Der Trottelkongreß.
Roman von Franzobel (1998, Ritter-Verlag).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage stephanmaus (
junge welt, 21.08.1998):

Karneval der Trottellinnen
Franzobels Commedia dellpape Der Trottelkongreß

Na also. Geht doch. Gibt doch noch spitze Bücher mit Sahnehubchen, die eine originelle Kunstsprache in die Welt schicken, resolut modern sind, dabei nicht verbohrt nabelkreiselnd sind, nicht an existentieller Flatulenz laborieren, nicht ihr Strampelhöschen mit der ollen expressionistischen Masche stricken, dem Volk aufs Maul schauen, auf´s vielzüngige: Fernsehen, Politik, Werbung, Lexika etc. Mutig spinnert herumtoben, ohne vor den Schrank zu laufen, sich nicht ein Mal den Kopf stoßen, ein irrwitziges Garn spinnen, ohne den roten Kettfaden zu verlieren.

Franzobel hat einen außerordentlichen Trottelkongreß einberufen, und nach und nach trudelt ein ordentlicher Haufen Deppen ein. Ein Stapellauf erzählerischen Staffellaufs: Der Text ist zersplittert in Fragmente, in denen jeweils mindestens ein neuer Trottel das Staffelholz in die Hand gedrückt bekommt, sich ein bißchen verrenkt, rumhampelt, sprintet, gähnt, torkelt, die Augen verdreht, sich auf´s Maul legt und hopp, schon startet der nächste Trottel durch.

Square Dance, originär österreichischer Reigen, Prinzip Kettenbrief: Der ist mit dem verwandt, der kennt nun wieder den da, der der da mal den Hof gemacht hat, die aber ihren scheelen Blick schon lange auf ihn da geworfen hat, Johnny loves Jenny, but Jenny loves Joe, Joey wants Betty, but Betty loves Bo. Da hat man natürlich schnell die ganze Weltbevölkerung am Wickel und in seiner Prosa rumspringen. Franzobel beschränkt sich auf Österreich, gibt aber dabei einen nicht allzu minimalistischen Einblick in die Heimat. Dort geht´s nun zu, als hätte einer ein Bierzelt samt Insassen in einen Teilchenbeschleuniger gesteckt bzw. die Ampelanlagen in einem Ameisenhaufen kurzgeschlossen.

Was machen diese Trottel? Irgendwas. Pinkeln, furzen, essen, nörgeln, sich lieben, sich hassen, was man halt so macht als Trottel. Aber auf Franzobelsch ist das sehr komisch, spannend und schön: „Brunshirn strahlte in den Linseneintopf Photograph. Sein Lächeln angebrannt.“ Und hier möchte einer Zigaretten: „Genau in diesem Moment stellte Gregor Gebetsroiters eine Forderung in den Raum. Ein Zigarettenautomat war die Diagonale, Verlangen der Horizont. Und eine Schachtel Milde Sorte lag da in der Perspektive.“ Und die Summe der Hypothenusenquadrate ist des Lesers Wohlgefallen. Auf jeder geraden Seite gibt es unten ein Foto, auf dem Männer in Vereinsuniform  marschieren, Hüte schwenken und winken, täterä. Allesamt freuen sie sich enorm, zum großen Trottelkongreß zu marschieren, ja in ihrem Marschieren der schiere Trottelkongreß schon zu sein. An ihren Transparenten sollt ihr sie erkennen: Männergesangsverein Saarbrücken,  Gesangsverein städt. Beamte Elberfeld, Melodia Königsberg und natürlich, was wären wir ohne die: Vereinigung deutschsingender Gesangsvereine Polen , zwo, drei, vier! Alle Mann sind ausgesprochene Frohnaturen und garantieren mit geschwollener Brust für ein sehr musikalisches Buch. Die Liedertafel Mariazell hätte sicher ihren Spaß daran, den Text zu singen.

Franzobel redet nicht lange um den heißen Brei, sondern vermittelt klare Einsichten: „Der Gerüstebau ist parteiunabhängig, ja geradezu autark.“ Noch Fragen? Eine weniger politische vielleicht, eher so was Psychologisches? Bitte schön: „Die Seelen sind verstrickt, mit Sachverhalten zugeschüttet.“ Was Sie jetzt machen, ist mir wurscht. Ich trete morgen in einen Männerchor ein und singe nur noch solche Sätze. Franzobels Stil ist eine Art Hörschule fürs innere Ohr. Es darf auch mitgedacht werden: „Während der kahlköpfige Maurermeister Petrus Bretterbauer seinem Dackel Lobkowitz einen mit dem Wort Apport verkleideten Regenschirm warf.“ Aber auch, wer sich einen Knoten in die Wurfleine seiner Vorstellungskraft machen möchte, kommt nicht zu kurz; hier z.B. die Hand eines arbeitslose Tischlers: „... die nur noch mit drei Fingern vertaute Mole seiner Hand ...“ Bilder zum Anfassen.

