Der Tänzer.
Roman von Clum McCann (2003, Rowohlt - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 10.9.2003:

Das Geräusch des Tanzes
Der irische Schriftsteller Colum McCann hat sich von der Ballett-Legende Nurejew genial inspirieren lassen

Biographische Romane gelten - aus mehreren Gründen - als ein eher anrüchiges Genre. Die Mischung aus Fakten und Phantasie erlaubt es minderen Autoren, nachlässig beim Recherchieren und fahrlässig beim Erfinden zu verfahren, sorgfältige Rekonstruktion durch wilde Spekulation zu ersetzen und was der literarischen Unarten mehr sind. Nicht wenige Verfasser zielen zudem auf ein vermutetes Leser-Interesse an Klatsch und Tratsch, das gilt insbesondere dann, wenn die gewählte Figur ein Star im weitesten Sinn war - in solchen Fällen hat ja selbst ein seriöser Autor Mühe zu unterscheiden, was bei dem vorliegenden Material den Tatsachen entspricht und was sich lediglich dem Erfindungsreichtum einer gut bezahlten public relations-Agentur verdankt.

Der seit längerem in New York lebende irische Romancier Colum McCann ist sich dieser Problematik bewusst; im Vorspruch zu seinem neuesten, von den Lebensumständen der russischen Ballett-Legende Rudolf Nurejew inspirierten Buch Der Tänzer betont er deshalb: "Dies ist ein Roman. Mit Ausnahme einiger Personen des öffentlichen Lebens, die ihre wirklichen Namen tragen, sind alle hier geschilderten Personen, Namen und Ereignisse frei erfunden."
Den eigenen Namen trägt freilich auch und gerade die Titelfigur - es ist erstaunlich und bewunderungswürdig, wie kunstvoll McCann sie auf der Grenze zwischen Realität und Imagination ausbalanciert.

McCann hat seinen Roman als polyphones Geflecht aus sehr unterschiedlichen Stimmen montiert, es gibt Erinnerungen, Tagebuchauszüge, Berichte, Briefe, Notizen, Erzählungen, Interviews, Zitate, die von ebenso verschiedenartigen Personen stammen. Nurejews Kindheit und Jugend in der Sowjetunion der vierziger und fünfziger Jahre entstehen vor den Augen des Lesers aus den Zeugnissen einer Krankenpflegerin, eines unter Stalin Verbannten, zweier Mitschüler, eines stelzenlaufenden Bühnenarbeiters, der Tochter seiner ersten Ballett-Lehrerin und seines späteren Lehrers an der Ballettschule in Leningrad sowie von dessen Frau, einer chilenischen Ballerina und eines sogenannten Leningrader Schwulen - jede dieser Personen gewinnt dabei ihr eigenes Profil, findet ihren eigenen Ton, widerspricht anderen (und manchmal sich selbst). Die Stimme des Autors ist lediglich eine - wenngleich unverwechselbare - unter vielen.

Der Lebensweg der Hauptfigur ist manchmal nur ein Faden, auf dem Geschichten aufgereiht sind, die nur vermittelt mit Nurejews Entwicklung zu tun haben - so wie etwa die Erzählung von einem erblindeten Petersburger Choreographen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, der seinen Beruf weiterhin ausübte, indem er den Bühnenbrettern lauschte und nach deren Geräuschen seinen Tänzern Anweisungen gab...

Nurejew wurde 1938 in der "verbotenen Stadt" Ufa geboren, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in Leningrad ausgebildet, 1961 benutzte er ein Paris-Gastspiel, um im Westen zu bleiben - was seine Freunde und Angehörigen in der Sowjetunion einer realsozialistischen Variante von Sippenhaftung unterwarf. Im Roman gibt es ein bezauberndes Miniatur-Porträt eines älteren Londoner Ballettschuhmachers, der für einen "abgesprungenen" Russen Schuhe nach Fuß-Zeichnungen anfertigt, denen er die ganze Biografie des derart Bezeichneten abliest: Auf diese Art teilt McCann seinen Lesern Nurejews Seitenwechsel mit. Von den Folgen für die Zurückgebliebenen berichten die - parteigläubige - Schwester des Tänzers sowie die eher dissidente Tochter seiner ersten Ballettlehrerin.

