1.) - 2.)

Der Turm zu Babel.
Buch von Antonia S. Byatt (2004, Insel - Übertragung Brigitte Heinrich und Melanie Walz).
Besprechung von
Alexandra Kedveš in Neue Züricher Zeitung vom 30.11.2004:

Brillantes Bauwerk - mit Einsturzgefahr
Antonia S. Byatt konstruiert ihren «Turm zu Babel»

Ihre drei Töchter haben es geschafft, stellt Antonia S. Byatt in einem Interview mit Genugtuung fest. Sie sind unabhängig, berufstätig, mit sich und der Welt im Reinen. Sie selbst, die 1936 geborene Grande Dame der englischen Gegenwartsliteratur, hatte einen weiten und schwierigen Weg zu gehen, bis sie dort ankam, wo Frausein und Freisein einander nicht ausschliessen. In «Babel Tower», nun auf Deutsch unter dem Titel «Der Turm zu Babel» erschienen, schickt sie ihre vierte Tochter auf eben diese Reise - ihre Protagonistin Frederica Potter, seit «The Virgin in the Garden» (1978) Byatts literarisches Alter Ego.

Die beiden ersten Frederica-Romane, «Virgin» und «Still Life», feiern das Frühlingserwachen ihrer Heldin. Auf über tausend Seiten entsteht in ihnen ein faszinierendes Panorama der fünfziger Jahre im Vereinigten Königreich, eine Welt, in der die bücherkundige, jedoch nicht lebenskluge junge Frau ihre Leidenschaften auslotet - und auskostet: den Geist, das Wort und das Fleisch. Erst erleben wir Frederica als Vorzugsschülerin in der Provinz, dann als Literaturstudentin in Cambridge, erst als lehreranhimmelnden Backfisch, dann als männerverstörende Nymphe - immer aber als streitbare, unbestreitbar gescheite Vertreterin eines Geschlechts, das damals weitgehend zum Stillsein und Stillhalten verurteilt war.

Geschichte einer Scheidung

Doch der Tod ihrer Schwester setzt allem ein Ende. Frederica flieht vor ihren Freunden und ihren Freuden, sie flieht vor ihrer Familie und ihrem Schmerz - in die Arme eines virilen und finanziell potenten, gesprächsscheuen Mannes. Plötzlich ist sie Herrin eines Landgutes, Mutter eines Sohnes, aber nicht mehr sie selbst. «Der Turm zu Babel», Teil III der «Frederica»-Tetralogie, erzählt die Geschichte einer Scheidung Mitte der sechziger Jahre: hier die verstummte Mutter, dort der abwesende Göttergatte, hier das verzweifelte Verlangen nach geistiger Tätigkeit, dort der überkommene Wunsch nach einer dekorativen Dame ohne Ehrgeiz. Das kann nicht gut gehen, und nach allerlei melodramatischen Momenten in Murdochscher Manier wird Frederica zu Ende des Romans frei sein von den ehelichen Banden; und sie wird den Kampf um ihr Söhnchen für sich entschieden haben.

Aber was A. S. Byatt auf über 800 Seiten entwirft, reicht weit über die einfachen Kompliziertheiten einer klassischen Ehekatastrophe vor der Frauenbefreiung hinaus. Die grosse Stimmenkünstlerin, die für ihre Verschränkung von zeitgenössischem Campus-Roman und viktorianischem Kosmos 1990 den Booker-Preis erhielt («Possession»), beweist nicht nur erzählerisches Raffinement auf höchstem Niveau: Ein Gedicht über Persephone beispielsweise führt schnurstracks in die Unterwelt der Ehe Fredericas, und verheiratete Frauen aus verschiedensten Schichten - der Gesellschaft und des Textes - geben dazu den Chor. Sondern Byatt hat diesmal einen fesselnden zweiten Roman in ihr Buch hineingeschrieben, eine Phantasie der Sechziger über die Zeit der Französischen Revolution und die Irrwege der Freiheit. Frederica fällt das Manuskript von «Babbletower» («babble» - plappern) in die Hände, sie reicht es an den Verlag weiter, für den sie, nach ihrer Trennung, Gutachten verfasst. Es kommt zum Druck und bald auch zum Skandal. Nach dem Prozess um D. H. Lawrences «Lady Chatterley's Lover» steht nun «Babbletower» am Pranger - und vor Gericht.