Jedoch selbst der dösigste Kongreß muß ein Thema haben. Man kann die Leute nicht zusammentrommeln, mit Bier und Bretzeln abspeisen, einfach nur so Gaudi haben wollen und am Spazierstock entlang untern Tisch pinkeln. Das Tagungsprogramm! Das Programm dieses Kongresses ist ein bißchen schwierig, man sollte es nicht allzu sehr festlegen. Alles hängt so schön in der Schwebe, da es eigentlich zu schade ist, dieses Mobile zusammenzufalten und in eine Kiste zu stecken. Trotzdem: Eine kurze Tagesordnung muß sein, damit keiner denkt, er sei unterwegs zur Daimler-Hauptversammlung: 1. Auch in dem kreischendsten Faschingszug marschiert vorneweg das hübsche Funkemariesche, der alle Mann hinterher wollen. Hintendrein aber schleicht düster Gevatter Schnitter. Wir lauschen auf den Grundbaß von Liebe und Tod und denken über Begehren und Vergehen nach: „Der Tod, der Tod. Und wenn er aber kommt?“ 2. Musik, drei, vier. 3. Lesen, lesen, immer nur lesen ist schön. Aber irgendwer muß das ja auch erzählen. Seien wir modern (keine Angst, es darf getanzt werden!) und denken über den Erzähler nach, der sich versteckt hinter all diesen Masken, hinter dieser komischen Sprache. Manchmal fühlt er sich sehr einsam und ruft trotzig ins Getümmel: Wer aber denkt an mich? Erst ganz zum Schluß taucht wirklich ein Ich auf. Das tritt dem letzten Trottel in den Hintern, und fertig ist die Commedia dellPape: „Aber da kam auch schon der nächste, ihm kräftig ins Gesäß zu treten, und es wurde wieder Ich. ENDE.“

So richtig zu sich selbst kommt der Erzähler also erst über den Umweg der Deppenparade: „Ich bin jetzt da. Endlich ... Reden ist ein Hergeben, ein Heraustreten aus sich, ein Faschingsprinz zu sein.“ Es würde mich nicht wundern, wenn dieser Faschingsprinz eine Prinzessin in seiner Karosse sitzen hätte, denn im Verlauf des Festzuges hört man immer wieder Fetzen eines Techtelmechtels: „Sag mir doch Ich liebe dich, und nicht Ich hab dich lieb.“ Da ist doch was im Busch, da raschelt´s doch im Unterholz! Zu Beginn wird gevögelt, zwischendurch gibt´s Geburtswehen, am Schluß eine Niederkunft: all das in Passagen, die keinem der Trottel zuzuordnen sind. In ungebundenen Textmolekülen sozusagen. Zeugt sich da der Erzähler etwa selbst? Vater, Sohn und heiliger Bimbam! Deswegen der Papst! Das erste Wort des Buches ist übrigens Jesus , das letzte Ich . Selbstvertrauen stärkt die Rückenmuskulatur. 4. Musik, drei, vier. Eröffnung des Büffets. Danach Tanz.

Der Trottelkongreß ist trotz barockem Übermut, klug kalauerndem Überschwang, albernder Tobsucht, dadaisierndem Gagaismus und ins Kraut schießender Wortflut sehr streng durchkomponiert, mit Echos verklammert, motivisch verfugt, mit Reimen vernutet und verfedert. Der Text hat Refrains und Leitmotive, auf die man bitte achte, sonst macht´s nur halb soviel Spaß, danke, setzen. Es gibt viel zu entdecken, Mr. Amundsen; das ist kein Buch, sondern ein Forschungsgebiet. - Und was wäre ein Chor, der seine Refrains nicht kennt?

Das letzte Foto zeigt eine riesige Menge von Hinterköpfen in einer geräumigen Kongreßhalle. Einer geräumigen Trottelhinterkopfkongreßhalle. Im Text drüber tauchen noch einmal alle Buffi auf und verbeugen sich. Alle? Keine Ahnung, ich hab sie nicht gezählt. Auf jeden Fall taucht der parteiunabhängige Gerstebauer von eben wieder auf: „... gab Paul Brobst dem Gerüstebauer Sixtus Brenneis die Hand. Erinnern Sie sich noch?“ Na logo, Herr Brenneis, so schnell vergessen wir Sie nicht!

Die meisten dieser Deppen haben schöne Krankheiten. Einer von ihnen hat eine besonders interessante: „Urbanus litt am inneren Wörterhören.“ Franzobel bestimmt auch. Hoffentlich wird er nie gesund.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

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