Der Tangosänger von Tomás Eloy Martinez

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Der Tangosänger.
Roman von Tomás Eloy Martínez (2005, Suhrkamp - Übertragung Peter Schwaar).
Besprechung von Leopold Federmair in Neue Zürcher Zeitung vom 14.04.2005:

Buenos Aires für Anfänger
Tomás Eloy Martínez' Roman «Der Tangosänger»

Angesprochen auf die Tatsache, dass sein neuester Roman ein Auftragswerk sei, glaubte sich Tomás Eloy Martínez rechtfertigen zu müssen, indem er auf Mozart und Bach verwies, die fast nur Auftragswerke geschrieben hätten. Doch abgesehen davon, dass man Musik und Literatur in diesem Punkt nicht vergleichen kann, sind die Arbeitsbedingungen im 21. Jahrhundert doch ein bisschen anders als im 18. Jahrhundert. Grundsätzlich besteht überhaupt kein Rechtfertigungsbedarf: Die Frage ist, ob ein Roman gelungen ist oder nicht.

«Der Tangosänger» ist die erste Frucht eines Projekts des englischen Verlags Bloomsbury, für den illustre Romanciers wie Carlos Fuentes, Günter Grass und Kenzaburo Oe jeweils ein Werk über «ihre» Stadt schreiben sollen. Im Mittelpunkt von Martínez' Beitrag steht der Tangosänger Julio Martel, aber die Figur ist eher ein Vorwand, damit der Erzähler, ein Doktorand in cultural studies aus New York, ausbreiten kann, was er in Buenos Aires gehört und gesehen oder, mehr noch: was er über die Stadt gelesen hat. Ein argentinischer Kritiker schrieb - vorsichtig und respektvoll - über den «Tangosänger», der Roman führe alles vor, was Argentinien derzeit zu verkaufen habe. Es handelt sich also um einen guide touristique romancé , ein fiktional verbrämtes Buch für Touristen. Bewohner und sonstige Kenner von Buenos Aires erfahren darin nichts Neues, allenfalls werden sie das Aha des Wiedererkennens bestimmter Orte und einiger medialer Persönlichkeiten («der Joker» = Kurzzeitpräsident Rodríguez Saa) geniessen.

Dokumentation und Imagination

Auch an Julio Martel werden sich manche erinnern. Den gibt es nämlich wirklich; 1923 geboren, scheint er noch heute zu leben. Allerdings hat Martínez von ihm nicht viel mehr als den Namen und die Tatsache übernommen, dass er Tangosänger war. Auch der labyrinthische Stadtteil Parque Chas existiert, und es gibt sogar eine Serie von Fantasy-Comics (von Eduardo Risso und Ricardo Barreiro), die dort spielen, und die Geschichtenerzählerin Beatriz Ferro hat über denselben Ort ein Lied geschrieben, das alle von Martínez verwendeten Elemente in nuce enthält. Auch dieses ausgiebige Verwenden von Materialien ist nicht «schlecht»; die Mischung von Dokumentation und Imagination zeichnet den 1934 geborenen Schriftsteller und ehemaligen Journalisten Martínez seit je aus. Allerdings sind die Werke, in denen er sich an den narrativen und oft genug phantastischen Rahmen der Wirklichkeit hält, wie «Santa Evita» und «Der General findet keine Ruhe», überzeugender als jene, in denen das Fabulieren überwiegt.

So fragt man sich zuletzt, worum es diesem Tangosänger, dem der Autor allzu viel aufgeladen hat (Fussballspieler in seiner Jugend, Zahlengenie, Bluter, fast eine Christus-Figur), eigentlich geht. Um das Wachrufen von Erinnerungen, die vom Aussterben bedroht sind? Das nämlich ist die autochthone Funktion des Tangos, jedenfalls seiner sentimentalen Variante - das masochistische Schwelgen in Erinnerungen an das Verlorene, Unwiederbringliche zu ermöglichen. Diese Sentimentalität, von Argentiniern heute meist mit liebevoller Ironie behandelt, verwandelt sich bei Martínez unversehens in politisch-historische Vergangenheitsbewältigung. Gut - aber das soll die Absicht eines alten Tangosängers sein? Bleibt es nicht doch nur die Absicht des politisch bewussten Schriftstellers, der gegen die «offizielle Geschichte» mit ihren weissen Flecken ankämpft, gegen indulto und punto final , gegen Vergeben und Vergessen?

