Der Traum des Kelten von Mario Vargas Llosa, 2011, Suhrkamp1.) - 2.)

Der Traum des Kelten.
Roman von Marío Vargas Llosa (2011, Suhrkamp -
Übertragung Angelica Ammar).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ, 14.09.2011:

Die blutige Seite der Zivilisation
Mario Vargas Llosas neuer Roman "Der Traum des Kelten
" folgt Spuren der Unterdrückung

Mario Vargas Llosa kann doppelt froh sein, dass ihn mit dem Nobelpreis im vergangenen Dezember die Heiligsprechung der Literaturwelt ereilt hat. Wer weiß, wie sonst die Reaktionen auf seinen neuen Roman "Der Traum des Kelten" ausfallen würden, der gerade auf Deutsch erschienen ist: Ein beinahe altmodischer Roman, ein politischer vor allem. Und gut ist er außerdem.

Vargas Llosa scheint für dieses Buch das Maximum an Abseitigkeit gesucht zu haben - und doch trifft es ins Hier und Jetzt der Globalisierung. Sein Held ist der schwule irische Freiheitskämpfer Roger Casement, der 1916 'im Londoner Pentonville-Gefängnis gehängt wird, nachdem er in Berlin vergebens um deutsche Hilfe im irischen Freiheitskampf geworben hat. Verraten wird er, der im U-Boot nach England zuckkehrt, von seinem Geliebten, einem Spitzel der britischen Geheimpolizei.

Bekannt wurde Roger Casement, Spitzname "Der Kelte", durch seinen Bericht von den Kautschuk-Plantagen des Kongo, wo der belgisehe König Leopold 11.durch Zwangsarbeit der afrikanischen Ureinwohner zu einem der reichsten Menschen der Welt wurde.

Ausbeutung in Kongo

Casement hatte sich aus Abenteuerlust und im Glauben an eine "zivilisatorische Mission" an der Erschließung des kaum entdeckten Kongos beteiligt, bis er merkte, dass hier ein Völkermord im Gange war. Die Gleichsetzung von Zivilisation und Humanität zerbrach unter den, Schreien schwarzer Zwangsarbeiter. 1903 schreibt Casement, inzwischen britischer Konsul, einen Bericht über die grauenhaften Zustände, er wird berühmt, geachtet, geadelt. Als er 1910 dann im peruanischen Amazonasgebiet entdeckt, dass die Kautschukproduktion dort noch brutaler ist, ahnt Casement, dass er als Diplomat nichts mehr ausrichten kann. Er wirft die Brocken hin, um sieh in den Kampf um Irlands Unabhängigkeit zu stürzen.

Vargas Llosas faktenreicher Abrechnung mit der Kolonialgeschichte merkt man seine jahrelangen Recherchen an. Sie ziehen mit Casements Leben vorbei, im steten Wechsel mit Kapiteln, die den Rebellen in seinen letzten Stunden in der Todeszelle begleiten. Diese Beglaubigung des Politischen durch ein Leben und am Ende auch den Tod ist die Stärke dieses Romans, seine leichte Schwäche ist die Verdoppelung mancher Episoden, die freilich vom Ende her gesehen in einem anderen Licht erscheinen als im Strom des Lebens.

Und wer über die Stellen hinweggeht, an denen das Buch gelegentlich etwas steifleinen und altväterlich übersetzt wirkt, liest einen realitätssatten Roman, an dessen Schluss man zum letzten Mal schluckt. "Wenn Sie die Luft anhalten, geht es schneller, Sir", sagt der Henker da zu Casement. "Er gehorchte".

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Der Traum des Kelten von Mario Vargas Llosa, 2011, Suhrkamp1.) - 2.)

Der Traum des Kelten.
Roman von Marío Vargas Llosa (2011, Suhrkamp - Übertragung Angelica Ammar).
Besprechung von Ulrike Frick im Münchner Merkur, 20.9.2011:

So ist der neue Roman von Mario Vargas Llosa
Mit dem grausamen Regiment der „Kautschukbarone“ in Afrika befasst sich das neue Werk von Mario Vargas Llosa. Der Literatur-Nobelpreisträger porträtiert in seinem historischen Roman einen Einzelkämpfer gegen diese Gräueltaten.

