinnerung an ihre Kindheit; ein Nachbar schlug seine Töchter, ohne
dass jemand eingriff. Oder sie besinnt sich auf das berüchtigte Experiment,
Versuchspersonen mit Stromstössen zu strafen - es wurde von anderen
Versuchspersonen unwidersprochen durchgeführt. Oder sie hört am Tonfall des
CNN-Reporters, dass er, losgelöst vom Inhalt der Bilder, die hinter ihm zu
sehen sind, nur eine einzige Nachricht mitteilt, nämlich sich selbst und seine
Gewissheit.
Die Angriffe der Stimme werden zwischendurch heftiger, ohne dass die Erzählerin
sie genauer beschreibt, sie fürchtet nur, «nicht ohne Grund» deren Opfer zu
sein. Sie erlebt die Stimme als Ausdruck von Terror, als
«Vernichtungsenergie»; die Grenze zwischen innen und aussen wird durchbrochen,
d.h. der Feind ist nicht aussen, sondern «du selbst bist der Feind».
Nichts dabei
Gegen Ende des Buchs wird ein friedliches Zusammenleben mit der Stimme erwogen,
die Angst nimmt ab, «was war denn schon dabei, dass ich von Zeit zu Zeit ein
kräftiges Halts Maul hörte? Ich sah dem Schaden ins Auge, und sogleich war er
nicht mehr so schädlich, ich hörte zu, und es tat nicht mehr so weh».
Aber man traut der Formulierung nicht über den Weg; sie verrät nicht
Souveränität, sie klingt eher nach Resignation und Kapitulation. Noch die
Überlegung ganz zum Schluss, ob der Sprachverlust eine Folge mangelnden
Hinhörens sei, ob es also quasi positiv gewendet um «Mundhalten und Zuhören»
gehen solle - sie ist keine erleichternde Wendung in so etwas wie Öffnung hin
zur Welt. Eher hat man den Eindruck, die Ich-Erzählerin hat sich im Labyrinth
ihrer Zweifel um noch eine Ecke weiter verirrt.
Ursula Krechel hat eine leise auftretende, abstrakte Erzählung geschrieben, die
verschiedene, auch widersprüchliche Überlegungen und Assoziationen auslöst.
Man könnte dem Text vorhalten, er sei elitär durch seine Verrätselungen,
durch seine Ungreifbarkeit.
Dünne Luft
Mit dem gleichen Recht lässt sich wohl aber auch sagen, der Text strebt einen
bestimmten Ort an, einen Ort auf grosser Höhe in dünner Luft - soll man ihm
den eigenen Anspruch streitig machen? Am eigenen Anspruch gemessen, ist es nur
folgerichtig, dass die Hauptfigur relativ blass und konturlos bleibt, ein
Schemen, mehr eine Kunstfigur als die im Literaturbetrieb so oft geforderte
Figur «aus Fleisch und Blut». Krechels Ich-Erzählerin ist, so könnte man
sagen, nicht ganz von dieser Welt, sie steht der Welt gegenüber. Noch da, wo
sie mitmacht, wo sie sich an die gültigen Regeln hält, wirkt ihre Wahrnehmung
und ihr Verhalten fremd, aufgesetzt, nachgemacht: Da lebt sie also mit dem
«Visitenkartenbesitzer» zusammen; normalerweise würde man die beiden ein
Liebespaar nennen. Es heisst dann aber in einer Art von Berufsjargon, «die
Aufgaben, die ich zu erfüllen habe, sind geringfügig». Und so setzt die Frau
dann eben auch das Gesicht auf, das der Mann sehen möchte, wenn er von der
Arbeit heimkehrt.
Lieber nicht
Die ganze Bereitwilligkeit, sich konform zu verhalten, gefällig zu sein (der
Mann möchte von ihr geschlagen werden, sie tut es), nicht aufzufallen und zu
schweigen, wenn die Stimme das will, all das bleibt irritierend: Hat man es hier
mit einem Gestus, einer Attitude der Passivität und Indifferenz zu tun, die
letztlich selbstgenügsam bleibt? Oder steckt in der Figur ein subversives
Vermögen, vergleichbar dem von Melvilles «Bartleby» mit seinem «ich möchte
lieber nicht», sofern die permanente Affirmation von Krechels Figur ins
Gegenteil umschlagen kann und man die Verweigerung mitwispern hört? Noch nach
der zweiten Lektüre bleiben mehr Fragen als Antworten, und das spricht für die
Auseinandersetzung mit dem Buch.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der Basler Zeitung]
Leseprobe I Buchbestellung 0404 LYRIKwelt © Sabine Peters I Basler Zeitung