Der tödliche Zwischenraum.
Roman von Patricia Duncker (2003, Berlin-Verlag - Übertragung Barbara Schaden).
Besprechung von Jürgen Brôcan in Neue Züricher Zeitung vom 22.04.2003:

Ödipus in England
Patricia Duncker spielt mit Klassikern

Der achtzehnjährige Toby, ein bücherliebender Aussenseiter, und seine noch sehr junge Mutter, die Künstlerin Iso Hawk, wohnen in einer englischen Kleinstadt, in der Probleme wie Gewalt und Drogensucht zur Tagesordnung gehören. Toby liebt seine Mutter abgöttisch, sie ist seine einzige Bezugsperson. Zusammen mit Isos Tante Luce und deren Lebensgefährtin bilden die beiden eine verschworene kleine Gemeinschaft, die vor allem einen emotionalen Ersatz für Isos fanatisch religiöse Eltern darstellt. Als eines Tages ein neuer Liebhaber auftaucht, der wesentlich ältere, seltsam alterslose Roehm, schiebt sich allmählich ein Keil aus Eifersucht in die Mutter-Sohn-Beziehung. Roehm ist von Anfang an eine geheimnisumwitterte Gestalt, kalt, kettenrauchend, auch beim Liebesakt stets bekleidet. Er besitzt zwar einen geradezu verführerischen Charme, neigt jedoch offenbar zu körperlicher Gewalt. Toby kämpft jetzt nicht allein um Isos Liebe und sogar ihre sexuelle Gunst, sondern gleichzeitig um die Liebe des Mannes: Ist Roehm womöglich der immer verschwiegene Vater?

Tobys Nachforschungen fördern beunruhigende Ergebnisse zutage. Roehm verharrt im Halbdunkel, entzieht sich jedem Zugriff, scheint kein Mensch aus Fleisch und Blut, seine Freundlichkeit gleicht einer schönen Fassade, hinter der Gefahr lauert. Er will Macht über Mutter und Sohn, und es gelingt ihm, dass sie immer mehr wie Marionetten agieren. Zuletzt fliehen sie vor Roehm in die französischen Alpen, schaffen es aber nicht, ihn endgültig abzuschütteln. Es kommt zum Showdown auf einem Gletscher.

Ist Roehm ein gestörter Mann oder ein leibhaftiges Ungeheuer? Diese Doppelbödigkeit treibt die Handlung dramatisch vorwärts. Denn an keiner Stelle lässt sich eindeutig entscheiden, ob Roehm tatsächlich Züge von Frankensteins Monster trägt (wie die zahlreichen Anspielungen und Zitate suggerieren) oder bloss die Ausgeburt übersteigerter Phantasie eines Jugendlichen ist, dessen Gruselromanlektüre Einfluss auf seine Schilderungen hat. Die Auflösung des Rätsels wird am Schluss allerdings allzu abrupt aus den Elementen der Gothic Novel ins Symbolische gestemmt, so dass sie nicht wirklich überzeugt... Fortsetzung

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