Zu den dunkelsten Kapiteln der ohnehin düsteren Geschichte des Kolonialismus zählt die Kautschukproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mächtige weiße Männer, sogenannte „Kautschukbarone“, die in Afrika Geld verdienen wollten, trieben die Eingeborenen im Kongo erbarmungslos zur Arbeit an. Wer sich weigerte, wurde erschossen. Wer zu wenig leistete, wurde verstümmelt. Alle Gräueltaten fasst ein erschütterter Diplomat in Berichten zusammen, die in seiner Heimat einen Skandal auslösen und indirekt das Ende der Kolonialzeit einläuteten.

Der Ire Roger Casement (1864-1916) will im Auftrag der englischen Krone den zivilisatorischen Fortschritt in den Kongo bringen, in das riesige Gebiet, das der belgische König Leopold II. als Privateigentum betrachtete. Sein berühmt gewordener Casement-Report über die unmenschliche Ausbeutung der afrikanischen Stämme bringt Casement daheim in Europa größte politische Anerkennung und einen Adelstitel ein.

Folter, Willkür, Gier, Sklaverei und unbeschreibliche Grausamkeit, diese dunklen Seiten des Kolonialismus, die auch bei seinem Freund Joseph Conrad in „Herz der Finsternis“ deutlich werden, lassen Casement später zum militanten irischen Patrioten werden. Er agitiert in Deutschland gegen die Herrschaft der Briten über die Iren, wird kurz vor dem Dubliner Osteraufstand 1916 ins Gefängnis geworfen und drei Monate später gehängt. Erst spät rehabilitiert man Casement, heutzutage gilt er in Irland als Nationalheld.

Dass man ihn seiner Tagebuchaufzeichnungen wegen als homosexuell verdächtigt, was damals für ein hartes Urteil ausgereicht hätte, deutet Vargas Llosa in der umfangreichen Biografie dieses ungewöhnlichen Mannes nur leicht an. Das Einzigartige an Casement ist schließlich etwas anderes: Ein Einzelner kämpft allein auf weiter Flur gegen das Unrecht, dabei einzig seinem Gewissen verpflichtet. Die Recherche, die Vargas Llosa für den historischen Roman „Der Traum des Kelten“ betrieben hat, scheint gigantisch. Zumindest liest sich der Danksagungsteil so. Üppig detailliert sind viele Beschreibungen, und die Faktenfülle erschlägt den Leser schier. Der Anspruch auf historisch-biografische Genauigkeit ist ehrenwert. Die Dialoge stauben allerdings arg angesichts der vielen Informationen, die in jedem Satz eingebaut sind. In ausufernden Gesprächen mit Missionaren und anderen Geistlichen geht es immer wieder um die katholische Kirche und die Menschenrechte. Man muss schon einen langen Atem haben, bis man sich in „Der Traum des Kelten“ eingearbeitet hat, die Vita Casements jenseits des Gutmenschentums allmählich in Schwung kommt und der von Vargas Llosa beinahe als Erlöserfigur Stilisierte endlich im Gefängnis sitzt. Da prunkt der peruanische Autor mit dem, was seine besten Romane auszeichnete und ihm 2010 den Nobelpreis einbrachte: die scharfsinnige, kritische Analyse bestehender Verhältnisse. Er schlägt den Bogen von der Folter in Afrika zum Reichtum Europas und verdeutlicht mit Nachdruck, wem wir unseren Wohlstand eigentlich zu verdanken haben.

Die Kapitel über den irischen Freiheitskampf haben den Autor anscheinend weniger interessiert, entsprechend hölzern sind sie geschrieben. Die Gesamtstruktur des Romans ist Vargas Llosa-typisch elegant, die Abfolge der Kapitel klug komponiert; jedes zweite spielt in der Todeszelle, in den anderen wechseln sich Erinnerungen mit Gesprächen, Kindheitstagen und breiten Panoramabetrachtungen ab.

Leider häufen sich Floskeln und Phrasen, die man in historischen Biografien oftmals findet. Ein paar Seiten weniger, dafür mehr Herzblut, und man würde bis zum letzten Satz erschüttert den Atem anhalten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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