Aus den Perspektiven dieser höchst ungleichen Frauen entwirft McCann ein ebenso konkretes wie komplexes Bild jener von Mangel und Repression bestimmten Gesellschaft, der sich sein Protagonist entzogen hat - "Ich hätte bleiben können, aber wenn man zu lange Wasser tritt, lernt man vielleicht nie schwimmen", schreibt er einmal seiner Schwester. Über Nurejews erstes Jahrzehnt im Westen geben kurze Notizen des Tänzers Auskunft, in denen sich spiegelt, was man seinen Abstieg in den Ruhm nennen könnte: Die Überlegungen zu Training und Rollengestaltung weichen zunehmend dem namedropping des Aufsteigers in die Welt der Jet Set-Schickeria. Was in Russland noch Protest-Gesten eines Unangepassten waren, findet sich nun in das bloß rüpelhafte Benehmen eines Neureichen verwandelt, der sich an sozial Schwächeren auslässt. In Momenten von Klarsicht hasst er sich selbst und seine neuen Freunde, aber letztlich ist er nun einer von ihnen.

Sein engster Vertrauter in dieser Neuen Welt wird der gleichermaßen vitale wie vulgäre Victor Pareci, der den Slums von Caracas genauso entkommen ist wie Nurejew selbst den Neubauvierteln in Ufa. Pareci ist der Kokain- und Party-König der New Yorker Schwulen-Szene, durch die der Autor ihn (und den Leser) auf einem 46-seitigen, wüsten und fulminanten Prosa-Parforceritt in einer einzigen Nacht hetzt, an deren Ende Nurejew einen letzten großen Auftritt hat: "Da geht die Einsamkeit die Straße entlang und klatscht sich selbst Beifall." Es gibt ein einziges Wort, das in McCanns Buch nicht vorkommt: der Name einer Krankheit, deren Aufkommen das letzte Viertel des Romans bestimmt und überschattet, aber der Autor bleibt seiner Technik der indirekten Mitteilungen treu und schildert die Symptome, ohne Aids je beim Namen zu nennen. Neun Jahre nach der orgiastischen New Yorker Nacht kehrt der todkranke Victor Pareci nach Caracas zurück, Nurejew besucht seinen sterbenden Freund dort ein letztes Mal, bevor der körperliche Verfall auch seine eigene Karriere beendet. Der Roman begleitet ihn noch bis in das Jahr 1991 - also nicht bis zu seinem Tod im Januar 1993 -, stattdessen wird zuletzt von einem 48-stündigen Besuch Nurejews in Ufa und Leningrad erzählt, der ihm auf Fürsprache von Raissa Gorbatschowa 1987 "gewährt" wurde. Es sind hastige und melancholische Wiederbegegnungen mit der Schwester und einer alten Freundin, und der bereits stark von Krankheit gezeichnete Tänzer scheint über sie und sich wie auch über Russland zu reden, wenn er gegen Ende sagt: "Uns hat immer unsere eigene Auflösung gefesselt."

McCann beschließt das Buch mit der letzten von drei Auflistungen. Die erste zählt eingangs auf, was alles das Publikum während Nurejews erster Saison in Paris 1961 auf die Bühne warf: Blumen, Fotos mit Telefonnummern sowie Damenslips sind ebenso dabei wie Glassplitter, die französische Kommunisten dem Abtrünnigen vor die Füße schmissen. Nach zwei Dritteln des Romans folgt eine Auswahl der Luxusartikel und Sammelobjekte, die sich der berühmte Tänzer inzwischen zugelegt hat. Das Ende bilden ein paar Ergebnisse der beiden Versteigerungen, mit denen sein Nachlass im Januar und November 1995 unter den Hammer kam: Auch so kann man ein Bild vom Lebensweg eines Menschen skizzieren.

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