Der Tod im Exil, Briefwechsel von Hermann Broch, 2001, SuhrkampDer Tod im Exil.
Briefwechsel von Hermann Broch und Annemarie Meier-Graefe (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Peter Böthig aus der Frankfurter Rundschau, 2.6.2001:

Die Ernte kann nicht eingefahren werden
Der traurige (Ehe-)Briefwechsel zwischen Hermann Broch und Annemarie Meier-Graefe erscheint pünktlich zum fünzigsten Todestag des Schriftstellers

Dieser Briefwechsel aus den Jahren 1950 und 1951 - Teil der Gesamtausgabe - ist ein tragisches Dokument. Hermann Broch ist in seinen letzten Lebensjahren gezeichnet von Exil, Einsamkeit und Todesahnung. Er war 1938 über England in die USA geflohen, lebte seither in New York, Princeton und in New Haven, in erbärmlichen Umständen, in ewiger Geldnot und weitgehend isoliert sowohl vom deutschsprachigen wie vom amerikanischen literarischen Leben.

Er hatte Annemarie Meier-Graefe, die junge Witwe des Kunsthistorikers Julius Meier-Graefe, 1937 in Wien kennen gelernt; im Exil trafen sie sich wieder. Auf ihren Wunsch hin war er Ende 1949 zu einer Heirat bereit gewesen, doch unter seinen Bedingungen: Vor allem sollte die Beziehung jederzeit wieder lösbar sein und sollten gegenseitige Ansprüche nicht gestellt werden dürfen. Annemarie Meier-Graefe muss wohl einerseits gehofft haben, diesen Ehevertrag mit der Zeit lockern zu können, andererseits entschloss sie sich bereits kurze Zeit nach der Hochzeit, allein nach Europa zurückzukehren. Bereits im ersten Brief vom 25. Juni 1950 schreibt Annemarie Meier-Graefe an ihren Mann - da ist die Ehe erst wenige Monate alt -, dass sie "so nicht mehr weiterleben kann, weil es mich zerbricht".

Das ist die Ausgangssituation eines Briefwechsels, der reich an psychologischen Spannungen ist, doch arm an lebensgeschichtlicher Entwicklung; von Anfang an ein Briefwechsel zum Tode hin. Der Leser erlebt den österreichisch-jüdischen Autor im amerikanischen Exil müde, verbittert und in seinen Erwartungen enttäuscht - und die fast 20 Jahre jüngere Annemarie Meier-Graefe, die nach Europa zurückkehrt, um sich in Südfrankreich ein neues Zuhause aufzubauen. Für Broch-Leser eröffnet dieser Briefwechsel, der mit dem Tod des Schriftstellers am 30. Mai 1951 endet, einige bemerkenswerte Einsichten in seinen Alltag.

Broch ist müde und fühlt sich von den Alltagsverrichtungen überfordert. Seitenlang wird über einen Schlüssel debattiert, der nicht rechtzeitig zurückgegeben wurde. Andererseits ist er sich der Bedeutung seiner Person durchaus bewusst, und bemüht sich zielgerichtet auf seinen Ruhm und Nachruhm hinzuarbeiten. "In den letzten drei Tagen über siebzig Postsachen expediert", heißt es da. Und bei der Rückforderung von Korrekturbögen weiß er, "dass ein Manuskript mit so viel handschriftlichen Eintragungen von mir einmal recht gut verkäuflich sein wird".

Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, bemüht sich Broch - vergeblich - um eine Stelle als Fellow bei einem der Colleges an der Yale University oder als Gastprofessor am Pomona College, und bietet seine in Wien zurückgebliebene Bibliothek zum Verkauf an. Schließlich setzt er große Hoffnung auf den Nobel-Preis, den aber 1950 William Faulkner erhält.

Schriftstellerisch kommt er nur schleppend, privat fast gar nicht voran. Er fühlt sich zunehmend "wehrlos" und befürchtet, dass "der Sexualzusammenbruch die Rachebedürfnisse einer Frau steigert". Er spricht vom "Hochmut des Sterbenden", der sich "nicht mehr entschuldigen muss", von seinem "Wunsch nach Askese".

