Der Tote mit meinem Namen von Jorge Semprun, Suhrkamp, 20021.) - 3.)

Der Tote mit meinem Namen.
Roman von Jorge Semprún,
(2002, Suhrkamp - Übertragung Eva Moldenhauer).
Besprechung von Christoph Kappes aus der Münchner Merkur, 7.2.2002:

Das Gedächtnis hungert
Jorge Sempruns Roman ''Der Tote mit meinem Namen''

"Es gab nie genug Brot, um ein Gedächtnis zu bilden", hätte man im Spanischen gesagt, hacer memoria." Bei einer mehr als knapp bemessenen Ration blieb das Gedächtnis in Buchenwald immer hungrig.

War der letzte Bissen geschluckt, war er auch schon wieder vergessen, und der Hunger kehrte wieder. Die Erinnerung an ein Leben und Überleben im Konzentrationslager bleibt dagegen immer wach. Mit seinem neuen Roman "Der Tote mit meinem Namen" kehrt Jorge Semprun nach "Die große Reise" von 1963 und "Was für ein schöner Sonntag!" von 1980 zum dritten Mal nach Buchenwald zurück. Er unternimmt dies in Zwittergestalt eines literarischen und biografischen Jorge Semprun, der damals, im Widerstand gegen die Nazis, den Decknamen Gerard Sorel trug und im Roman mit einem fiktiven Erzähler-Ich vermengt ist.

Als 18-jähriger Student schloss sich Semprun 1941 der kommunistischen Résistance in Paris an, wo er 1943 verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde. Dort gehörte er zum Kreis der lagerinternen Selbstverwaltung. Nach der Befreiung wurde er Mitglied der spanischen Exil-KP, die den Widerstand gegen das Franco-Regime organisierte und von der er 1964 wegen parteiinterner Streitigkeiten ausgeschlossen wurde. Erst 1988 kehrte er nach Spanien zurück und bekleidete dort für drei Jahre als Parteiloser das Amt des Kulturministers.

In "Der Tote mit meinem Namen" erzählt Semprun vom "Glück", dass ein Anderer im Sterben liegt und damit Gerard Sorel das Überleben ermöglicht: Ein Schreiben aus Berlin, das Semprun alias Sorel betrifft, könnte die Deportation in ein Außenlager, somit den Tod oder auch die sofortige Exekution bedeuten. Die Genossen machen daraufhin einen schwer Kranken gleichen Alters ausfindig, der im Namen Gerard Sorels stirbt.
Eine nüchterne Distanz zum Geschehen und seine lakonische Sprache hat der Erzähler Semprun auch im neuen Roman beibehalten. Doch es sind zugleich sehr enge und auch feine Kreise, die er in "Der Toten mit meinem Namen" um die persönliche Vergangenheit zieht. In einer Mischung aus Realem und Fiktiven sucht er unter den Trümmern der Geschichte nach einem Ich, das zuerst im Kampf gegen Hitler, dann gegen Franco ständig die Identitäten wechseln und in der Illegalität leben musste.

Mit einem überwiegend kommunistischen Wir waren Verhaftung und Deportation in "Die Große Reise" noch überschrieben. Den kämpferischen Glauben an eine sozialistische Zukunft revidierte Semprun selbstkritisch und nachdrücklich in seinem zweiten Lagerroman, "Was für ein schöner Sonntag!", der einem "kollektiven Gedächtnis" galt, an die Opfer von KZ wie Gulag gleichermaßen erinnern sollte. Ohne illusionäre Verklärung zeigt Semprun auch im neuen Buch die "brutale Sachlichkeit", die die "rote Aristokratie" - ein Zirkel aus KP-Funktionären an der Spitze der inneren Lagerverwaltung - in ihren Strategien des Überlebens und Widerstands an den Tag legt. Mit seinem Erzähler-Ich setzt sich Semprun immer wieder davon ab und gesellt sich zu den "Muselmännern", hoffnungslos dahinsiechenden und von der Zwangsarbeit zugrunde gerichteten Intellektuellen und Randfiguren des KZ-Alltags.

Hier lässt Semprun ein intimeres Wir gedeihen, das sich nicht auf das gemeinsame Parteibuch gründet, sondern aus geteilten Erinnerungen an Literatur und an philosophische Debatten erwächst. "Nur mit Erinnerungen konnte man ein Gedächtnis bilden. Kurzum mit Irrealem, Imaginärem."