Fehlende Verunsicherung

Was an Martínez' Roman nicht überzeugt, sind die Figuren, die letztlich nur dazu dienen, die vorgefasste Idee eines Buenos-Aires-Romans zu illustrieren. Entsprechend lieblos werden sie behandelt: Der Autor lässt sie im Verlauf des Erzählwegs sterben oder verschwinden. Das gilt für «den Tucumaner» genauso wie für den alten Bonorino, der im Besitz des Alephs (aus der gleichnamigen Erzählung von Borges) ist. Die Freundin Martels hingegen bleibt die ganze Zeit über recht schemenhaft, bis sich der Erzähler am Ende in sie verliebt: «Eine Frau, die Martel so geliebt hatte, war fähig, jedermanns Leben zu erleuchten, selbst ein so graues wie meines.»

Eine seltsame Liebesbegründung; seltsam auch die Behauptung, das Leben des Erzählers sei grau. Dass er sich über seine Verliebtheit wundert, könnte daran liegen, dass er schwul ist - seine Zuneigung zum Tucumaner lässt solches vermuten, aber mehr als eine Andeutung erhält der Leser nicht. Und vielleicht war auch diese Zuneigung bloss ein Vorwand dafür, dass die beiden Figuren eine Nacht in einem teuren Hotelzimmer hoch über dem Río de la Plata verbringen konnten, was dem Erzähler wiederum einen Anlass bietet, einen wunderbaren Sonnenaufgang zu beschreiben. - Es gibt einen anderen Buenos-Aires-Roman, der sich in einigen Punkten mit dem «Tangosänger» vergleichen lässt, in anderen nicht: «Die abwesende Stadt» von Ricardo Piglia. Darin wird eine postdiktatoriale Stadt beschrieben, vielschichtig und labyrinthisch wie das Buenos Aires von Martínez, aber viel beklemmender durch die paranoide Atmosphäre, die Piglia zu schaffen versteht. Beide Autoren lassen in ihren Romanen mikroskopische Beziehungen spielen. Die Erzählstruktur widerspiegelt auf diese Weise eine wuchernde, gleichsam ungeborene, immer im Entstehen und manchmal zugleich im Verfall begriffene Wirklichkeit. Aber so sympathisch die halb erfundenen Anekdoten über Borges sein mögen, der Bericht über das Nachleben des Alephs, den uns Martínez gibt, ist ein Aufguss, eine mehr oder minder geschickte Verwertung literaturgeschichtlichen Materials, leicht lesbar, zuweilen vergnüglich, aber ohne existenziellen Bezug und ohne jene verunsichernden Rätsel, die uns die echten literarischen Labyrinthe aufzugeben pflegen.

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Der Tangosänger von Tomás Eloy Martinez2.)

Der Tangosänger.
Roman von Tomás Eloy Martínez (2005, Suhrkamp - Übertragung Peter Schwaar)
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 7.5.2005:

Nach Borges
Zwei ebenso packende wie tief greifende Romane aus Argentinien: "Der Tangosänger" und "Ermittlungen"

Das erste Kapitel trägt das Datum September 2001 und beginnt in New York. Nein, nicht was man erwarten mag. Die Reise führt in eine andere urbane Gewalt, in ein anderes Imaginarium. Es geht um die verdeckten Geschichten sowie die oszillierenden Facetten einer Großstadt, um eine labyrinthisch anmutende Metropole - um Buenos Aires, um Wahrnehmung und Vorstellung, um Verwirrspiele und Illusionen. Ein Grundthema der argentinischen Literatur, so auch von Tomás Eloy Martínez, der mit seinen Romanen Santa Evita und Der General findet keine Ruhe einen weltweiten Erfolg kannte und heute in den USA lehrt.

In seinem neuen Roman Der Tangospieler sitzt Bruno Cadogan in New York an einer Dissertation über die Essays, in denen Borges den Ursprüngen des Tangos nachsann. Erst als er erfährt, dass ein Julio Martel, der nur unangekündigt auftrete, besser als Gardel singe, reist er für einige Monate nach Buenos Aires und kommt in der Zeit der großen argentinischen Wirren an. Hier vermischen, verwischen sich ihm literarische, historische, topografische Spuren, packen ihn die Wirbel des Gestern sowie des Heute. Aus dieses New Yorkers Ichperspektive ersteht ein aufwühlendes, unfassbares Buenos Aires, eine unfassbare, aufwühlende Tangostimme, im Hintergrund die Fiktionen von Borges und die Gewalttaten aus den Vergangenheiten des Landes.

