Der Tabakhändler von John Barth, 2003, LiebeskindDer Tabakhändler.
Roman von John Barth (2003, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Susanna Rademacher).
Besprechung von Thomas Leuchtenmüller in Neue Zürcher Zeitung vom 18.12.2003:

Das verlorene Paradies
John Barths Mammutroman «Der Tabakhändler»

Die Wiege der Neuen Welt stand an der Chesapeake Bay. Diesen Meerbusen, der heute zu Virginia und Maryland gehört, erreichten 1607 die ersten Kolonisten und gründeten Jamestown, die erste dauerhafte englische Siedlung jenseits des Atlantiks. Der erste US-Präsident, George Washington, war ein Sohn der pittoresken Bucht, die mit 300 Kilometer Länge und bis zu 50 Kilometer Breite die grösste der Vereinigten Staaten ist. Und die ersten Toten im Bürgerkrieg gab es dort, wo General Robert E. Lee residierte: in der Umgebung der Chesapeake Bay. Wer würde es wagen, den Nimbus dieses mit Geschichte durchtränkten Areals zu hinterfragen?

Sein Name ist John Barth. Der 1930 in der Bay-Region geborene Schriftsteller nimmt seine Heimat nicht bloss in seiner jüngsten Prosa aufs Korn («Coming Soon!!!», 2001): Er tat es bereits im 1960 erschienenen Roman «The Sot-Weed Factor». Die 1970 erfolgte deutsche Übersetzung der 1967 revidierten Fassung, «Der Tabakhändler», war lange vergriffen und liegt nun in einer Neuausgabe vor. Und das fast 1000-seitige Buch bleibt ein Ereignis - in dessen Zentrum eine historische Figur steht: Ebenezer Cooke (1667 bis 1733), der in Maryland diverse Tabakgeschäfte machte und 1708 die Satire «The Sot-Weed Factor» publizierte. Laut dem kaum bekannten Werk trinken die «Amerikaner» zu viel Alkohol und gehen zu wenig in die Kirche. Während E. C. Gent 1730 mit «Sot-Weed Redivivus, or the Planter's Looking Glass . . .» nur eine schwache Kopie des Vorbilds offerierte, verwendet Barth das Spärliche, das über Cooke und aus seiner Feder bekannt ist, als Steinbruch hoch reflektierter und bestens unterhaltender Literatur.

Witz und Moral

Der echte Cooke stammte aus Britannien und ging nach Übersee, um seinen Geldsäckel zu füllen. Betrogen, belogen und zurück im Gefilde der Vorfahren, schrieb er seine Lyrik nebenbei, als Ausdruck von Enttäuschung und Wut. Der fiktive Cooke, ein gebürtiger Amerikaner (und im Folgenden Eben genannt), verlässt England zwar, um «Malden», die väterliche Tabakplantage an der Chesapeake Bay, zu übernehmen und davon zu leben; aber zuvörderst will er «heroische Pioniere» und Mutter Grün besingen. Die Realität belehrt Eben allerdings eines Besseren, und der 1694 angesetzte Kampf um Malden ist der Handlungskern des Schelmenromans. Barths wichtigste Leistung liegt darin, klassische Elemente dieser Fiktionsform exzessiv, karikierend zu verwenden.

So reiht sich, bei schnellem Ortswechsel, Abenteuer an Abenteuer: Piraten sind zu schlagen, Indianer hereinzulegen und Stürme zu überstehen. Derlei im Detail mehr als unglaubliche Episoden werden - wie in Erzählungen des 17. Jahrhunderts - durch häufige Einschübe aufgeteilt. Zum einen sind Zitate echter oder angeblicher Dokumente abgedruckt: Authentisch ist beispielsweise John Smiths «The General History of Virginia»; Barth ersann hingegen die «Secret Historie of the Voyage Up the Bay of Chesapeake». Zum anderen schaltet der Autor phantasievolle Storys einzelner Personen ein, die um skurrile Wetten, plötzliche Tode oder seltsame Menschen kreisen. Deutlich macht die Mischung von Wahrem und Erdachtem: Wer von «Geschichtlichem» spricht, hat nach eigenem Gusto ausgewählt; und wer erfindet, tritt in Konkurrenz zu einer Realität, die selber längst imaginiert ist.

Barth, der bei Daniel Defoe leiht, bei Henry Fielding, James Fenimore Cooper und Mark Twain, weitet zudem die genretypische Drastik aus. Er behandelt dabei Missbrauch, Prostitution, Gewalt, Bestechlichkeit im Amt oder Bosheit nie augenzwinkernd, sondern brandmarkt sie als abscheulich. Mithin hievt der Romancier sowohl das kanonische angelsächsische Schrifttum auf den Prüfstand als auch die gern glorifizierten Anfänge der amerikanischen Nation. Ferner präsentiert Barth einen ausgewachsenen Picaro: Henry heisst der amüsante Freund Ebens; er ist ein ernst zu nehmender Schalk, welcher indes derart oft maskiert in Erscheinung tritt oder intrigiert, dass Bestürzungen zunehmend ausbleiben müssen - bei den Akteuren und, so hat es der Verfasser zweifellos intendiert, bei den Lesern.

Henry reist in «God's own Country», um seine Herkunft zu eruieren. (Diese Umkehrung der gängigen Suchrichtung familiärer Forschung ist ein bezeichnendes Exempel für Barths subtile Ironie.) Allmählich wird klar, dass er einen Indianerhäuptling zum Vater hat. Obschon sich der ruhige Eben und der quirlige Henry deutlich unterscheiden, gelingt es, beide als moderne Gestalten vorzuführen, die einiges gemein haben: Ihrer Wurzeln beraubt und desillusioniert von einer Schöpfung, die sie lediglich als Sammelsurium von Fragmenten wahrnehmen, suchen sie im Grunde nach ihrer Identität. Doch auf ihrem Weg lassen sich die Spieler von oberflächlichen Beziehungen oder verführerischen Trugbildern bereitwillig ablenken. Vorübergehend gewinnen sie Halt im Glauben an etwas Traditionelles: das fixierte Wort. Und trotz dem Gefühl einer elementaren Verlorenheit und grösster Mühe, sich an mühevoll entwickelte moralische Glaubenssätze zu halten, kämpfen sie weiter... Fortsetzung

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