Ein Leben draußen, davor und danach, zu erinnern und sich vorzustellen, "in die Musik eines Gedichts zu flüchten", um das Interesse an sich und der Existenz nicht zu verlieren, wird von Semprun als Teil des Überlebenskampfes in Buchenwald beschrieben. Als Gerard Sorel neben dem Sterbenden liegt und auf das Verlöschen seines aktenkundigen Namens wartet, erblickt er in ihm ein bekanntes Gesicht: François, der ihm einmal in der Gemeinschaftslatrine sagte, er wolle über diese Zeit schreiben, wenn er überleben würde, und ihn als Figur darin aufnehmen. François ist gestorben, das neue Buch hat Semprun in seinem Namen geschrieben.

Schon bei der Deportation in "Die große Reise" hat François ihn begleitet, womit der Erzähler in der Fiktion die Einsamkeit der Wirklichkeit aufhob. "Wozu Bücher schreiben, wenn man die Wahrheit nicht erfindet? Oder, noch besser, die Wahrscheinlichkeit?"

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Der Tote mit meinem Namen von Jorge Semprun, Suhrkamp, 20022.)

Der Tote mit meinem Namen.
Roman von Jorge Semprún
(2002, Suhrkamp - Übertragung Eva Moldenhauer).
Besprechung von Roland H. Wiegenstein aus der Frankfurter Rundschau, 4.4.2002:

Vom Glück, zu überleben
Nun also lüftet Jorge Semprun sein Geheimnis über Buchenwald: "Der Tote mit meinem Namen"

"Bald wird es keine verstörenden Zeugen mit lästigem Gedächtnis mehr geben. Ich hatte jedenfalls Glück, zwecklos, es zu leugnen."

Der verstörende Zeuge mit dem lästigen Gedächtnis, der nicht leugnet, Glück gehabt zu haben, ist Jorge Semprun, 1923 in Madrid geboren, Sohn eines nach Frankreich emigrierten "republikanischen" Diplomaten, mit neunzehn Jahren als Waffenbeschaffer der Résistance verhaftet, nach Buchenwald deportiert, wo er zwei Jahre durchhielt, gehalten von der illegalen (kommunistischen) Parallelorganisation im Lager, die ihm einen überlebenswichtigen Platz in der "Arbeitsstatistik" verschaffte, nach dem Krieg in Spanien wieder im Untergrund gegen das Regime Francos tätig, drei Jahre lang (1988 - 1991) spanischer Kulturminister, Schriftsteller.

Zweimal schon hat Semprun seine Jahre in Buchenwald rekapituliert - in Die große Reise und Die Ohnmacht; nun, im Alter von fast achtzig Jahren, kommt er, nach vielen anderen Romanen, Erzählungen, Essays, noch einmal zurück auf das Lager, auf die Zeit in Buchenwald. Und wieder in einem Roman. "Wozu Bücher schreiben, wenn man die Wahrheit nicht erfindet? Oder noch besser, die Wahrscheinlichkeit."

Semprun ist kein "zuverlässiger" Zeuge im Sinne der Historiker. Ein zuverlässiger Zeuge erfindet keine Figuren, wie er den Kapo Kaminsky oder den Jungen aus Semur (in Die große Reise), er hält sich nur an die Akten, die Fakten. Doch die kennen wir, seit 1946. Damals schon hat Eugon Kogon den "SS-Staat" beschrieben, den er in demselben KZ Buchenwald erlebte, durchlitt. Seitdem wissen wir, dass es im Lager (keinem Vernichtungs-, einem Arbeitslager, was nur einen methodischen, keinen finalen Unterschied machte, zum Tod waren die Häftlinge in beiden bestimmt) wirklich eine Bibliothek gab. Von Semprun erfahren wir jedoch, dass er, der Ich-Erzähler, darin Faulkners Absalom, Absalom in einer deutschen Übersetzung fand und las, auch andere Bücher, die man dort nicht vermutet hätte. Von ihm erfahren wir von den Überlebensstrategien, mit denen Menschen wie er, die nicht aufgeben wollten, sich fit hielten: mit dem kalten Waschen am Morgen, mit dem Memorieren von Gedichten, mit der zwar verbotenen, aber von der SS geduldeten, von den "Politischen" zugelassenen Teilnahme an den Jam-Sessions einer (ebenfalls geduldeten) Jazzband am "freien" Sonntagnachmittag, mit Gesprächen über Kant und Schelling, über das absolut Böse, das ihm, dem Erzähler, als die dunkle Seite der menschlichen Freiheit erscheint und als absurde Bestätigung dafür, dass es Freiheit überhaupt gibt.