Der in dieser Zeit beginnende Korea-Krieg überschattet zusätzlich die Korrespondenz. Beide Partner teilen die Sorge, die Sowjetunion könnte das amerikanische Engagement in Asien nutzen, um Westeuropa zu überrollen. Die Nachkriegszeit war zu Ende, es begann die Zeit des Kalten Krieges. Die Ängste und Unsicherheit, die diese neue Konfrontation bei den politisch scharf beobachtenden Exilanten auslöste, ist in dem Briefwechsel mit großer Plastizität ablesbar. Doch immer wieder stehen Missverständnisse und gegensätzliche Erwartungen aneinander im Vordergrund. "Du führst einen Monolog mit einem Geisterwesen, aber nicht mit mir", schreibt Meier-Graefe. Broch repliziert: "an und für sich widerspricht die Ehe, jede Ehe, dem Imago-Bild, das ich mir von meinem Alter gemacht habe". Die ganze Tragik der Beziehung macht die Antwort deutlich, die Broch einen Monat nach dem ersten Brief seiner Frau am 23. Juli gibt: "Deinem unausgesetzt geäußerten (und mich immer wieder treffenden) ,Kann nicht so weiterleben' muss ich jetzt endlich mein unendlich gewichtigeres ,Kann nicht so weitersterben' entgegensetzen".

Annemarie Meier-Graefe hat sich in St. Cyr-sur-Mer, einem Dorf in Südfrankreich niedergelassen, in dem sie bereits von 1930 bis zu ihrer Emigration nach New York 1940 gelebt hatte. Bei ihrer Flucht hatte sie ihr dortiges Haus übrigens ihrem ebenfalls exilierten Onkel überlassen, dem Physiker Friedrich Epstein, stellvertretender Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts und enger Mitarbeiter Fritz Habers. In diesem Haus lebte Friedrich Epstein 1941/42 mit Else Weil, Kurt Tucholskys erster Ehefrau und Vorbild der "Claire" aus seinem Bilderbuch für Verliebte, bis beide im September 1942 an die deutschen Besatzer ausgeliefert und in Auschwitz ermordet wurden.

Jetzt kauft sich Annemarie Meier-Graefe ein anderes Haus und baut es aus. Sie kauft sich ein Auto und reist nach Paris und nach Deutschland. Von dort gibt sie klarsichtige Schilderungen der Atmosphäre in den zerstörten deutschen Städten, der Stimmung der Menschen zwischen den Ruinen. Der "grässliche deutsche Geruch der Gründerjahre" sei geblieben, die Städte seien "lebende Massengräber". Neben dieser analytischen Schärfe der Zeichnerin gehören jene bezaubernden Passagen zu den lesenswerten, in denen sie dem zögernden Broch die Vorteile des südlichen Klimas und des Einklangs mit den Zyklen der Natur preist. Anders als bei dem kürzlich erschienenen Ehe-Briefwechsel von Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange werden hier jedoch kaum verborgene Bezüge zum Werk des Autors sichtbar. Das Buch glänzt dafür mit einer hervorragenden Kommentierung. Wir lesen über die Beziehung Brochs zu Hannah Arendt und ihrem Mann Heinrich Blücher, über seine Beziehungen zu Verlegern und Übersetzern, über den Ärger mit seinem Sohn und sein Verhältnis Thomas "Tommy" Mann.

Hier entfächert sich der Reichtum einer noch immer produktiven Existenz. Doch kaum etwas davon steht in den Briefen - die Fußnoten sind spannender als der Haupttext. Um es klar zu sagen: Broch gibt in diesen Briefen eine eher klägliche Erscheinung ab. Kleinliche Vorwürfe, Selbstüberschätzung, Ausflüchte, Larmoyanz, aufbrausende Aggressionen, Ängstlichkeit - ein gänzlich gebrochener Mann tritt uns entgegen. Einer, der nicht mehr gerne arbeitet, dem seine tägliche Korrespondenz zu viel ist, der sich nicht mehr für eine Frau entscheiden mag, sie aber auch nicht loslässt. Broch will die Ernte seines Lebens einfahren, doch sie bleibt aus. Er steht mit leeren Händen da - und fuchtelt damit herum. Ein großer Autor bleibt er trotzdem.

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