Der schwer kranke Julio Martel, von dem es keine Aufnahmen gibt, singt an sonderbaren Orten, die in einer geheimnisvollen Beziehung zueinander stehen, wie der alte Tango das Leben, die Liebe und den Tod verbindend. Trotz seiner Bemühungen schafft es Cadogan zunächst nicht, ihn zu hören; er verstrickt sich vielmehr in einem leicht surrealen Netz. Das - allerdings schon recht strapazierte - Borges-Motiv des Labyrinths umspielt Tomás Eloy Martínez meist ebenso geschickt, wie er die narrativen Fäden knüpft, einige Male aber zu stark betont. Seiner Dichterstimme, die bisweilen am Rande des Latino-Kitsches hält, jedoch souverän eben nicht kippt, lässt sich folgen. Sie führt auch wieder aus dem unsicheren Urbanen hinaus, nicht ohne starke Eindrücke zu hinterlassen.

Buenos Aires vermag er als ein großes Ungewisses so fern und doch so nah zu bringen. Es gebe, heißt es, keine zuverlässigen Stadtpläne: "Aus Angst, sich zu verirren, entfernen sich manche Menschen in ihrem ganzen Leben nie weiter als zehn oder zwölf Häuserblocks von ihrer Wohnung." Die Namen der Personen, Cafés und Örtlichkeiten ändern sich, die Bezeichnungen und das Aussehen wechseln, und binnen einiger Wochen kennt das Land fünf Präsidenten. Die mangelnde Fixierung äußert sich sprachlich, im Argot, der oft die Silben vertauscht: Cadogan selbst wird verdreht als Cagando, "Kacker", verstanden, dann zu Cogan oder Cagan verkürzt. "Manchmal befand sich für mich das Labyrinth der Stadt nicht in den Straßen oder den Verwirrungen der Zeit", erklärt dieser Fremde auf der Suche, "sondern im unerwarteten Verhalten der Menschen".

Der Tangosänger ist ein Roman über die Faszination, die Melancholie der Töne und eine Urbanwelt nach Borges, über Staatsterror, Vertrauensbrüche, Morde und gestohlene Leichname, über das Verstecken, Täuschen, Verschwinden und Wieder-aufleben-Lassen.

Auf einem ähnlichen Terrain bewegt sich Juan José Saer, dessen Ermittlungen mir literarisch gewagter, origineller erscheinen. Auch Saer, den der Verlag dieses ersten auf Deutsch erschienenen Werkes als bedeutendsten argentinischen Autor nach Borges und Cortázar preist, lebt im Ausland, in Paris. Hier beginnt sein Roman, und zwar mit einer Erzählung: Innerhalb von neun Monaten hat in nur zwei Arrondissements ein Mörder, der keine Indizien hinterlässt, 27 alte Damen gefoltert, vergewaltigt und zerstückelt; Kommissar Morvan, der Leiter der Sondereinheit, schaut aus dem Fenster in die Schnee versprechende Vorweihnachtsdämmerung und fühlt die Nähe der Bestie, die ihre Kreise immer enger um das Büro der Fahnder zieht.

Dies berichtet der argentinische Schriftsteller Pichón, nach Langem aus der Seinestadt für einen knappen Aufenthalt in die Heimat zurückgekehrt, dem alten Kumpan Tomatis und dem jungen Soldi bei einem Essen an eines heißen Spätsommertages Abend. Im Nachlass ihres Freundes Washington Noriega hatten sie gemeinsam ein dickes Romantyposkript von unbekannter Hand in Augenschein genommen. Mit ihren Überlegungen zu Urheberschaft und Inhalt des Werkes (über den vorletzten Tag des Trojanischen Krieges aus der Perspektive zweier griechischer Soldaten) gelangen die Literaturfahnder zum Kernpunkt der Frage, wie sich Dichtung und Realität und Wahrnehmung, Fiktion und Wahrheit und Wissen zueinander verhalten. Die Handlung dieser unveröffentlichten 815 Seiten spielt ausschließlich im Lager der Griechen, referiert Saers Erzähler, der die komplexen narrativen Fäden mit atemberaubender Leichtigkeit zieht. Als die Trojaner das hölzerne Pferd in die Stadt bringen, wird die Szene von Weitem aus der Sicht des alten Soldaten betrachtet, der noch nichts von der List der Eigenen ahnt. Troja scheint "wie alles andere, was sonst noch auf der Welt existiert, gleichermaßen nah und fern zu sein".