Wir erfahren abermals von der schauerlichen Abtrittsbaracke im "Kleinen Lager", von den teuflisch ausgeklügelten (und sich am Ende gegen ihre Erfinder richtenden) Lagerhierarchien, dieser Pyramide, an deren Spitze die häufig sadistischen SS-Leute standen, die sich fortsetzte über kriminelle Lagerchargen bis zu jenen anderen Kapos, die den Widerstand organisierten und an deren Basis - mit zahlreichen Abstufungen - die "Muselmänner" buchstäblich lagen, die vom rigorosen Verwertungsgesetz des KZs Ausgespieenen, deren Tod bis auf den (nahen) Zeitpunkt sicher war.

Unbarmherzig waren auch die Funktionäre der Parallel-Organisation, sie genossen Privilegien, weil sie wichtig waren, jeder von ihnen. Denn es gab nur ein Gesetz: "Wenn es hier eine Moral gibt, dann nicht die des Erbarmens, des Mitgefühls, und noch weniger denn je eine individuelle Moral. Sondern nur die Moral der Solidarität. Eine Moral des Widerstands natürlich: eine zwar vorläufige, aber zwingende Moral des kollektiven Widerstands. Die unter anderen historischen Bedingungen nicht anwendbar, in Buchenwald aber notwendig ist."

Diese "Moral" hat Semprun gerettet. Als Vertrauensmann der inhaftierten spanischen Kommunisten, aber ohne andere Privilegien als den erträglichen Arbeitsplatz, schien er auf Grund einer Anfrage aus Berlin in Gefahr zu sein. Also wurde ihm zwar die Identität eines auf den Tod liegenden Muselmanns zugedacht, der, weniger begünstigt als Semprun, der "Moral" einen letzten Dienst erweisen sollte. François stirbt, ohne dass er als Alias gebraucht wird, Semprun auf der Pritsche in der Krankenbaracke neben sich. Erst Jahre später kann er sich François' letzte Worte deuten: ein Zitat aus einem Seneca-Stück, es handelt vom Nichts.

Die beiläufige Anfrage aus dem Reichssicherheitshauptamt, die Sempruns Vater über einen ehemaligen Kollegen, den Botschafter Franco-Spaniens in Paris, lanciert hatte, war der Lager-SS gleichgültig. Und doch hätte sie den Zwanzigjährigen beinah ins Verderben gestürzt - als vermeintlichen Kollaborateur. Die aus deutschen Kommunisten bestehende Spitze der Widerstandsbewegung im Lager ist misstrauisch, sie verhört ihn, bereit, ihn beim geringsten Verdacht, mit Frankisten Umgang gehabt zu haben, fallen zu lassen.

Die Szene ist in ihrer absurden Logik grotesk; sie reflektiert die Haltung des alten Semprun, der den kommunistischen Träumen seiner Jugend längst abgeschworen hat. Also nennt er seine Befrager mit Klarnamen: Einen der beiden haben die Sowjets nach dem Krieg umgebracht, der andere endete, nach Haft und Prozess, auf einem Lehrstuhl in Ostberlin. Die grausige Komik, die das Zeitalter des Verrats (und des Verdachts) zuweilen hatte, kann Semprun nun gelassen beschreiben.

Sein Buch steckt voller Anekdoten, die nur die Überlebenden erzählen können, darum hat er sie aufgeschrieben. Und weil er denen ein Denkmal setzen will, die ohne ihn kein Gesicht, keine Gestalt, keinen Namen mehr hätten, nur noch Tote unter anderen Millionen Toten wären: dem zarten François, den es erwischt, dem blonden Russen, der Semprun den schweren Stein abnimmt, an dem er sich schon in den ersten Tagen der Lagerhaft tödlich verhoben hätte, dem tschechischen Jazzfreund, den er 1969 - nach dem Einmarsch der "Brudernationen" - in Prag wiedertrifft und der bald darauf nach Hamburg emigriert. Es sind solche Medaillons des Erinnerns, in denen sich Semprun der Lagermoral entzieht und jenes Mitgefühl zulässt, das verboten war: von den Peinigern wie von denen, die ihnen Widerstand leisteten gleichermaßen.

