Der Tod des Teemeisters von Yasushi Inoue, 2007, SuhrkampDer Tod des Teemeisters.
Roman von Yasushi Inoue (2007, Suhrkamp - Übertragung Ursula Gräfe).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 29.06.2007:

Die Poesie der Fremde
Nicht um die Wahrheit der Fakten geht es in Inoues historischem Roman.

Vor etwa vierzig Jahren reiste Roland Barthes, einer der Größten unter den französischen Kulturkritikern, nach Japan. Er fuhr in ein Land, dessen Sprache er nicht sprach, dessen Schrift er nicht entziffern konnte. Und dennoch hat er diese gelesen (und über diese Lektüre ein staunenswertes Buch geschrieben, "Das Reich der Zeichen"). Er konnte die japanische Schrift und Kultur lesen, weil uns alles in der Welt ein Zeichen ist, das wir deuten. Eine vergleichbare Erfahrung, die aus Befremden und Staunen zu einer Deutung führt, wird der Leser von Inoues historischem Roman machen.

Dabei scheinen dessen Handlung und Erzählweisen durchaus den Konventionen des europäischen Historien-Romans zu entsprechen: 1591 gibt Fürst Toyotomi Hideyoshi seinem Teemeister Sen no Rikyu den Befehl, sich zu entleiben. Was dieser tut. Über die Hintergründe, Anlässe, Motive des Befehls wie auch dessen willfährigen Vollzugs sind nur Gerüchte im Umlauf. Honkakubo, ein (fiktiver) Gehilfe Rikyus, macht sich daran, das was geschah, aufzuzeichnen. Er tut dies vor allem in Form von Gesprächen mit Freunden und Zeitgenossen seines Meisters. Ein Herausgeber nimmt sich der Aufzeichnungen an, modernisiert die Sprache, streicht, ergänzt, ohne selbst sichtbar zu werden.

Dem europäischen historischen Roman ist solches nicht fremd: die Herausgeberfiktion, die Vermittlung des Geschehens durch eine den Ereignissen nahe, aber an diesen nur mittelbar beteiligte, meist unhistorische Figur. Sie dienen dazu, die Geschichte zu beglaubigen, die historische Wahrheit, die Motive der Figuren, die Kausalität der Ereignisse zum Vorschein zu bringen. Nicht so hier: Nur Gerüchte darüber, was passiert sein könnte, werden immer wieder referiert. Ausführlicher werden die Teezeremonien geschildert: die Anwesenden, die Größe des Raums, die verwendeten Geräte, das Kohlebecken, der Topf, die Schale, der Spatel.

Aus dem Klang der vielen fremden Namen für Personen, Orte, Gerätschaften, Zeremonien entsteht für den Leser ein faszinierendes Reich der Unvertrautheit. Im Roman aber beginnt, insbesondere für Honkakubo, kraft der Bezeichnungen und ihres Klanges ein ständig sich fortspinnendes Sinnen - über "den großen Sutego-Topf, eine Teedose aus Narashiba, eine Tenmoku- und eine koreanische Teeschale". Es ist dies ein Meditieren ohne historisierendes oder kriminalistisches Interesse, ein Meditieren, das um die Beständigkeit von Mensch, Ding, Ritus kreist. Und damit auch deren Vergänglichkeit erscheinen lässt. Es ist letztlich ein Sinnen über die Macht der alles zerstörerischen Zeit, des alles löschenden Todes. Der inständig und laut erhobenen europäischen Forderung, sich gegen diese Macht aufzubäumen, sie mittels der Kunst zu überwinden, steht hier das Sichfügen als Weg der großen (Tee)Meister gegenüber. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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