Der Stolz der Familie Pythre von Richard Millet, 2001, FestDer Stolz der Familie Pythre.
Roman von Richard Millet (
1995/2001, Fest - Übertragung Christiane Seiler)
Besprechung von Martin Ebel in Neue Zürcher Zeitung vom 2007:

Vergänglichkeit riecht

Am Anfang ist der Gestank. Es ist der Gestank des Endes: das, was von uns übrig bleibt, wenn wir tot sind und zu verwesen beginnen. Der kleine Weiler Prunde in einem gottverlassenen Tal am Rande des Plateaus von Millevaches hat keinen Friedhof, keine Kirche, keinen Pfarrer. Die Toten müssen über die Hochebene in ein anderes Dorf gebracht werden, welches über all das verfügt – ein mühsamer Transport und im Winter gar nicht möglich. Wer im Winter stirbt, den lässt man in einer Scheune liegen, wo ihn die Kälte konserviert. Aber: «Im März begannen sie merklich zu stinken.» Mit diesem Satz beginnt Richard Millets Roman «Der Ruhm der Familie Pythre», und dann geht es viele Kapitel weiter um Tod und Verwesung, den Leichengeruch und das Leben vor dem Tod, das auch nicht besser ist.

So herrlich golden Francisco de Zurbaráns Zitronen vom Schutzumschlag den Leser anlachen und anlocken, so düster und dürftig geht es im Inneren zu. Das Klima ist rau, der Boden karg, die Menschen sind hart gegen sich selbst und gegeneinander. Die Männer schlagen ihre Frauen und ihre Kinder, diese schicken sich darein. «Jedes Leben ist nur ein langsames Sichabfinden mit dem Schicksal», kommentiert der namenlose Erzähler, eine kollektive Instanz, die die Dörfler vertritt, erst die von Prunde und dann die von Siom. Und von Prunde bis Siom spannt sich auch der Lebensbogen André Pythres, des «grossen Pythre», dessen Grösse aber lediglich in besonderer Härte (gegen sich und die Seinen) besteht. Er schlägt brutaler, schweigt hartnäckiger und hasst konsequenter als die anderen.

Dass er nicht «von hier» ist, reicht, um ihn zum Aussenseiter zu machen, eine Position, die er gerne einnimmt. «Er war unser dunkler Spiegel, war wie wir wenig begabt für das Glück, schien sich aber darüber hinaus Mühe zu geben, sein Unglück auch zu verdienen.» Glück – das ist ein Begriff, in dieser steinigen Gegend so exotisch wie Gewürznelken und Zitronenbäume. Wer ihm hinterherläuft, wird furchtbar gestraft. Betäubung – ja, das kennen die Männer von Siom, sie finden sie im Schnaps und zwischen den Beinen ihrer Frauen (so drückt es der Autor aus, der sich an solchen Stellen etwas zu sehr der Mystifizierung eines vermeintlich archaischen Sexuallebens hingibt). Hinaus aus diesem vergessenen Winkel im tiefsten Frankreich bringt die Leute höchstens der Krieg. Amédée, den ältesten Sohn Andrés – der Vater hat ihm einst aus Wut mit einem Messer die Hand an den Tisch genagelt –, bringt er sogar bis nach Indochina und Algerien. Dann kommt er zurück, will es noch einmal wissen; baut ein Haus, nimmt eine Frau, zeugt eine Tochter. Kurz darauf schlägt er sich den Schädel ein. Er hatte zu viel gewollt: ein Leben, das diesen Namen auch verdient.

Am Anfang ist der Gestank, und am Ende auch, als Jean stirbt, der Letzte der Pythres, ein Schwachsinniger, der sich schon im Leben überwiegend für die eigenen Exkremente interessiert hat. Sein Sarg, der nunmehr mit dem Auto zum Friedhof gebracht wird, fällt heraus, rutscht einen Abhang hinunter und geht in Stücke. Notdürftig geflickt, hält er den Verwesungsgeruch nicht mehr zurück. Keiner kann ihm entgehen, diesem aufdringlichen Memento mori, das allen in die Nase kriecht, sich in den Kleidern festsetzt und den Leuten von Siom verkündet, dass der Tod das Einzige ist, was sie zu erwarten haben, und dass er ekelhaft ist.

Richard Millet stammt aus solch einem Nest im französischen Département Corrèze, wie er es hier porträtiert hat. Kein Hauch von Nostalgie, nirgends. Aber eine Sprache, die sich weit ausschwingend über die Täler des Elends erhebt, in fast unendlichen Kadenzen, in einem sich einbrennenden Rhythmus und mit langem, grossem Atem. Es ist zuweilen ein allzu raunendes Imperfekt, das der Autor pflegt (seine Übersetzerin Christiane Seiler folgt ihm immer dicht auf dem Fuss). Aber der Einwand wiegt nicht schwer. Richard Millet gehört zu den Schriftstellern, die – nach einem berühmten Wort von Victor Hugo – aus Dreck Gold zu machen verstehen. Der erbärmlichen Existenz der Bauern im Hochland Zentralfrankreichs hat er ein erschütterndes Denkmal gesetzt. Und niemand seit Patrick Süskind hat so quälend intensiv den Geruchssinn des Lesers traktiert.

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