«Obszön» lautet die Anklage, «gesellschaftskritisch» die Verteidigung, und man diskutiert, vor dem Hintergrund der Kindermorde Ian Bradys, der Anti-Psychiatrie-Bewegung und der erwachenden Flower-Power, ob die Schilderung von Gewalt und Sadismus abschreckt oder (zur Nachahmung) anregt. Es geht um nicht weniger als um die Macht des Wortes, um die Herrschaft der Sprache und um die Sprache der Herrschaft: So gewinnt im Streit um «Babbletower» das Sujet von «Der Turm zu Babel» Form - die Form von Gerichtsprotokollen, Gesetzestexten, Urteilen. Sie bilden ein Pendant zum Scheidungsprozess und zur Sorgerechtsverhandlung Fredericas, wo Worte fern jeder Wahrheit zur Waffe werden.

Universum der Diskurse

Überhaupt baut Antonia S. Byatt in ihrem Buch, dessen Titel die Sprachenvielfalt ankündigt und sie auch gleich als göttliche Strafaktion exponiert, ein ganzes Diskursuniversum der Sechziger: Juristische und persönliche Briefe etwa, Popgedichte, eine Studie über Grammatikunterricht und Spracherwerb, Fragmente aus der frühen neuronalen Forschung, und, nicht zuletzt, ein regelrechtes Kinderbuch à la «The Lord of the Rings» schieben sich in das Text-Gebäude wie Schmucksteine in ein Gemäuer - stützend und hervorstechend. Sie sind eingebettet in Fredericas Auseinandersetzungen über zeitgenössische Kunst, in Erörterungen über das junge Phänomen Fernsehen und das alte Phänomen Public School, über Religion in der Ära kuscheliger Happenings und Wissenschaft im Angesicht der atomaren Apokalypse. Eine Liebesgeschichte Fredericas mit einem Informatiker, der wortkarg ist wie ihr Ehemann und mit seinem eineiigen Zwillingsbruder zur ungesunden Einheit verschmolzen, vollendet die babylonischen Erkundungen der Sprache, des Körpers und der Identität. Rund um den Ideenroman «Babbletower » wuchert der Ideenroman «Babel Tower» - eine meisterliche arabeske Verflechtung von Themen, Schreibweisen und Gestalten... Fortsetzung

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2.)

Der Turm zu Babel.
Buch von Antonia S. Byatt (2004, Insel - Übertragung Brigitte Heinrich und Melanie Walz).
Besprechung von Henriette Ärgerstein in Rheinischer Merkur, 20.01.2005:

Antonia S. Byatt konstruiert ihr neuestes Buch wie eine Doppelhelix
Die Gene der Schnecke

Ein 800 Seiten starker Roman, der mit vier Varianten möglicher Eröffnungen spielt und so seine Protagonisten vorstellt. Vor jeder Kapiteleinteilung werden als potenzieller Romananfang Schnecken beschrieben, deren Häuser von einem Drosselmännchen auf einem Stein zerschlagen, freigelegt und gefressen werden. Man erfährt von in den Steinen eingeritzten Schriftzeichen, Splittern von Alphabeten, weil es in diesem vielschichtigen Werk auch um Schrift und den Anfang geht.

Kapitel 1 könnte mit den Assoziationen eines im Herbstwald wandernden Dichters und Aushilfslehrers zu seinem Poem beginnen, an dem er gerade schreibt. Er begegnet Frederica, einer Studienfreundin aus alten Tagen, und ihrem Sohn. Das Werk könnte ebenso gut beginnen in der Krypta von St. Simeon, wo Fredericas verwitweter Schwager mit glühenden Ohren als Telefonseelsorger Dienst tut, weil es in diesem Buch auch um Kommunikation geht. Und es könnte schließlich beginnen mit dem ersten Kapitel des Romans „Babbletower“ (Der Turm des Geschwätzes“), den Frederica einem Verleger empfehlen und der viel Aufregung verursachen wird, weil es hier nicht zuletzt auch um Literatur geht.

Ein fulminantes Werk über Schneckenforschung und den Anfang, das Schreiben, die Sprache, Literatur, Bücher, um Lehren und Lernen, um Liebe, Sex, Gewalt, Verrat und Lüge, Aussagen und Gegenaussagen, Gutachten und Gerichtsurteile, Ordnung und Unordnung.

