Der Taubentunnel von John le Carré, 2016, Ullstein1.) - 2.

Der Taubentunnel.
Geschichten aus dem Leben von John Le Carré (2016, Ullstein - Übertragung Peter Torberg).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ vom 18.10.2016:

Unser englischer Freund
Zum 85. Geburtstag schenkt John le Carré seinen Fans ein Erinnerungsbuch: „Der Taubentunnel“ verspricht „Geschichten aus meinem Leben“.

Wer die Bücher von John le Carré schätzt, könnte enttäuscht sein, dass dies nun nicht sein „letzter Roman“ (sein vierundzwanzigster seit 1961) ist, an dem er nach Auskunft seiner Website eifrig arbeitet. Sondern „nur“ ein Erinnerungsbuch: „Geschichten aus meinem Leben“, von denen manche auch schon bekannt sind. Also: Lustige Anekdoten aus der Welt der Spione; Unerfreuliches aus der Familie (besonders vom lebenslangen Kampf mit dem dominanten Vater und seiner kriminellen Energie); Minireportagen von riskanten Recherchereisen noch des Siebzigjährigen nach Palästina, Indochina, Ruanda.

Aufschlussreich sind Szenen aus dem Literaturbetrieb, die einer der weltweit bekanntesten und bestverdienenden Autoren nach einem halben Jahrhundert auch selbstironisch erzählen kann. Am amüsantesten die Rückblicke auf „nicht gedrehte Filme“ mit Regisseuren wie Sidney Pollack, Stanley Kubrick, Francis Ford Coppola und – Überraschung! – dem alten Fritz Lang.

So klar wie noch nie spricht er über seine „völlige Hingabe an die deutsche Literatur, und das zu einer Zeit, als für viele Menschen schon allein das Wort Deutsch ein Synonym für das Böse an sich war.“ Ohne sie, fährt er fort, „hätte ich Deutschland 1949 nicht auf Drängen meines geflohenen jüdischen Deutschlehrers besucht, nicht die dem Erdboden gleichgemachten Städte an der Ruhr gesehen oder hundeelend (...) in einem deutschen Notlazarett in einem Berliner U-Bahnhof gelegen; ich hätte auch nicht die Konzentrationslager in Dachau und Bergen-Belsen aufgesucht, in denen der Gestank noch immer in den Baracken stand, um dann (...) zurückzukehren (...) zu meinem Thomas Mann und meinem Hermann Hesse“. Die „ Früchte dieses frühen Versenkens in alles Deutsche“ habe er „nun klar vor Augen (...): die Vorstellung, dass die Reise des Menschen von der Wiege bis zur Bahre die einer nicht endenden Wissensaneignung ist – nicht sonderlich originell, möglicherweise auch fragwürdig, aber so war es nun mal.“

Faible fürs Deutsche

Das paradoxe Nebeneinander von Goethes Bildungsideal und Holocaust hat man oft schon kritisch erwähnt; John le Carré gibt dem sogar eine positive Wendung – bis hin zum heutigen Lob unseres Grundgesetzes als der „besten Verfassung Europas, vielleicht der Welt.“ Vielleicht ist diese German connection, neben einem altmodisch-britischen Sinn für Fairness, auch eine Quelle für das moralische Fundament seiner Thriller. Das macht John le Carré nach wie vor einzigartig. Und während dieser britische Gentleman und Freund der Deutschen auf seinen 85. Geburtstag am 19. Oktober zusteuert, verspricht uns – zum Glück – die Official Website of John le Carré nach wie vor seinen „letzten Roman“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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Der Taubentunnel von John le Carré, 2016, Ullstein2).

Der Taubentunnel.
Geschichten aus dem Leben von John Le Carré (2016, Ullstein - Übertragung Peter Torberg).
Besprechung
von Harald Ries in der WAZ vom 26.10.2016:

Das Lügen hat er vom Vater gelernt
John le Carré erinnert sich

Ja, manches hätte man schon anderswo lesen können, wenn man es gewollt hätte. Und nein, John le Carré hat mit "Der Taubentunnel" keine Autobiografie geschrieben. Er erzählt von Begegnungen mit Prominenten, von Reisen zu gefährlichen oder interessanten Orten, von seinen Erlebnissen als junger Diplomat in Deutschland und nichts von seiner Tätigkeit als Spion. Aus Loyalität. Und weil er sowieso nur ein kleines Licht gewesen sei, das nur bei Unwissenden als Experte gelte. Bei seinen Romanen sei es so: Seine Phantasie gebe ihm eine Geschichte ein und dann recherchiere er gründlich, um die Phantasie glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Der 85-Jährige tritt bescheiden auf. So gehört sich das für einen typischen Engländer, als der er sich allerdings auch nicht sieht. Er mag vieles an seiner Heimat nicht. Und er bewundert die Deutschen dafür, was sie nach 1945 geschafft haben.

Der Bestseller-Autor weiß, wie er den Lesern seine Anekdoten und Essays verkauft, mischt Kurioses mit klug abgewogenen Erkenntnissen eines langen Lebens, Zorn über den Lauf der Welt mit Witz und viel Skepsis. Köstlich ist seine Aufzählung der vielen Filmprojekte (mit den größten Regisseuren), die nie zustande kamen. Doch das zentrale Stück stellt, obwohl er es vermeiden möchte und es bewusst unauffällig platziert, die Auseinandersetzung mit seinem Vater dar, einem Hochstapler großen Stils, der abwechselnd im Luxus lebte und im Gefängnis. Von ihm, den er verachtet, hat er das Lügen gelernt, das ihm als Spion und Autor so geholfen hat. Für den Leser hat sich die schwierige Kindheit, aus der die Mutter früh spurlos verschwand, auf jeden Fall rentiert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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