Humanität als eine unabweisbare, gleichsam natürliche Regung - das ist es, was Sempruns Zeugnis wichtig macht: Sie war sein Glück. Bis heute. Und anders als jene, die der Todesalbtraum am Ende einholte, Primo Levi etwa oder Jean Améry, hat dieser Überlebende von Buchenwald sich geweigert, sich schuldig zu fühlen, weil er überlebte. Darin, und nur darin ist er der Moral des kollektiven Widerstands treu geblieben. Bis heute.

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Der Tote mit meinem Namen von Jorge Semprun, Suhrkamp, 20023.)

Der Tote mit meinem Namen.
Roman von Jorge Semprún
(2002, Suhrkamp - Übertragung Eva Moldenhauer).
Besprechung von Wolfram Schütte in Titel - Magazin für Literatur und Film, Juni 2002:

Erkundungen in Ruinengelände
Ein letztes Mal Buchenwald. Jorge Sempruns erfundene Wahrscheinlichkeit. "Der Tote mit meinem Namen"

" - Wir haben den passenden Toten! schreit Kaminsky.
Er kommt mit großen Schritten herbei, wartet nicht, bis er mich erreicht hat, um die gute Nachricht auszuposaunen.
Ein Dezembermorgen: Wintersonne.
Die Bäume ringsum waren mit Reif bedeckt. Überall Schnee, anscheinend seit jeher. Jedenfalls hatte er den bläulichen Schimmer des Ewigen. Aber der Wind hatte sich gelegt. Seine üblichen Böen auf der Höhe des Ettersbergs, stürmisch, rauh, eisig, gelangten nur noch bis zu der Bodensenke, wo sich das Latrinengebäude des Kleinen Lagers erhob".

Mit acht großen Satz-Schritten seines jüngsten Buchs "Der Tote mit meinem Namen" hat Jorge Semprun Buchenwald wieder erreicht; und mit dem Eingangssatz ein Rätsel entworfen, dessen Auflösung er sich auf den 203 folgenden Seiten schrittweise nähert. Es ist - nach "Die große Reise", "Die Ohnmacht", "Was für ein schöner Sonntag" und "Schreiben oder Leben" - Sempruns fünfte literarische Annäherung und seine wahrscheinlich letzte imaginative Rückkehr zu dem Ort, der seiner war - wie für Goethe das Buchenwald so nahegelegene Weimar. Dieser hat den Ort Weimar bis heute geprägt, jenen hat das Terrorgelände auf dem Ettersberg seither gezeichnet.

Der Frankfurter Dichter hatte die Residenzstadt im 18. Jahrhundert aus freien Stücken gewählt und sie allein durch seine Existenz zu einem der leuchtendsten Weltmittelpunkte gemacht, den je nicht nur die deutsche, sondern die Weltliteratur besaß. Der Madrilene Jorge Semprun war im 20. Jahrhundert, mehr als 200 Jahre später, zwangsweise im KZ Buchenwald: ein aus Frankreich deportierter Resistance-Kämpfer auf dem Ettersberg, wo der alte Goethe sich zuletzt mit Eckermann aufhielt und in freier Natur tafelnd den Blick weit ins Thüringische genoss. Der gleiche Blick war für den 20 jährigen Exilspanier die eine Möglichkeit, den "Verheerungen, welche die unvermeidliche, bedrückende Enge anrichtete", zu entgehen und der "heimtückischen Verletzung der Integrität der Person" zu widerstehen. Denn er war ja zusammen mit Tausenden anderen Männern in dem ersten großen, ursprünglich zur "Umerziehung" der politischen und kriminellen Häftlinge errichteten Konzentrationslager Buchenwald kaserniert. Die andere Möglichkeit, "die klebrige Angst vor der ständigen Enge zu überlisten", bestand darin, "Gedichte zu rezitieren, mit leiser oder mit lauter Stimme". Eine triumphale & lebenserhaltende Widersetzlichkeit durch große Poesie, die einem heutigen Zeitgenossen gewiss schon "märchenhaft" erscheinen muss, kennt er ja kaum (noch), was sich Semprun und seine Mitgefangenen aus dem literarisch gebildeten Gedächtnis kollektiv rekonstruierten, zusammenreimten & -leimten: Gedichte von Rimbaud oder Lorca, Alberti oder Valéry und Romanpassagen von Malraux. Unsereins fände womöglich in ähnlich isolierter Gefangenschaft Trost & Lebenswillen allenfalls noch in memorierten Schlagertexten, Film- & Fernsehsequenzen

