Der Tod und der Junge.
Roman von Goffredo Parise (2002).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 9.6.2002:

Goffredo Parises bemerkenswerter Roman - schockierend, wie machtlos die pure Sexualität machen kann.

Ein anerkannter italienischer Autor schreibt kurz nach einem Infarkt wie in Ekstase einen Roman, schließt ihn weg, korrigiert nichts und lässt ihn unveröffentlicht liegen. Einer, in dessen Werk Sexuelles nur am Rande vorkam, frappiert mit 250 hingeworfenen Seiten, die man als Pornographie lesen kann. Sieben Jahre später, in seinem Todesjahr 1986, schaut er das Manuskript ein zweites Mal an, vollzieht unerhebliche Korrekturen und wird keine Gelegenheit mehr zum Eingreifen haben. Leicht redigiert erschien der Text 1997. Jetzt kann man ihn auf Deutsch lesen, inmitten der sexuellen Resolutionen dieser Tage von Catherine Millet bis Michel Houellebecq darf man ein Werk bestaunen, das in Anlehnung an Nietzsche davon handelt, wie die Suche nach Wahrheit nichts anderes als der Wille zum Tod ist.Der Text dreht sich um die Anfechtungen einer gutbürgerlichen römischen Ehepartnerschaft. Rom am Ende der 70er Jahre ist eine zügellose, düstere, antiintellektuelle Stadt mit faschistischen Traditionen. Der Seelenarzt Filippo (55), ein Griesgram, hat sich weitgehend aus dem Berufsleben zurückgezogen, weil es ihn langweilt. Eine eher platonische Liebe ist es, die ihn seit 20 Jahren mit seiner Ehefrau Silvia in freier Symbiose leben lässt. Jetzt aber geht Silvia eine ausschließlich sexuelle Beziehung ein mit einem, der ihr Sohn sein könnte, mit einem Nazi von der Straße, einem hohlen Kraftprotz aus dem Fitnessstudio, einem ungebildeten Athleten mit Machtphantasien. Und sie erzählt davon. Immer ausführlicher, immer detaillierter, immer hemmungsloser.

Der ganze Überbau des Intellekts versagt

Filippo verlangt ihr diese Erzählungen ab. Er will wissen, was Silvia mit dem Jungen verbindet, der wie ein Symbol für das Verschwinden des Geistes aus seiner Stadt steht. Traumdeutungen, Kollegenratschläge, die klassischen Handlungsmuster - der ganze Überbau des Intellekts versagt vor der brutalen Potenz des Jungen. Was Filippo bleibt, ist das Warten auf den Tod.

Goffredo Parise (1929-1986), hat diesen Roman im Angesicht seines Todes geschrieben. Entstanden ist eine Psychoanalyse des Alterns, ein tragisches Verzweifeln an der Substanz, aus der wir bestehen. Goffredo Parise kann man kein kommerzielles Kalkül unterstellen, wenn er von den Obsessionen des Blutes erzählt. Sein Buch ist ein existentielles. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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