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Der Tote im
Bunker.
Bericht über meinen Vater von Martin
Pollack (2004, Zsolnay).
Besprechung von Teresa
Grenzmann im Münchner
Merkur, 22.9.2004:
Ein Schatten, den man nie
abschütteln kann
Martin Pollack schrieb ein spannendes Buch
über seinen Vater: "Der Tote im Bunker"
Am 6. April 1947 wird in einem Bunker am Brenner
ein toter Mann entdeckt. Im Frühsommer 2003 reist Pollack zum gleichen Platz,
nahe der österreichisch-italienischen Grenze. Doch das Interesse des ehemaligen
"Spiegel"-Redakteurs ist rein privat: Der durch zwei Kopfschüsse und
einen Schuss in die Brust ermordete Mann im Bunker war sein Vater, Dr. Gerhard
Bast, promovierter Rechtsanwalt und Gestapo-Mitglied, Regierungsrat und
Sturmbannführer.
"Eines glaubte ich von Anfang an zu wissen: Sein gewaltsamer Tod war der
Abschluss eines Lebens, in dem Gewalt eine wichtige Rolle gespielt hatte."
"Der Tote im Bunker" ist ein autobiografisches Buch,
Vergangenheitsbewältigung, zeitgeschichtliche Recherche, in gewisser Hinsicht
sogar Nachruf. Genaue Forschungen über das Leben des unbekannten Vaters
anzustellen, bedeutet für Martin Pollack, die ihm deutlicheren, slowenischen
Spuren seines nationalsozialistischen Großvaters aufzuspüren. Es bedeutet
auch, seine eigene Kindheit zu repetieren, das Aufwachsen zwischen Linz - bei
Mutter, Stiefvater und Halbgeschwistern - und Amstetten, bei den Großeltern.
Der Stiefvater ist ihm ein Vater; der leibliche Vater, die Affäre der Mutter,
wird totgeschwiegen, selbst als er längst tot ist. "Ich selber habe mir
damals auch nie den Kopf über diese rätselhafte Konstellation zerbrochen, ich
habe sie hingenommen, wie sie war, damit basta."
"Vom Brenner her wehte eine leichte Brise."
Martin Pollack
Pollacks heutiges Kopfzerbrechen aber bringt eine bittere Wahrheit ans Licht,
verkörpert durch die unzähligen Opfer der "völkischen
Flurbereinigung" eines SS-Sturmbannführers. Beginnend an dessen
slowenischem Geburtsort Gottschee, folgt Pollack dem Burschenschaftler und
Jurastudenten auf seinem Weg zum rücksichtslosen Fanatiker, zu NSDAP, SS und
Gestapo. Doch auch auf dessen regelmäßige, ausgedehnte Bergtouren per Ski
begleitet er seinen Vater. Rückblickend, während er alte Fotografien
betrachtet. In diesen eigenartig idyllischen Textpassagen er- und bekennt
Pollack Ähnlichkeiten zu sich selbst, eine "geerbte" Unnahbarkeit
etwa.
Geduldig geht der Sohn Schritt um Schritt seinem Vater nach. Geduldig berichtet
der Autor Pollack seinem Leser die Ergebnisse dieser Recherche. Und geduldig
muss auch der Leser sein, denn die Geschichte, so persönlich sie ist, bleibt
meist ein Bericht: objektiv, ungerührt. Die Verwandten scheinen dem Autor nicht
näher als andere Personen, berühmte Namen eingeschlossen. Nur durch die
stellenweise Häufung von Fragen, die als Ausdruck einer Verzagtheit gelten
mögen, scheint ein von grausamer Vergangenheit berührter Mann, ein nach Ruhe
Suchender. "Warum ausgerechnet er? Diese Frage begleitet mich seit vielen
Jahren wie ein düsterer Schatten, von dem ich weiß, dass ich ihn nie werde
abschütteln können."
Dies sind die Momente, die den Spannungsfaden des Buches aufrechterhalten, der
während der sehr detaillierten, genau recherchierten Ausführungen und
Zeitensprünge allzu leicht abzureißen droht. Pollacks Beschreibungen seiner
unmittelbaren Erlebnisse am Brenner im Sommer 2003 rahmen das Buch und führen
die Nachforschungen im Fall Gerhard Bast zu einer spannenden Auflösung. Sie
wirken gegen den Rest überraschend nostalgisch, lyrisch, fast fiktional.
"Vom Brenner her wehte eine leichte Brise" - selbst das Bedrohlichste
wird vom Vergessen entschärft. Es sei denn, es kommt einer und versucht, sich
zu erinnern.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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