1.)
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Der Turm.
Roman von
Uwe
Tellkamp (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von
Simone Dattenberger im
Münchner Merkur,
15.10.2008:
Preiswürdiges Denkmal
Moralisch verfault
Uwe Tellkamp hat, wie gemeldet, für
seinen DDR-
„Die seltsame Krankheit zeichnete die Gesichter; sie war
ansteckend, kein Erwachsener, der sie nicht hatte, kein Kind, das unschuldig
blieb. Verschluckte Wahrheiten, unausgesprochene Gedanken durchbitterten den
Leib, wühlten ihn zu einem Bergwerk der Angst und des Hasses. Erstarrung und
Aufweichung zugleich waren die Hauptsymptome der seltsamen Krankheit.“ Der Leser
ist schon auf Seite 890, wenn er im Teil „Finale: Mahlstrom“ Menos Diagnose der
DDR liest. Meno Rohde ist eine der Hauptfiguren in Uwe Tellkamps 973-
Die anderen beiden Zentral-
Uwe Tellkamp prügelt aber nicht von Anfang an mit dem
Schrecken auf seine Leser ein. Ganz im Gegenteil. Er entführt in eine Dresdner
Zauberwelt. Das einst großbürgerliche Viertel, der Turm genannt, ragt über die
Stadt empor. Verwunschene Gründerzeit-
Die Männer sind exzellente erzählerische Vehikel, um den
medizinischen, wissenschaftlichen und literarischen Sektor der DDR darstellen zu
können (ergänzt durch Schule, Recht, Militär, Industrie im Zusammenhang mit
Christian). Eine überbordende Fülle – von Zensur über Klinik-
Zumal „Der Turm“ ja eine hervorragende Geschichtslektion
ist, die sich nicht nur vom Tod Breschnews bis zum „Wir sind das Volk“-
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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2.)
Der Turm.
Roman von
Uwe
Tellkamp (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem
FOCUS,
14.11.2008:
Das beste Buch des Jahres hat Uwe Tellkamp geschrieben
Er war der Favorit, aber eine Rede vorbereitet hat Uwe Tellkamp nicht, als er zum Auftakt der Buchmesse in Frankfurt den Deutschen Buchpreis für den besten Roman des Jahres 2008 verliehen bekommt. Tellkamp dankt seiner Frau, seinem Verlag und als ihm partout nichts mehr einfallen will, was er noch sagen kann, hat er eine sympathische Lösung parat und bittet seine Mitfinalisten mit auf die Bühne im Frankfurter Römer: „Es ist mir peinlich, hier oben allein zu stehen“, erklärte er.Es gehört zum guten Ton inzwischen bei
der Verleihung, dass der frisch gekürte Buchpreisträger
deutlich macht, wie sehr er es auch seinem Glück zu
verdanken hat, am Ende im Mittelpunkt zu stehen. Dass die
fünf anderen auf der Shortlist die Auszeichnung genauso
verdient hätten wie er selbst. Das mag richtig und vor allem
höflich sein – im Fall von Uwe Tellkamp aber ist sich das
versammelte Literaturvolk im Saal einig wie selten: Noch in
keiner der jetzt vier Wettbewerbe hat ein Autor so deutlich
seine Mitbewerber ausgestochen wie in diesem Jahr.
1000 Seiten über das Ende der DDR
Der gebürtige Dresdner entwirft in seinem backsteindicken
Roman ein Panorama der untergehenden DDR. Er erzählt die
Geschichte einer Familie, die einer Gesellschaftsschicht
angehört, die im Arbeiter- und Bauernstaat eigentlich gar
nicht vorgesehen war: dem Bildungsbürgertum. Man lebt in
zauberpalastartigen Villen mit umfangreichen Bibliotheken,
gibt sich der Hausmusik hin, parliert über Kunst und Kultur.
Und, ja, auch über Politik. Es ist das Jahr 1982, in der
Sowjetunion ist Juri Andropow an die Macht gekommen und in
der Bundesrepublik Helmut Kohl. Die DDR bröckelt, die Kader
versuchen, ihre Macht zu zementieren. Tellkamps Romanhelden
sind gezwungen, Stellung zu beziehen. Sich zu entscheiden
zwischen Ducken und Aufmucken, Anpassen und Auflehnen.
