Der Tote im Park  von Norbert Sternmut, 1999, Wiesenburg-Verlag1.) - 2.)

Der Tote im Park.
Roman von Norbert Sternmut (1999, Wiesenburg-Verlag).
Besprechung von
Ralf Harner, St. Ingbert:

Der Tote im Park

Lange haben wir auf einen Roman des Lyrikers, Dramatikers und Prosaisten Norbert Sternmut warten müssen. Um so erfreulicher, daß sich nun der kleine Wiesenburg Verlag aus Schweinfurt eines Werkes Sternmuts angenommen hat: des Romans „Der Tote im Park“. Und das Warten hat sich gelohnt, denn - so viel sei a priori verraten - was Norbert Sternmut auf 240 Buchseiten bietet, entspricht zweifelsohne seinem Ruf, den er sich in den vergangenen Jahren als Dichter bereits erworben hat.

Der Roman beginnt als Kriminalgeschichte. Ein erfolgloser Schriftsteller, der gerade an einer Kriminalgeschichte arbeitet, die von einem Toten im Park handelt, findet im städtischen Park die ermordete Leiche des Geliebten seiner eigenen Lebensgefährtin. Dies macht den mit dem Fall beschäftigten Polizeiinspektor natürlich mißtrauisch, doch gelingt es ihm nicht, dem Schriftsteller den Mord nachzuweisen. Dann tritt die Ehefrau des Ermordeten, Lektorin in einem großen Verlag, auf den Plan. Sie beschuldigt den Schriftsteller des Mordes an ihrem Mann, was sie aber nicht daran hindert, eine Liebesbeziehung mit ihm zu beginnen. Als schließlich auch sie ermordet im Park aufgefunden wird, gewinnt der Fall eine völlig neue Dimension, wird doch die Ermittlung selbst ad absurdum geführt, indem sich erneut nicht nur Frage nach der Identität des Täters sowie nach der des Toten im Park stellt, sondern auch die Ungewißheit entsteht, ob es überhaupt einen Mord gegeben hat.

Schon nach den ersten Seiten des fesselnd geschriebenen Romans wird klar, daß Sternmut sich nicht mit einer Kriminalgeschichte begnügt, sei diese auch noch so verwickelt. Vielmehr entwirft der Autor (in der Person des Schriftstellers) vor den staunenden Augen des Lesers (d.h. des rationalistisch denkenden Inspektors) die zunehmend irrealer werdende Anatomie eines Verbrechens, welches immer mehr seinen Bezug auf den konkreten Fall verliert und eine Universalität von geradezu beängstigendem Ausmaß annimmt. Diese Universalität birgt für jeden Autoren die Gefahr in sich, das feingesponnene Netzt seiner Handlung zu einem undurchschaubaren Knäuel zu verwirren. Sternmut hingegen gelingt es, diese Klippe geschickt zu umschiffen, indem er die Literatur selbst zum roten Faden erwählt, der seinen Roman zusammenhält. Der Schriftsteller als zentrale (und erzählende) Hauptfigur, in die (natürlich) auch eine autobiographische Tendenz einfließt, eruiert auf unmißverständliche Weise, daß es ihm in Wirklichkeit weniger um Mord bzw. um Mordmotive geht, sondern um den Zustand der Literatur und des skrupellosen Geschäftes mit der Literatur. Und nach dem (mehr oder weniger) überraschenden Schluß des Romans denkt man unweigerlich an Guilleaume Apollinaires Le Poete assassine:„Ins Wasser mit dem Dichter! Ins Feuer, Croniamantal...Vor die Hunde den Liebhaber des Lorbeers!“

„Der Tote im Park“ ist in mehrfacher Hinsicht ein in eine Kriminalstory gefaßter Roman über die Literatur an sich - ein Luxus, den sich freilich nur ein Dichter vom Format eines Norbert Sternmut leisten kann!

Leseprobe I Buchbestellung 0901 LYRIKwelt © Ralf Harner

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Der Tote im Park  von Norbert Sternmut, 1999, Wiesenburg-Verlag2.)

Der Tote im Park.
Roman von Norbert Sternmut (1999, Wiesenburg-Verlag).
Besprechung aus
herzGalopp, Zeitschrift für Poesie & Lebenskunst:

"Der Tote im Park" von Norbert Sternmut ist ein Roman, der im Krimi-Genre angesiedelt scheint, aber die herkömmliche naive Form des Erzählens bald verläßt. In einem Park wurde ein Toter gefunden. Der Erzähler schildert, in quasi innerem Dialog mit einem Inspektor, wie er die Leiche gefunden habe. Später liest er diesem Inspektor aus seinem Roman vor. Die beiden Ebenen vermischen sich im Laufe der Erzählung. Was ist wirklich geschehen und was ist erzählt? Ist vielleicht die Freundin des Erzählers die Mörderin, die später auch noch die Frau des Ermordeten umbringt, aus Eifersucht?! Sternmut reflektiert das Medium Krimi und spielt mit seinen Möglichkeiten. Er will keine naiven Story und erweitert die Handlung um philosophische, bisweilen ausufernde Betrachtungen und Reflexionen. Ausschweifend auch was die Sexualität und ins Psychopathische gehende Vorstellungen anbelangt. "Los, beschimpfen Sie mich, rammen Sie mir ein Messer ins Fleisch". Mehrmals unterstreiche ich mir Sätze, die wie Inseln aus dem Wörter-Ozean ragen. "Wie ich zurückgehe in meine Gedankentümpel, vielleicht doch langsam dem Wahnsinn verfalle..." Immer wieder dieses Hin und Her zwischen Handlung, realem Geschehen und hochgestochener fiktiver Ebene, in der es um das Schreiben selber geht. Keine Trivial-Literatur. Sternmut experimentiert mit den Worten, mit sich selber. An einer Stelle meine ich, daß er es sich zu einfach macht. "Machen wir doch einfach hier eine Leerzeile. Weshalb nicht?" steht auf S. 204. Dann kommt tatsächlich eine Leerzeile und danach lese ich "Hier ist die Leerzeile zu Ende. Bringen wir doch einfach / diesen ganzen Zusammenhang auf eine neue Zeile." danach wird wieder eine Zeile freigelassen und danach der Satz "Hier ist die neue Zeile". Dies finde ich sehr platt und das insgesamt raffinierte Niveau der Erzählung unterlaufend. Klar: Der intelligentere Leser ist sich bewußt, daß er ein Buch vor Augen hat mit Buchstaben, Wörtern, Sätzen, die sich zu einer fiktiven Realität zusammenfügen. Aber muß ständig darauf hingewiesen werden? Das Ende ist stark: Sehr sinnlich. Die Geliebte kommt, um den Erzähler zu töten. Sie nimmt das Messer. Ich stehe bewegungslos im Raum. Sie sticht zu. Ich empfinde einen kurzen Schmerz, fühle mein warmes Blut, dann falle ich. Sie sticht zu. Mehr kann ich nicht mehr sagen. Dann verliere ich das Bewußtsein. Es bleibt ein Gefühl der Irritation bei mir, aber auch Neugier auf weitere Werke, denn der Autor ist ein Handwerker, der seine Mittel hinterfragt und nach höchster Qualität strebt. Bei allem Spielerischen wirkt er nicht überheblich.

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