Wer das literarische Quartett der "Buchenwald-Bücher" Sempruns kennt - gewiss das literarisch intensivste Dokument einer politisch avancierten Intellektuellen-Existenz im 20.Jahrhundert - wird, nach diesen großen Epen im "Toten mit meinem Namen" eine eher novellistische Coda sehen: Eine Kammermusik des 79jährigen Autors, das seinen früheren symphonischen Dichtungen folgt, die er seit dem Debüt der "Großen Reise" 1963 über die folgenden Jahrzehnte hinweg realisiert hat. "Kammermusik" deshalb, weil die "grundlegende Erfahrung meines Lebens", nämlich die 1 ½ Jahre, die der im französischen Maquis 1943 verhaftete, gefolterte und nach Buchenwald deportierte Exil- & "Rot-Spanier" im KZ verbrachte, in diesem "Nachspiel" nur auf den Autor, den Toten mit seinem Namen und zwei, drei andere Mithäftlinge während eines Winterwochenendes reduziert ist. Kleine Besetzung, also egozentriert; aber auch paradigmatisch für diesen einzigartigen Zeugen des 20.Jahrhunderts.

Warum ist Semprun in diesem unverkennbaren literarischen Spätwerk noch einmal zu seinem vielfach, wie ein Palimpsest überschriebenen traumatischen Urerlebnis zurückgekehrt - nachdem er ja schon in "Schreiben oder Leben" sein Überleben im KZ und sein späteres Nachschreiben dieser Erfahrung bilanziert hatte? Es scheint nicht nur die von ihm verdrängte Episode zu sein, die im erzählerischen Zentrum des Buches steht, welche ihn zu diesem höchst subjektiven Buchenwald-Epilog gedrängt hat; sondern offenbar auch "das Glück, das ich hatte" - nicht allein im KZ Buchenwald, vielmehr auch während seines ganzen abenteuerlichen, politisch-literarischen Lebens. Das Glück, viel- & mehrfach dem Tod entgangen zu sein; und das Glück, nicht zu vergessen - und er hat es nie vergessen! -, trotz aller Einsamkeit immer wieder brüderliche Solidarität, menschliche Wärme, Freundschaft, Liebe erfahren und zurückgegeben zu haben. Seine Bücher, über alle politischen Wandlungen hinweg, sind ein einziger, Großer Gesang und Hymnus auf die dritte der Französischen Revolutionslosungen: auf die "Fraternité!"

"Insbesondere das Glück des Überlebens" im KZ sei ihm aber häufig "in Tönen der Gereiztheit, des Argwohns und des Misstrauens" entgegengehalten worden. "Mir scheint nämlich, und das hat mich immer wieder überrascht, als müsste man eine gewisse Scham, zumindest ein schlechtes Gewissen an den Tag legen, wenn man ein vorzeigbarer, glaubwürdiger Zeuge sein will". Für "Spezialisten" sei "der beste, der einzig wahre Zeuge (...) derjenige, der nicht überlebt hat", weil "er bis ans Ende der Erfahrung gegangen ist und daran gestorben ist". Da man ihn aber nicht befragen könne, blieben ersatzweise nur die Überlebenden: "störende Zeugen mit lästigem Gedächtnis"; aber bald werde es sie nicht mehr geben.

Sempruns Gereiztheit verteidigt die eigene erlebte, konkrete Erfahrung und Erinnerung (aber auch deren literarische Gestaltung!) gegen die vermeintlich besserwisserische, davon abstrahierte historische Wissenschaft. Insbesondere im Hinblick auf die Rolle, welche die illegale, subversive Macht der in Buchenwald höchst einflussreichen KPD bei der Verteilung der Arbeit spielte, ist gefragt worden, ob dabei nicht linientreue Genossen bevorzugt, Dissidenten und Nicht-Genossen benachteiligt wurden, ja: auch in den sicheren Tod durch mörderische Arbeit geschickt wurden. Buchenwald war zwar kein nazistisches Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka; aber die "Vernichtung durch Arbeit" war auch in Buchenwald und seinen Außenlagern, vor allem Dora, wo V2-Raketen hergestellt wurden, an der Tagesordnung.

