Der Strandläufer von Henning Boëtius, 2006, btb

Der Strandläufer.
Roman von Henning Boëtius (2006, btb).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, 23.11.2006:

Meer. Weniger
Wie kann ein Sohn vom Tod der Eltern erzählen? Über Henning Boëtius’ Familienroman »Der Strandläufer«.

Der Vater war Seemann, oft und lange unterwegs. Der Sohn ein Mutterkind, behütet, umsorgt, auch geliebt. Die Konstellation ist problemträchtig, mit Langzeitwirkung, an der sich, Jahrzehnte später, der Sohn, der Schriftsteller geworden ist, erst mühsam, dann zunehmend offen und schonungslos, auch gegen sich selbst, abarbeiten kann.

Nichts Neues, scheint es. Familiengeschichten. Doch solche Geschichten beschreiben einen Schicksalszusammenhang, der oft weit hinausreicht über die Zwangsgemeinschaft, die jede Familie immer auch darstellt. Die Bilder des Glücks werden in der Kindheit ausgeprägt, die Schuldgefühle ebenso. Der Tod unserer Eltern nimmt uns ein Stück unserer Vergangenheit und im selben Augenblick auch etwas von unserer Zukunft. Bei ihrer Beerdigung zieht es uns im Rücken.

Als mit der Aufklärung die Sicherheit schwand, beim Herrgott im Himmel Trost für den Verlust von Mutter und Vater zu finden, da kam der Familienroman auf und fand im Zuge fortschreitender Säkularisierung zunehmenden Zuspruch. Bis heute haben sich ungezählte Autoren mit dem Tod ihrer Eltern auseinander gesetzt und dabei, wie Handke, Härtling, jüngst Philip Roth, ihre schönsten Bücher geschrieben.

Aus der Geschichte, die Boëtius im Strandläufer erzählt, hätte ein großer Roman werden können. Leider vertraut ihr der Autor nicht genug. Er versucht sie durch eine Rahmenhandlung abzustützen, die den Erfinder der drahtlosen Nachrichtenübertragung, den Italiener Marconi, in die Handlung einbezieht. Er will sie durch eine Liebesaffäre anreichern und schließlich durch einen Piratenroman aufmöbeln. Diese Hilfskonstruktionen überhöhen den Anspruch, sollen aber auch den allmählichen Abbau der Widerstände sichtbar und plausibel machen, durch den der Schriftsteller, der sich als Ich-Erzähler präsentiert, seine Erinnerungen Zug um Zug zurückgewinnt.

Ein Piratenroman könnte dem Vater vielleicht imponieren

Er lebt in einer italienischen Hafenstadt und versucht vergeblich, einen Piratenroman zu schreiben, einerseits, um seinem Vater zu imponieren und endlich jene Anerkennung zu finden, um die er sich seit Jahrzehnten erfolglos bemüht hatte, andererseits, weil er in sich etwas vom Erbe seines Vaters spürt: »Eine Sehnsucht, größer als er selbst, verkörpert von der Weite des Meeres.« Dieses romantische Motiv wird verstärkt durch die junge, rätselhaft eigensinnige Malerin Carla, die ihm Hoffnung auf ihre Liebe macht, wenn er nicht länger seinen Problemen ausweicht.

Die verschiedenen Stränge sind teilweise sehr kunstvoll, teilweise aber nur künstlich zusammengehalten. Boëtius versteht es zwar, eindrucksvolle Bilder für die Erinnerung zu finden, unmerkliche Übergänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu schaffen, aber gleichzeitig knirscht die Konstruktion immer wieder. So soll Carla, die endlich zu seiner Geliebten geworden ist, auch noch die Verbindung zu Marconi durch ihre Abstammung verstärken. Vieles ist mehrfach determiniert und wird symbolistisch aufgeladen. Weniger wäre mehr gewesen.

Denn die Familiengeschichte ist ein starkes Stück. Der Schriftsteller rekonstruiert das Leben seiner Eltern. Er versucht, sich in dieser Konstellation zu begreifen und zugleich dem Leben seiner Eltern einen möglichen Sinn abzulesen. Immer wieder reist er aus dem Süden Italien nach Norddeutschland, zunächst, um seine schwer kranke Mutter zu besuchen. Dabei kommt es zu erbitterten Auseinandersetzungen mit dem Vater. Hier gewinnen die Beschreibungen Intensität und Dichte. Sein letzter Blick auf die sterbende Frau bleibt haften.

Auf diesen Reisen findet er seine Vergangenheit und eine Familiengeschichte, die unaufdringlich eingepasst ist in die Zeitgeschichte. An den Ordnungsvorstellungen des Vaters wird eine Mentalität sichtbar, die aus der preußischen Tradition bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts hineinreicht. Auch die fünf Schiffsuntergänge, die der Vater erlebt hatte, lassen weit mehr als das abenteuerliche Schicksal des alten Seemanns erkennen.

Das schönste Bild aber hat der Autor in der Standuhr seiner Familie gefunden. Sie schlägt jede Stunde. Nach dieser Uhr hat die Familie getickt. Noch aus seinem Heim geht der kranke Vater einmal in der Woche in sein Haus zurück, nur um die Uhr aufzuziehen. Es ist ein Erbstück, unverwüstlich, mal hakt es zwar, mal hängt es irgendwo, zum Schluss geht gar das Gehäuse in die Brüche, aber nie bleibt diese Uhr endgültig stehen, bis zum Ende des Romans.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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