Und das soll interessieren, mag man da skeptisch fragen,
fast 1000 Seiten über das Ende der DDR, 19 Jahre nach der
Wende publiziert? Doch dann liest man sich hinein in diese –
so der Untertitel – „Geschichte aus einem versunkenen Land“,
und lässt sich gefangen nehmen von dieser eigenartigen
Stimmung der ersten Kapitel und den so sorgsam gestalteten
Figuren. Und lässt sich von ihnen tragen durchs ganze dicke
Buch. Es ist ein ambitionierter, unbescheidener, riskanter
Roman, weil es für solche Bücher in Zeiten der
Schnellschüsse und Pageturner eigentlich gar kein Publikum
mehr gibt. Umso schöner, dass „Der Turm“, ohnehin schon gut
platziert in der Bestsellerliste, durch den Buchpreis zum
großen Publikumserfolg werden wird.
Dresdner Farben in Frankfurt
Tellkamp weiß, wovon er erzählt. Er entstammt selbst einer
Dresdner Mediziner- und Musikerfamilie. Er ist so
aufgewachsen, wie er es im Buch beschreibt. Während der
Wende war er Panzerkommandant der NVA, widersetzte sich
einem Befehl und landete kurzzeitig im Gefängnis. „Das Buch
ist zu 34,57 Prozent autobiografisch“, scherzt er nach der
Verleihung. In Dresden haben sich viele wiedererkannt in
diesem Roman, und nicht alle haben ihre Porträts freundlich
aufgenommen. Dabei schreibt Tellkamp in einer Vorbemerkung:
„Die Personen, wie sie geschildert werden, leben in der
Vorstellung und haben mit tatsächlich existierenden Menschen
so viel gemein wie der Bildhauerton mit einer Skulptur.“
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3.)
Der Turm.
Roman von
Uwe
Tellkamp (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von
Dorothea
Dieckmann aus der
Neue
Zürcher Zeitung,
19.02.2009:
Sorgfältig abgeschrieben
Geheime Zettel in Uwe Tellkamps Roman «Der Turm»
«Dresden – in den Musennestern wohnt die süsse Krankheit Gestern», lautet ein Leitmotiv des Romans «Der Turm» von Uwe Tellkamp, dessen Detailgenauigkeit bald als Enzyklopädie der DDR gelobt, bald als erstickende Ausstattungsarbeit bemängelt wird. Neben der nostalgischen hat Dresden auch eine provinzielle Seite: Jeder kennt jeden, zumal unter Schriftstellern. Zu ihnen gehört Jens Wonneberger, der viele Bücher über seine Wahlheimatstadt veröffentlicht hat und in seinen Romanen aus einer fast puristisch einfachen Sprache ein Höchstmass an sinnlicher und gedanklicher Konzentration destilliert.
Seltsame Parallelen
In seinem 2003 erschienenen Band «Die letzten Mohikaner» lernt man das mittlerweile aufgelöste, schon zu DDR-Zeiten private Antiquariat Paul Dienemann Nachfolger kennen. Sofern es nicht Montag ist, denn «privat heisst, dass am Montag geschlossen ist», passiert man einen Gitterrost und eine Kokosmatte mit den Schildern «Bitte die Füsse sorgfältig abstreichen» und trifft drinnen die ältliche Tochter des Nachfolgers.
Fräulein Leukroth vertritt die Devise: «Seit Hermann Hesse gibt es keine Literatur mehr», trägt Kleider aus dem Stoff des Vorhangs und leidet an Hautausschlag, den sie auf kosmische Strahlung zurückführt und mit Tinkturen aus der Apotheke kuriert: «Wenn auf dem Bahndamm ein Zug vorüberfährt, vibrieren im Glasschrank leise die Fläschchen.» Ihr Vater «kommt jeden Morgen Punkt neun mit dem Taxi», zündet sich mit «zitternden Händen eine Zigarre an», denn er «leidet an der Parkinsonschen Krankheit», und weist hinter einer Tür mit der Aufschrift «Betreten verboten» die Bücherverkäufer ab, bis er ihnen endlich doch die Übernahme anbietet: «Damit Sie die Bücher nicht wieder mitschleppen müssen!»
Literaten besuchen oft Antiquariate. Auch Uwe Tellkamp bzw. seine Figur Meno Rohde, seltsamerweise montags: «Dienemann Nachf. war privat, und privat hatte montags geschlossen.» Auch er passiert Gitterrost- und Kokos-Abstreicher mit den bekannten Schildern, doch ihm begegnet drinnen zuerst der «zigarrequalmende» Herr Leukroth. Dieser «pflegt jeden Morgen mit dem Taxi ins Geschäft zu kommen. [. . .] Hinter der Tür mit dem Schild Betreten verboten» weist er einen Bücherverkäufer ab, besinnt sich aber dann: «Wollen Sie das denn wirklich wieder nach Hause schleppen?», und greift «mit zitternden Fingern (er litt an der Parkinsonschen Krankheit) in ein Glas mit Fünfmarkstücken: Taxikasse». Erst jetzt wird Meno Rohde der Tochter ansichtig – im Dämmerlicht hinter dem «Kattunvorhang [. . .] (Fräulein Leukroth trug ein Kleid aus gleichem Stoff)». Er beobachtet, wie sie sich «zu Apothekenmischungen gegen Hautleiden, über Strahlenkrankheiten aus dem Weltraum» beraten lässt, er registriert ihr Credo: «Nach Hermann Hesse! gibt es keine! Literatur mehr!», beweist aber auch Sinn für Unscheinbares: «[. . .] wenn ein Zug vorüberfuhr, übernahmen die Apothekenfläschchen das Erzittern.»
