Der Tod meiner Mutter von Georg Diez, 2002, KiWiDer Tod meiner Mutter.
Roman von Georg Diez (2009, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Roland Mischke in der WAZ, vom 7.09.2009:

Georg Diez schreibt über das Sterben seiner Mutter
Georg Diez legt mit "Der Tod meiner Mutter" ein starkes Romandebüt über das Sterben seiner Mutter, ihren Kampf um Selbstbestimmung und Würde und seinen eigenen Umgang mit dem Unausweichlichen vor.

Der Tod setzt sich in der Gegenwartsliteratur durch. Lebensberauschte Menschen, ganz dem Hier und Jetzt verschrieben, kommen am Sterbenmüssen nicht vorbei. Christoph Schlingensief wütet in Hiobscher Raserei dagegen („So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein”), Kathrin Schmidt erzählt großartig, wie sie nach einer Hirnblutung dem Tod doch noch von der Schippe sprang („Du stirbst nicht”). Georg Diez, Jahrgang 1969 und ein bekannter Journalist, widmet ihm sein erstes Buch. Er schildert, wie seine Mutter Hannelore, Jahrgang 1935 und auf dem Cover als schöne Frau hinter einer Sonnenbrille zu sehen, mit dem Tod kämpft. Sie ist 2005 an Krebs gestorben.

Etwa jeder Vierte in Deutschland stirbt an Krebs, in Europa gar jeder Dritte. Zu den letzten Dingen des Lebens gehören Tumormarker, Chemotherapie und schreckliche Nebenwirkungen samt der allmählichen Selbstaufgabe. Das alles wird in Diezens Buch herausgearbeitet, man weiß am Ende sogar, dass der Krebs die Träume zerfrisst. Zwölf Jahre hat seine Mutter das mitgemacht, dabei alle Phasen des Kampfes und Abschieds durchlebt. Diez sieht das als eigenes Lebenskapitel, das ganz selbstverständlich zu den vorherigen Lebensabschnitten dazugezählt werden muss. „Sie fand für sich eine neue Rolle”, erkennt der Sohn, „sie fand in der Krankheit die Kraft, Abstand zu nehmen von ihrem alten Leben und ein neues zu beginnen . . . sie lebte die meisten dieser zwölf Jahre, als habe ihr die Krankheit eine Welt eröffnet.” Sie zieht um, wechselt Freunde, macht Radtouren, geht ins Theater, mitunter am Ende ihrer physischen Kräfte, aber bereit das Letzte zu geben.

Sie zweifelte an der Institution Familie

Diezens Mutter war Therapeutin, die Emanzipationsbewegung von 1968 wurde für sie zum Coming-out als Frau. Sie zweifelte an der neurotisch okkupierten Institution Familie, ließ sich scheiden, hatte Liebhaber, trank, riss viele Brücken hinter sich ab, „um sich den Rückweg zu verbauen”. Ein mutiges Leben, verbunden mit einer Portion Abenteuer, aber in wohlständiger Bürgerlichkeit. Zum Problem wurde die autoritäre Herkunftsfamilie, die „Verschwiegenheit und Gefühlsverleugnung, die sie nicht mehr loswurde und von der auch ich mich erst nach und nach frei machen konnte”, schreibt der Sohn.

Georg Diez hat sein Buch im Perspektivwechsel verfasst: Einerseits beschreibt er Stadien des mütterlichen Sterbens, andererseits geht es um die eigene Seelenarbeit. Er und seine Frau kommen mit der Mutter, die anhänglich, aber auch schroff ist, nicht immer zurecht. Die Mutter grenzt sich von allem ab, auch vom Nachwuchs und der Schwiegertochter. Einzig die noch nichtgeborene Tochter des jungen Paars lässt sie als Großmutter an sich heran, nennt sie Prinzessin, kauft Kleidung für sie. So steht der fortschreitende Verfall eines Menschen neben der Ankunft eines neuen Menschen – aus dieser Spannung bezieht der Roman seine Kraft. Am Ende erzählt Diez parallel von seiner Vaterschaft und der Beisetzung seiner Mutter, von den bewegten Zehen des Neugeborenen und dem ruhenden Grabstein der Verstorbenen. „Einatmen, ausatmen. Ich lernte das langsam. Ich lernte, dass es verschiedene Wahrheiten gab, die der Kranken und die der Gesunden.”

Er protokolliert sein Gefühlswirrwarr

Diez hat den Mut, seinen eigenen Gefühlswirrwarr zu protokollieren. Er lebt in Berlin, die Mutter siecht in München dahin. Aus Schuldgefühl besucht er sie häufig, schiebt sie im Rollstuhl durch die Stadt, bringt sie zur Toilette, akzeptiert ihre immer kauziger werdenden Eigenarten. „Wer sagt einem, was man denken, was man fühlen soll? Ich fühlte noch nichts. Ich hatte Angst.” Einmal begreift er jäh, dass er das mütterliche Leiden nur schwer erträgt. „Ich will vor allem nicht, dass sie mir wehtut.” Als es zu Ende ist, erkennt er: „Aber wir weinen ja nicht um andere, wir weinen im Grunde nur um uns selbst.” Ein erschütterndes, kenntnisreiches und vor allem ehrliches Buch.

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