Der Tag an dem wir das Hasten nach Blechhasen den Windhunden überlassen.
Gedichte von Ernst Bonda,
(2012, Bonda Verlag).
Besprechung von Beda Hanimann in der Appenzeller Zeitung vom 20.12.2012:

Die Wahrhaftigkeit der Worte
Der 89jährige St. Galler Künstler und Autor Ernst Bonda hat ein Lyrik-Bändchen mit Alltagsbeobachtungen, Lebenseinsichten und Wortspielereien herausgegeben.

Er ist schon vor dem Anpfiff zum «Heimspiel», der nun eröffneten Werkschau hiesigen Kunstschaffens, aufgefallen. Der St. Galler Ernst Bonda wurde als ältester Teilnehmer angekündigt, Jahrgang 1923 ist er, und in einem Interview sagte er: «Die Kunst hält mich jung.»

Dass das zutrifft, belegt er auch mit einem hübschen neuen Gedichtband, aus dem Lebensweisheit spricht, ebenso sehr aber der fast unbeschwert jugendliche Blick nach vorn. Wenn er etwa dichtet: «Herbst / ich lass ihn ungern ziehen / doch in den Abschied / mischt sich ein heimlich / Frühlingswissen». Oder gar noch eine Spur frecher: «Dem nahenden Frost / Frühling / unter die Nase reiben».

Wort ohne Zifferblatt

Er war schon einmal der Älteste in einer Gruppe von Künstlern, nämlich als 49jähriger Absolvent der St. Galler Kunstgewerbeschule, nachdem er seinen Prokuristenjob aufgegeben hatte, um sich der Kunst zuzuwenden. Vielleicht ist dieses altersresistente Drinstehen und Agieren typisch und prägend. Das, was ihn schreiben liess: «Das schöne Wort / beizeiten / lebt ohne Zifferblatt». Alles zu seiner Zeit, alles dann, wenn es stimmt.

Stimmigkeit ist ein wichtiges Bonda'sches Kriterium, die Stimmigkeit des Lebens, der Welt – einer Welt, die respektiert wird. In den 70er-Jahren entwickelte er ein Umweltschutzpapier, in seiner Kunst arbeitete er gern mit Abfallmaterialien, auch das ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber dem nicht mehr Gebrauchten. Er bezeichnet sich als Sammler, hortet in Schubladen und Dosen allerlei Fundstücke und verriet dem «Anzeiger», dass er Unordnung nicht ertrage und ihn dieses «Beamtenhaft-Pingelige» an sich manchmal störe. Man kann es auch Liebe zum Kleinen und Übersehenen nennen.

Ordnung und Poesie

Die Stichworte, die gern für Bondas Kunst bemüht werden – Verknappung, Konzentration, Reduktion – treffen auch auf seine Gedichte zu. Zwei bis acht Zeilen kurz sind sie, er nennt sie im Untertitel seines neuen Büchleins «Einzelgänger» – und ergänzt, als Ordnungsmensch: «Alphabetisch geordnete Einzelgänger». Das klingt nicht gerade nach Poesie. Und ist es doch in höchstem Grad.

Kleine Alltagsbeobachtungen und -einfälle verdichtet Bonda zu luftig-leichten Gedichten. Etwa so: «Das Geheimnis / der Schönheit / lüften Bienen / im Fluge / von Blüte / zu Blüte». Oder so: «Eiliger Zug braust / am Vorortbahnhof vorbei / Papiergewirbel». Oft aber spricht auch treffender Witz aus seinen Beobachtungen: «Der Modefrühling / näht seinen Untertanen / die neue Uniform».

Wenn Kaufhallen lallen

Die Lebenserfahrung und Lebenseinsicht des 89-Jährigen ist in den federleichten Sprachbildern bestens aufgehoben. «Das was ist / ist nicht alles / was ist», heisst es etwa kurz und bündig. Neben Tiefgründigem ist Bonda aber auch das Schliessen einer Postfiliale ein Gedicht wert: «Quartierpost am Ende / Stempelklopfen / Begegnungen / verstummen». Oder ein Handy, das «von Handschriften / von aufgeküssten / Briefmarken» träumt.

Manchmal hallen Ringelnatz oder Morgenstern nach, sprachgewandt, witzig und tiefernst: «Kaufhallen lallen / Glücksversprechen / drei für zwei». Oder: «Manchmal wird etwas / an dem wir hängen / galgengleich». Da scheint die Wahrhaftigkeit der Worte tatsächlich schon in den Dingen angelegt. Und umgekehrt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Appenzeller Zeitung]

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