Der taumelnde Kontinent von Philipp Blom, 2009, HanserDer taumelnde Kontinent.
Buch von Philipp Blom (2009, Hanser).
Besprechung von Rolf Potthoff in der WAZ, vom 13.6.2009:

Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Welt im Rausch
Die Dame mittleren Jahrgangs machte beim Radioquiz einen respektabel informierten Eindruck, bis die Frage nach der ersten Mondlandung kam. Wann war die – 1949, 1909 oder 1969? Der Historiker Philipp Blom liefert in "Der taumelnde Kontinent" erstaunliche Einblicke in das frühe 20. Jahrhundert

Die Dame entschied sich für Kategorie b, womit erstens ihre Preischancen rapide sanken und zweitens schlagartig aufschien, wie tief im Dunklen die erste Dekade des 20. Jahrhundert liegt, obgleich es das vorige war.

Was sich von dieser Zeit eingrub ins kollektive Bewusstsein, ist das Bild einer vor-modernen Epoche, geprägt vor allem von verknöcherter Feudalherrschaft, von Gehröcken, Uniformen und Bärten.

Man könnte dem Klischee glauben, gäbe es nicht diesen in Wien lebenden, 1970 in Hamburg geborenen Schriftsteller und Historiker, der in Oxford studierte und in Paris gearbeitet hat. Philipp Blom eröffnet wunderbar andere Perspektiven auf die Jahre zwischen 1900 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Blom schreibt keine politische Geschichte, keine schwerblütige Chronik. Er zelebriert, erfrischend in Sprache und Stil, eine Geschichte über die Mentalität jener Tage. Es ist ein faszinierender Blick auf die von dramatischen Umwälzungen in Lebensart, Kultur und Technik vibrierende Zeit. Blom öffnet die Augen.

Tempo ist die Droge der Zeit

Und wie diese rasende Modernität geprägt wird vom vital erwachenden Selbstbewusstsein der Frauen. Es blüht die Frauenrechtsbewegung, Frauen geben sich betont unabhängig, werden berühmt. Marie Curie hat Nobelpreise bekommen, die Romane von Colette gelten als literarische Sensationen. Das moderne Medium Kino bringt einen neuen Typus hervor: den Star. Das Volk liebt Sarah Bernhardt, die „göttliche Sarah”, samt ihrer Marotten, zuweilen im Sarg zu schlafen sowie einen Baby-Alligator zu halten, der allerdings sein Leben aushaucht, als er zu viel Champagner bekommt.

Ein Rausch erfasst die westliche Welt. Tempo ist die Droge der Zeit. Rennfahrer und kühne Piloten werden als Volkshelden in den Gazetten gefeiert. 1903 stellt ein Elektro-Triebwagen mit 210,3 km/h einen Weltrekord auf – niemals zuvor bewegte sich der Mensch schneller. Und: Kein europäisches Land stand stärker im Bann der Geschwindigkeit als Deutschland, dessen Technologien die Welt anführten.

Das Phänomen der "zerrütteten Nerven"

Das Rastlose revolutioniert die Arbeitswelt. In den USA tritt das Ford T-Modell seinen Siegeszug an. Jede „Tin Lizzy” wird in elf Stunden, acht Minuten montiert. Menschliche Arbeit wird immer stärker vom Takt der Maschinen diktiert. Die „Entmenschlichung” der industriellen Produktion wird zu einem Leitmotiv des 20. Jahrhunderts werden.

Nicht jeder hält der Atemlosigkeit Stand. Ein Phänomen stellt Mediziner vor Rätsel: die „zerrütteten Nerven”. Dieses Leiden breitet sich epidemieartig aus. Besonders in den großen Städten, deren Puls immer schneller und heftiger schlägt, werden Menschen befallen. „Newyorkitis” wird das Phänomen ironisch genannt. Neuartige Sanatorien nehmen sich der Nervenleidenden an.

Das ist der Tribut an die Dynamik, die für viele Menschen dunkle Kehrseiten hat. Sie haben Angst, vom Fortschritt abgehängt zu werden oder Angst vor dem, was an Neuem alles noch kommt. Manch ein konservativer Geist sagt gar das Ende der Zivilisation voraus.

Spätestens hier werden Parallelen jenes alten Jahrzehnts mit der Gegenwart offenbar. Ist es so, dass das Tempo des heutigen Wandels verbreitet Ängste und Skepsis gegenüber der Zukunft auslöst?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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