Der Stille Rebell.
Essay über Reinhard Priessnitz (2006, Droschl, hrsg. von Franz Kaltenbeck).
Besprechung von Jdl in Neue Zürcher Zeitung vom 6.05.2006:

«Und knallt die Ecritüre zu»

Der «dichter ein zeitgenosse aller zeiten»? Was der österreichische Schriftsteller Reinhard Priessnitz einmal mit und über Ezra Pound gesagt hat, trifft wohl auch auf ihn selbst zu. Schmal ist das Werk des 1985 verstorbenen Schriftstellers geblieben, aber schon seine «vierundvierzig gedichte» zeigen die Poesie auf allen Höhen der Unmittelbarkeit und tief im Nachdenken über das Schreiben. Priessnitz' Gedichte nehmen Schreibpraktiken auf, kontaminieren sie und machen sie wandelbar. Der solcherart gewonnenen «Immanenz» geht jetzt der Psychoanalytiker und einstige Freund von Reinhard Priessnitz Franz Kaltenbeck nach. Dem «stillen Rebell» der österreichischen Literatur widmet Kaltenbeck einen aus mehreren Annäherungen an Gedichte und einer biografischen Skizze bestehenden Essay. Mit Freud und vor allem mit Lacan lässt sich Priessnitz lesen, und Kaltenbeck gelingt in seinem höchst erhellenden Aufsatz das Kunststück, nicht nur das Werk des Dichters auf Bezüge zum Unbewussten hin zu analysieren, sondern ihn auch zum Exempel für die Ideen der französischen Nachfahren Freuds zu machen. Auch ein Lacan schimmert also in Priessnitz, dem zeitlosen Zeitgenossen, von dem man wohl noch in Jahren sagen wird, dass er endlich entdeckt werden müsste. «Und schliesslich: das wieder finden. in der wunde und in den buchstaben: auch die zwischenräume sind kerben, und man findet immer einschnitte», heisst es in Priessnitz «und knallt ganz laut die ecritüre zu». Der Schriftsteller hat Franz Kaltenbeck zu Lebzeiten ein Gedicht gewidmet, das «der blaue wunsch» heisst. Dieser Titel – so etwas muss man einem zukünftigen Psychoanalytiker nicht zweimal sagen.

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