Der Tag, als ich lernte Spinnen zu zähmen.
Erzählung von Jutta
Richter (2000, Hanser).
Besprechung von Ulrich
Karger, Berlin:
Immer schleicht er sich so an und will mitspielen. Und dauernd popelt er und steckt den Popel in den Mund. Außerdem erzählt man sich so einiges über seine Mutter. Nur die Ich-Erzählerin scheint Rainer auch von einer ganz anderen Seite kennengelernt zu haben. Rainer hatte ihre Angst vor der Kellerkatze nicht nur ernst genommen, sondern sie auch davon befreit. Er hat ihr sogar beigebracht, Spinnen zu zähmen. Doch alle anderen können ihn nicht ausstehen, und zuletzt passiert auch noch das mit Michael. Erst geht es zwischen beiden nur immer hin und her: Arschgesicht und Popelfresser. Aber als Michael Rainers Mutter eine versoffene Nutte nennt, sagt Rainer nichts mehr, sondern schlägt einfach zu. Michael fällt unglücklich auf die Bordsteinkante und muß für Wochen ins Krankenhaus. Wie kann man jetzt noch Rainers Freundin sein?
Nach dem märchenhaften 'Hund mit
dem gelben Herzen' erzählt Jutta Richter nun die sehr diesseitige Geschichte aus einer
Kindheit in den frühen 60ern.
Damals blieben Kinder tagsüber nur zu Hause, wenn sie einen Stubenarrest auszusitzen
hatten. Ansonsten traf man sich bei jedem Wetter draußen, spielte zusammen oder
langweilte sich gemeinsam. Mit den Eltern war nicht viel anzufangen. Denen ging es nur
darum, was andere über sie dachten.
Beschrieben wird jenes Umfeld aus dem Blickwinkel eines namenlos bleibenden Mädchens, das
lediglich so lange als 'Dieda' bezeichnet wird, als es noch zu Rainer hält. Ihre
trefflich auf den Punkt gebrachten Schilderungen jener damaligen Kinderwelt geben der
eigentlichen Geschichte über Ausgrenzung, Freundschaft und Verrat genau jene
Authentizität, derer sie bedarf, um nicht als bloßes Lehrstück auf taube Ohren zu
stoßen.
Jutta Richter erweist sich hier einmal mehr als eine formvollendete Erzählerin, und ihre
Geschichte mit offenem, zur Debatte anregendem Ende ist von einer solch liebevoll
präsentierten Detailgenauigkeit, daß jede Einengung auf ein festgelegtes Lesealter ihr
nicht gerecht wird. So empfiehlt sich das Buch dank seiner Kürze als Ganzschrift für
einen breiten Einsatz in der Schule, könnte aber auch bereits weit jüngeren Kindern, als
vom Verlag angedacht, vorgelesen werden - und die vorlesenden Erwachsenen jener Generation
ziehen aus diesem äußerst preisverdächtigen Buch gewiß ebenfalls großen Gewinn.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buechernachlese.de.vu]
Leseprobe I Buchbestellung 0901 LYRIKwelt © Ulrich Karger