Der Tramp von Martin Heipertz, 2011, bupDer Tramp.
Roman von Martin Heipertz, (2011, Berlin University Press.
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 7.1.2012:

"Der Tramp": Wer braucht Paulo Coelho?
Die Erfahrungen vom Franz, dessen Leben die Straße war. Auch die Highways. Paulo Coelho hat auch nicht viel mehr zu sagen.

Schade. Daraus hätte viel mehr werden können; und Autor Martin Heipertz, zurzeit im Leitungsstab des deutschen Finanzministeriums beschäftigt, hätte wahrscheinlich sogar das Zeug dazu gehabt. Aber die Zeit fehlte ihm. Wohl beeilte er sich auch deshalb, weil der Franz – die Hauptperson in „Der Tramp“ – krebskrank ist. Er sollte das Buch erleben. Denn es ist sein Fall, von dem erzählt wird.

Vor Weihnachten war Franz auf den Wiener Christkindlmärkten unterwegs und verkaufte das Buch. Es heißt, der Berliner Verlag sei mit dem Liefern kaum nachgekommen. Der Franz teilt sich die Tantiemen mit Heipertz, 50 zu 50, ein Euro für jeden. Eine wahre Begegnung: Im Frankfurter Bankenviertel setzt sich ein Finanzmensch – Heipertz arbeitete damals für die Europäische Investitionsbank – zu einem Sandler auf die Parkbank und hört ihm zu. Der gibt manchmal nur Stammtischblabla von sich und man fürchtet, gleich werde er über Ausländer schimpfen. Aber manchmal ist der Franz ein interessanter Beobachter, und ein Philosoph ist er sowieso: „Ich bin frei, aber ich habe nie frei. Du hast manchmal frei, aber du weißt gar nicht, was Freiheit ist.“

Über den „Interviewer“ – Frank genannt und der Coolness wegen „Fränk“ ausgesprochen – erfährt man nicht viel. Außer, dass er selbst ein bissl zweifelt an dem, was er treibt. Zu einem Gedankenaustausch kommt es nicht. Genau den aber hätte man lesen wollen. So bleibt nur die Lebensgeschichte eines Tirolers, der in den 1960er-Jahren drei Banken überfallen und einen Polizisten angeschossen hat. Mit ihm söhnte er sich aus.15 Jahre saß er in Stein. Als Schiffskoch fuhr er nach Amerika, soff dort mit Dolly Parton Whisky und mit Frankie Lane. Dann Italien. Dann Deutschland, wo die Blicke der Banker am feindlichsten waren – die verschwanden hinter seiner Parkbank im Gebüsch, um Kokain zu schnupfen. Jetzt ist der Franz in Wien in einem Heim. Ende Jänner wird er 69.
„Der Tramp“ wird zum Frage-Antwort-Spiel. Rasch noch etwas herausholen aus ihm ... zum Beispiel: „Gib einem Menschen Macht, und er wird schlecht.“ Oder: „Ich liebe die Schlangen, seit ich die Menschen kenne.“ (Braucht da noch jemand Paulo Coelho?)
Möchte-gern-Prominente mag er nicht. Wenn man es mit ehrlicher Arbeit zu etwas gebracht hat, davor hat er Respekt. „Und dann aber nett bleiben, kein Arschloch werden. Das ist die Kunst.“

KURIER-Wertung: *** von *****

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