Die nie von ihm verschwiegene Tatsache, dass der junge rotspanische Genosse, der zudem deutsch sprach, bald nach seiner Ankunft unter die Obhut der deutschen Genossen kam und - in der Bürostubenluft der "Arbeitsstatistik" - dem Außendienst entzogen wurde, sodass er in der Lagerbibliothek Hegel und Schelling oder William Faulkner lesen, also seine philosophischen und literarischen Studien fortsetzen konnte, hat ihn bei manchen in den Verdacht einer "privilegierten" KZ-Lebensweise gebracht. Es will mir scheinen, dass Semprun mit seiner jetzigen ultimativen imaginären Rückkehr nach Buchwald eben solchem Misstrauen durch eine präzise Positionsbeschreibung seiner Existenz entgegentreten will.

Die mehrmaligen Hinweise auf seine zwar im Vergleich zu der Mehrzahl der anderen Häftlinge, herausgehobene und "geschützte" soziale Position, aber seine dennoch, was die minimale Verpflegung angeht, "plebejische" Gemeinschaft mit allen anderen, deuten auf diese Intention hin. Er hatte "Glück" und stand doch "dazwischen". Erst recht aber weisen die vielfachen Anmerkungen zur soziologischen Struktur und die Machtpyramide innerhalb des Lagers auf diese (selbst-)aufklärerische Absicht hin. Das Machtgefälle, innerhalb dessen über Tod und Leben entschieden wurde, reichte von der SS-Spitze über die KPD-Organisation zu den jeweils nationalen Gruppierungen bis zum Bodensatz der "Muselmanen" - also jenen Häftlingen, die sich physisch und psychisch aufgegeben und fatalistisch ihrem Ende entgegenstarben, wie Sempruns verehrter akademischer Lehrer Maurice Halbwachs, über dessen Ende er schon in "Was für ein schöner Sonntag" und in "Schreiben oder Leben" erzählt hatte.

Die "alten" deutschen Genossen - manche von ihnen hatten Buchenwald 1938 errichtet und seither dort überlebt -, nannten das Lager 1944/45 in einer Mischung aus Stolz und Zynismus ein "Sanatorium", im Vergleich zu dem, was sie zuvor dort erlebt hatten. Es ist dieser interne Konflikt und Aspekt - nämlich das Oszillieren von Widerstandsstolz, subversiver politischer Organisation und bürokratischer Zynismus - , den Semprun in "Der Tote mit meinem Namen" erzählerisch und reflektierend besonders in den Blick nimmt. Philosophisch gesprochen: wo das Gute vom Bösen affiziert, und moralisch: wo spontane menschliche Güte vom versteinerten Kalkül eingeschränkter Solidarität ausgeschlossen wird - wo also der "Wärmestrom" der brüderlichen Barmherzigkeit mit dem "Kältestrom" totalitärer Verhärtung zusammenstößt.

Parabolisch verdichtet wird dieser Grundkonflikt über die Frage menschlicher Würde und moralischer Integrität im Augenblick tödlicher Bedrohung in der zentralen erzählerischen Metapher eines inszenierten Identitätstauschs. Beunruhigt von einer Anfrage der Berliner Gestapo nach dem Verbleib Sempruns in Buchenwald, beschließt der deutsche kommunistischen Untergrund, der davon Kenntnis bekam, den bedrohten spanischen Genossen zu retten: er soll, neben einen sterbenden gleichaltrigen französischen "Muselmann" platziert, nach dessen Tod unter falschem Namen im Lager weiterleben.

Der Namens- & Identitätstausch wird aber nicht notwendig, weil - wie sich am Ende herausstellt - es Francos Botschafter in Paris war, der sich besorgt nach dem "Rotspanier" Semprun erkundigt hatte. Das aber bringt ihn in Schwierigkeiten mit seinen misstrauischen deutschen Genossen, die ihn einem stalinistischen Verhör unterziehen. Sempruns republikanischer Vater muss wohl den ihm aus Vorbürgerkriegszeiten bekannten Diplomaten Francos um menschliche Hilfe gebeten haben. Diese Vermutung (und dass man den jungen Genossen für die väterliche Intervention nicht verantwortlich machen könnte) "rettet" ihn. Er hat "wieder einmal Glück" gehabt.

