Der Therapeut von Hartmut Lange, 2007, DiogenesDer Therapeut.
Novellen von Hartmut Lange (2007, Diogenes).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin, 19.1.2008:

Geheimnisse an Berliner Seen
Hartmut Lange at wieder einmal – stilistisch gewohnt souverän und ausgefeilt – seelische Untiefen vermessen und ein faszinierendes Verwirrspiel im Grenzbereich menschlichen Handelns und Denkens inszeniert. 

"In der Unheimlichkeit steht das Dasein ursprünglich mit sich selbst zusammen." Dieser Heidegger-Satz, den Hartmut Lange 1994 seinen Erzählungen Schnitzlers Würgeengel vorangestellt hatte, charakterisiert nicht nur zutreffend seinen neuen Band mit drei schmalen Erzählungen, sondern umkreist als Leitmotiv auch das gesamte Oeuvre des Berliner Autors.
Es sind immer vermeintliche Bagatellen, die das Seelenleben der Lange-Figuren aus dem Gleichgewicht bringen und nicht selten zu einschneidenden Zäsuren im Lebensweg führen. Wie schon in Die Wattwanderung (1990) spielt eine geradezu magische Anziehungskraft des Wassers eine geheimnisvolle Rolle. Diesmal sind es zwei Seen im Berliner Südwesten, in deren Dunstkreis Hartmut Lange lebt.

Der Philosophie-Dozent Wernigerode, der seine Studenten mit dem "Problem der einfachen Wahrnehmung" vertraut macht, sieht sich plötzlich von seiner tunesischen Lebenspartnerin verlassen. Doch bis zum Ende des Textes hält der 70-jährige Autor alles in der Schwebe – auch die Frage, ob es sich bei der jungen Alima nur um eine Kopfgeburt Wernigerodes, um ein imaginiertes Wesen handeln könnte. Leibhaftig tritt sie nie auf, auch nicht, als sich der Protagonist in deren vermeintliche Heimatstadt Monastir begibt. Mit äußerst sparsamen sprachlichen Mitteln evoziert Lange die innere Unruhe, die sich unvermittelt von seiner Hauptfigur auf den Leser überträgt und die durch die wiederholten Besuche des in tristen Grautönen gezeichneten Hundekehlesees noch gesteigert wird. 

Mit vagen Andeutungen Zweifel streuen

Schaurig-dunkel geht es auch am Halensee zu, wo die titelgebende Novelle "Der Therapeut" angesiedelt ist. Der Gartenbau-Journalist Heinsberg arbeitet mit einem befreundeten Fotografen an einer Serie über verwitterte Gärten in einstigen Nobelvierteln und stößt dabei auf eine schaurige Villa am Halensee, in der ein zwielichtiger Therapeut residiert. Das beschriebene Ambiente erinnert an die von Nebel eingehüllten Schlösser in den Edgar-Wallace-Filmen, deren Anblick uns in jungen Jahren erschauern ließ. Und auch am Halensee (zwischen Königsallee und Avus gelegen) gibt es Tote. Immer häufiger werden die Leichen von Selbstmördern aus dem Wasser gezogen. Heinsberg sammelt Indizien, die einen Zusammenhang mit dem Therapeuten nahe legen, der einst als aufstrebender Facharzt für Psychiatrie in einen Skandal verwickelt war. Wiederholt sucht er dessen Praxis am Rande des Gewässers auf und stellt fest, dass es vom verwilderten Grundstück aus über eine Treppe einen direkten Zugang zum See gibt. Treibt jener Escherich seine Patienten gezielt in den Freitod? Oder hat Heinsberg Probleme mit der "einfachen Wahrnehmung" und reagiert hypersensibel?

Mit vagen Andeutungen streut Hartmut Lange Zweifel an den Beobachtungen seiner Figuren. Sowohl Dozent Wernigerode als auch Journalist Heinsberg werden von mysteriösen Sinneswahrnehmungen heimgesucht. Hinter verschlossenen Türen wird permanent geweint, und aus einem Nebenzimmer der Wohnung dringen die Laute von Blässhühnern. 
"Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt", hatte Wernigerode in seiner Vorlesung doziert. Hartmut Lange hat wieder einmal – stilistisch gewohnt souverän und ausgefeilt – diese seelischen Untiefen vermessen und ein faszinierendes Verwirrspiel im Grenzbereich menschlichen Handelns und Denkens inszeniert.

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