Gut siebzig Seiten später lässt Juan José Saer seine drei Argentinier über die Wahrhaftigkeit der inzwischen von Pichón bis zum 28. Mord und einem ersten Indizstück mitgeteilten Pariser Vorfälle debattieren, worauf Soldi auf den Troja-Roman zurückkommt: Der alte Soldat, der seit Kriegsanfang mit der Nachhut betraut ist, weiß weniger über den Krieg Bescheid als der kürzlich eingetroffene junge. Für den Alten ist Troja ein graues Mauerwerk in der Ferne, die blutigste Schlacht "nicht mehr als eine Staubwolke", und die Helden hätte er nicht erkennen können. Dem Jungen hingegen sind alle Gegebenheiten aus den Erzählungen vertraut, die in Griechenland "schon jeder auswendig wusste, aber niemand zu hören müde wurde". Was für eine Parabel, was für ein Reflexionsangebot!

Die literarischen, historischen, geografischen Schauplätze, die Varianten von oraler und schriftlicher Narration führt Saer zu einer dichten, spannenden Prosa zusammen, deren Fluss er meisterhaft zu verzögern und dann wieder zu beschleunigen versteht. Die Pariser Mordfälle finden schließlich in Pichóns Bericht eine Auflösung, die zwar bei der Lektüre vorherzusehen ist, dann jedoch von Tomatis eine andere Variante entgegengesetzt erhält. Die Rätsel scheinen geklärt und bleiben doch offen.

Der "andere Zustand" besteht bei beiden Argentiniern, Tomás Eloy Martínez und Juan José Saer, intertextuell angelegt und von der Historie des eigenen Landes durchzogen, allemal als Möglichkeit im Hintergrund eines letztlich unergründlichen menschlichen Tuns.

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Der Tangosänger von Tomás Eloy Martinez3.)

Der Tangosänger.
Roman von Tomás Eloy Martínez (2005, Suhrkamp - Übertragung Peter Schwaar)
Besprechung von Hildegard Lorenz aus dem Münchner Merkur, 30.12.2005:

Lied der Untat
Tomás Eloy Martínez' Buenos-Aires-Roman

Harry Potter ist an allem schuld: Der finanzielle Erfolg der Reihe ermöglichte es seinem englischen Hausverlag, illustre Autoren dazu aufzufordern, ein Auftragswerk über "ihre Stadt" zu schreiben. Tomás Eloy Martínez schreibt über Buenos Aires - ein Reiseführer für literarisch Interessierte und Kunstfreunde, ein Kompendium voller Geschichten über die Stadt von Evita Perón, Jorge Luis Borges und des Tango.

Aber "Der Tangosänger" ist auch ebenso ein fantastischer Roman: Bei seiner Arbeit an einer Dissertation über die Essays von Borges erfährt Bruno, der Ich-Erzähler, von dem Tangosänger Julio Martel, von dem es keine einzige Plattenaufnahme gibt. "Er ist besser als Gardel", sagt man ihm - und der Satz gibt den Anstoß für Brunos Reise in die Stadt - immer auf der Suche nach dem geheimnisvollen Tangosänger Martel.

Der aber gibt keine Konzerte, singt nur spontan an unerwarteten Orten, an denen, wie sich nach und nach herausstellt, ungesühnte Verbrechen geschahen. Bruno jagt dem mysteriösen Sänger quer durch die Stadt nach, ohne dass es ihm gelingt, ihn zu Gesicht oder gar zu Gehör zu bekommen. Stattdessen ändert sich der Raum: Cafés, Orte und auch Personen wechseln ihre Namen - geben damit aber auch oft neue Geschichten frei.

Im Grunde interessiert sich Martínez mehr für die vielen Gesichter einer immer neu erscheinenden und immer neu faszinierenden Metropole als für seine Figuren, die er manchmal auffallend schnell verschwinden lässt, beinahe möchte man sagen, entsorgt. Als Ausgleich dafür taucht der Ich-Erzähler Bruno immer mehr in Labyrinthe von Raum und Zeit - die allerdings bei Buenos-Aires-Romanen oft strapaziert werden.

Das damit verbundene Wachrufen von vielgestaltigen Erinnerungen passt jedenfalls gut zur Struktur des Tango, ebenso wie das sprachliche Abtauchen in den Argot und auch die spielerische Verwechslung mancher Buchstaben. Den roten Faden des Romans, der all diese Gegensätze miteinander verbindet, bildet aber die Suche nach dem Tango - besser als Gardel (1890-1935) ihn singt. Vielleicht an sich schon eine Unmöglichkeit?

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