Aber diese Irritation des kommunistischen Apparates in Buchenwald ist schon ein Vorschein jener stalinistischen Paranoia des fingierten Verrats in den "Säuberungsprozessen" der 50iger Jahren, denen zahlreiche kommunistische Überlebende der KZs zum Opfer fielen. Als "Überlebende der Lager galten sie als schuldig (...) Das eigentliche Verbrechen all dieser Männer war jedoch", resümiert Semprun, "dass sie nach dem Spanischen Bürgerkrieg in den europäischen Widerstandsbewegungen, weitab von der Vormundschaft Moskaus, eigenmächtig gelebt, gekämpft, Gefahren auf sie genommen und Initiativen ergriffen hatten".
Am Beispiel des tschechischen Buchenwald-Genossen Josef Frank, der zu absurden Selbstanschuldigungen gepresst und als "Gestapo-Kollaborateur" hingerichtet oder des deutschen Ernst Busse, der im Gulag umkam, erinnert Semprun an die Tragik der Überlebenden.
Aber im erzählerischen Zentrum des wie immer bei Semprun sprunghaft, assoziativ die Zeiten wechselnden Buchs steht die Freundschaft zu dem "Muselmann" Francois L., dem gleichaltrigen Pariser, der das "Glück" Sempruns nicht hatte und erschöpft, erschlagen dem Tod entgegendämmert. Schon einige Zeit bevor er nichts ahndend sich zu ihm auf die Pritsche legt, um in seinen Namen weiterleben zu sollen, war ihm Francois schon aufgefallen. Er hatte ihn in der Latrinenbaracke aufgesucht, sie waren ins Gespräch gekommen, hatten sich sogar über ihre Leben ausgetauscht, diese zwei jungen Intellektuellen - und dabei über Blanchot, Camus und Merleau-Ponty gesprochen. Nur über Giraudoux und Faulkner konnten sie sich nicht einigen. Im Streit über Faulkner kam "etwas Persönliches ins Spiel" - Sempruns Eifersucht nämlich, weil er den Eindruck gewinnt, Francois sei im besetzten Paris von der gleichen jungen Frau wie er auf den amerikanischen Schriftsteller hingewiesen worden. Und der Eifersuchtsstich wiederholt sich, als der Überlebende im Nachkriegs-Paris wieder mit der jungen Frau zusammentrifft und ihm zu peinigenden Gewissheit zu werden scheint, dass sie womöglich Francois´ Geliebte war - nicht aber seine wurde. Denn das Geheimnis, von dem die schöne junge Frau nichts ahnt, wird von Semprun nur mit literarischer Diskretion angedeutet.
Das ist der radikal intimste Moment des ganzen Buches, das womöglich als letztes Wort über Buchenwald sich in den literarischen Kokon einer "Privaten Mythologie" einspinnt - wenn der große Schriftsteller Semprun den Beginn seiner schreibenden Existenz als Imitatio einer der letzten Wunschgedanken des sterbenden Francois L. behauptet. In der "Großen Reise" hatte sich der Erzähler Gérard als Reisegefährten im dem Viehwaggon nach Buchenwald "den Jungen aus Semur" erfunden, der auf der Reise stirbt. In "Schreiben oder Leben" hatte Semprun die suggestiv gegenwärtige Figur des "Jungen aus Semur" als narrative Projektion seines Debütromans erklärt. Nun, im "Toten mit meinem Namen", geht er noch einen Schritt weiter, um seine menschliche Verbundenheit mit den "Untergegangenen" mythologisch zu besiegeln.

"Wenn ich davon komme, werde ich bestimmt etwas darüber schreiben", habe ihm der todkranke Francois L. gesagt: " Aber wenn ich einmal schreiben sollte, werde ich in meinem Bericht nicht allein sein, ich werde mir einen Reisegefährten erfinden (...), dann werde ich dich in meinem Bericht aufnehmen. Darf ich das?", fragt er Semprun. "Aber du weißt doch nichts von mir", habe ihm dieser entgegengehalten. Und Francois habe geantwortet, er wisse genug, um eine fiktive Figur aus ihm zu machen: " Denn du wirst eine fiktive Figur werden, auch wenn ich nichts erfinde!" Fünfzehn Jahre später habe der Überlebende die "Große Reise" in der Begleitung des fiktiven "Jungen aujs Semur" angetreten: "In der Fiktion haben wir diese Reise gemeinsam gemacht, in der Wirklichkeit habe ich auf diese Weise meine Einsamkeit ausgelöscht. Wozu Bücher schreiben, wenn man die Wahrheit nicht erfindet? Oder, noch besser, die Wahrscheinlichkeit?"

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