Kunstvoll hat Antonia S. Byatt ihre Themen verwoben und verquickt. Sie nähert sich der Sprache auf viele Weisen. Sie zitiert die Bibel, Shakespeare, Beckett, William Blake, William Wordsworth, D. H. Lawrence, Tolkien, R. D. Laing. Ein selbstreflexiver Roman, der einen Roman zum Gegenstand macht und vor Gericht bringt.

Die ehrgeizige Literaturwissenschaftlerin Frederica, die durchgängige Figur des Romans, die alle anderen Figuren und Geschichten verbindet, lebt argwöhnisch beobachtet auf dem Landsitz ihres Mannes, der sie abkapseln will von der Umwelt. Ein früherer Freund aus Studienzeiten findet sie. Die Kontaktaufnahme stört den Gatten. Er verletzt das Briefgeheimnis, reagiert eifersüchtig, es kommt zu Handgreiflichkeiten seinerseits. Frederica verlässt ihn mit ihrem Sohn. In London schlägt sie sich mit Abendkursen und Lektoratsgutachten durch, reicht die Scheidung ein.

Sie empfiehlt dem Verleger trotz einiger Bedenken den Roman „Babbletower“ von Jude Mason zu drucken. Mason erzählt von einer Gruppe Überlebender der Französischen Revolution, die eine anarchistische Gemeinschaft gründen, die jedem Freiheit gewähren soll und die schließlich in sexuellen Exzessen, Gewalt und Folter endet.

Der Verlag wird wegen Veröffentlichung des „obszönen“ Machwerks verklagt. Parallel dazu wird Fredericas Scheidung vor Gericht verhandelt. Zwei Verfahren, zweimalige Vermessenheit der Justiz. Sprache wird verzerrt, missdeutet, in den Dienst von Interessen gestellt. Rechtsprechung erfolgt und ist dennoch nicht die Sprache der Gerechtigkeit.

Wie der Roman mit seiner Geschichte und mit der Romangeschichte zugleich beginnt, endet er auch mit einem gedoppelten Ende und zeichnet das komplexe Gebilde der gewundenen Kettenmoleküle der Doppelhelix nach, die aus je zwei komplementären Basenpaaren ihre Spirale windet. Wie Zwillinge sind die beiden Romane miteinander verbunden. Sie finden sich noch einmal in den Zwillingsbrüdern John Ottokar und Paul Zag, denen Frederica begegnet. Sie lässt sich ein auf eine Liaison mit John, wird dann auch von Paul begehrt, der ihre Bücher verbrennt.

Es geht Byatt um Texturen, Versprachlichung schriftlich und mündlich, deshalb wird jede Aussage vor Gericht und jedes Schriftstück, von dem die Rede ist, akribisch in Originallänge vorgestellt: die Gutachten, die vorgelesene Literatur, der Roman „Babbletower“, die Anwaltsschreiben, die Briefe, die Frederica empfängt, die Cut-ups, die sie aus literarischen und wissenschaftlichen Zitaten und aus Briefen zu neuen Texten als Dokumente der Gegenkultur zusammensetzt.

Ein wunderbarer, verschlungener intellektueller Roman über die Perfidie der Sprache und ihre Schönheit, der sich selbst zum Gegenstand macht und den anmaßenden Turmbau zu Babel als Ausgangspunkt für unsere Verständigungsschwierigkeiten, den Verrat, das Missverständnis, die Lüge und die Kunst setzt. Aber vor alldem waren die Schnecken Cepaea hortensis (Gartenbänderschnecke) und Cepaea nemoralis (Hainbänderschnecke), deren genetische Veränderungen Luk Lysgaard-Peacock erforscht, anhand der von den Drosseln zerschlagenen Schneckenhäuser und ihrer Petrifikationen: „Sie tragen ihre Geschichte auf ihrem Äußeren, sagt er. Ihrem Rücken kann man ihr genetisches Rüstzeug ablesen.“

So windet sich der Roman durch seine tiefgründige Auseinandersetzung mit Sprache entlang der Windungen einer Helix spiralförmig durch die verschiedenen Geschichten, die sich zu einer verbinden: Was der Schnecke das Haus, ist dem Menschen die Sprache. Der einzige Wermutstropfen besteht bei diesem hervorragenden Werk leider in einem schlampigen Lektorat, das gravierende Übersetzungsfehler übersah. So kann niemand auf der „Kruste des Abgrunds“ stehen oder eine „Schlange herzuhaken“. Schade, gerade bei diesem Buch, das sich um eine Auseinandersetzung mit Sprache verdient gemacht hat.

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