Die auffällige Anschmiegsamkeit dieser (und anderer) Formulierungen an jene des früheren Wonneberger-Porträts mag man damit erklären, dass sich die Beobachtungen eigenwilliger Schriftsteller an eigenwilligem Ort halt ähneln. Endgültig an Tellkamps Urheberschaft zweifeln lässt jedoch die merkwürdige Tatsache, dass eine Antiquariatsangestellte seinem Protagonisten Meno Rohde «einen Zettel Fräulein Leukroths zuspielte». Darauf ersucht das Fräulein, die Porzellanblume mit reichlich, aber dennoch sparsam bemessenem, abgestandenem Wasser zu giessen. Exakt diese krude Direktive verfasst Fräulein Leukroth bei Wonneberger. Auf einen zweiten Zettel notiert sie die Anweisung, «dass auch mit Packpapier sparsamer umgegangen werden muss. Jeden Morgen hat sie deshalb die Zeitungen vom Vortag in ihrem Beutel.» Tellkamp zitiert auch diesen: «Es wäre begrüssenswert, wenn in unserem Hause mit dem Packpapiere sparsamer umgegangen werden würde, Zeitungen vom Vortage erfüllen den Zweck des Einschlagens von Büchern ebenso gut, weswegen ich, wie Sie wissen, stets einen Vorrat mit mir bringe. Die Dativ-<e> waren sorgfältig unterstrichen.»
Die Vermehrung der Zettel
Jetzt mag man zwar ermessen, warum Tellkamps Bücher dicker sind als die von Wonneberger. Woher aber hat Tellkamp die Zettel? Eine Recherche in Dresden ergibt, woher Wonneberger sie hatte: In seinen Studienjahren arbeitete er morgens als Reinigungskraft bei Paul Dienemann, wo er die an ihn gerichteten Notizen vor Ladenöffnung vorfand, bis heute (sorgfältig!) zu Hause aufbewahrte und zu Literatur machte. In Dresden ging die Zeit, in der gewisse Angestellte anderen heimlich Dokumente zuspielten, vor zwanzig Jahren zu Ende. Doch nach wie vor findet ein Literat im Antiquariat die Literatur seiner Kollegen – inzwischen sogar montags.
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4.)
Der Turm.
Roman von
Uwe
Tellkamp (2008,
Suhrkamp).
Besprechung von Britta Heidemann in der
WAZ
vom 7.11.2009:
An der Tatsache, dass der große und sehnsüchtig herbeigewünschte Wenderoman nie geschrieben wurde, ändern die wunderbaren kleinen Würfe vergangener Jahre, etwa Thomas Brussigs „Wie es leuchtet” (2004) oder Clemens Meyers „Als wir träumten” (2006) ebenso wenig wie Uwe Tellkamps verzweigter Mammutbaum „Der Turm” (2008) – oder der aktuelle Roman „Freispiel”, den FAZ-Redakteur Andreas Platthaus über die Silvesternacht 1989 verfasste. Westdeutsche Studenten feiern in Berlin, treffen Norbert und Marlene aus Pankow – und erfahren zu spät, dass Norbert Funktionär ist: „Die Fronten sind aufgebrochen, und wir sind in einer Bonzenwohnung.” Die Konstellation hat Platthaus gut gewählt, seine Erzählstimme leider nicht: Eine liebesverwirrte Mittzwanzigerin ist nicht dazu angetan, Geschichte zu hauchen.
Dem vielleicht notwendigen Scheitern des Einzelnen hält Autorin Julia Franck einen Chor der Vielen entgegen: als Herausgeberin einer Anthologie, in denen Autoren aus Ost und West sich an Grenzerfahrungen erinnern. Wiederkehrende Motive: Teelichter in westdeutschen Fenstern, gen Osten gerichtet, Bahnhof und Grenzübergang Friedrichstraße. Und die Erkenntnis: „Hier regnet es ja genauso” – wie im Osten. Oder Westen.
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