Der Sterne Tennisbälle.
Roman von Stephen Fry (2001, Aufbau Verlag - Übertragung Ulrich Blumenbach).
Besprechung von Susanne Balthasar in der Frankfurter Rundschau, 9.8.2002:

Schicksalsjahre eines Klassikers
Wahnwitz gewinnt: Der Ironiker Stephen Fry lässt den Grafen von Monte Christo wiederauferstehen

Gibt es das? Zu viel Glück? Ja, finden Rufus, Ashley und Gordon: Ned Maddstone hat definitiv zu viel davon. Ned ist nicht nur hübsch, intelligent, allseits beliebt und aus bestem Hause, sondern hat auch noch Portia, eine hübsche und hinreißende Freundin, die einen solchen Goldjungen natürlich vergöttert. Es ist einfach zu viel des Guten, das sich in der Person von Ned Maddstone vereinigt, weshalb seine drei Freunde beschließen, das Gleichgewicht wieder herzustellen und dem Übermaß von Glück ein bisschen Pech entgegenzusetzen. Wäre es nicht herrlich, wenn der Stern des Strahlemanns sinken würde? Wenn man ihn zum Beispiel mit Drogen erwischen würde? Gedacht, getan. Schnell ist Ned ein bisschen Hasch in den Anorak gesteckt und die Polizei darauf aufmerksam gemacht, und genauso schnell ist er im Getriebe des Polizeiapparates verschwunden. Und zwar spurlos.

In Frankreich gab es einmal einen ähnlichen Fall. Edmond Dantes hieß der Held von Alexandre Dumas, den eine Verkettung unglücklichster Zufälle ganz tief ins Gefängnis brachte. Stephen Fry, englischer Satiriker, Schauspieler, Professor und Schriftsteller, hat sich den französischen Abenteuerklassiker vorgenommen und die Handlung auf englische Verhältnisse kurz vor der Jahrtausendwende umgeschrieben: Eine IRA-Affäre ist der Grund für das Verschwinden Neds, deren Zusammenhänge sich für ihn mindestens ebenso ungünstig entwickeln, wie das Schicksal ihm bis dahin wohlgesonnen war.

Das ehemalige Glückskind findet sich plötzlich hinter den dicken Mauern einer schwedischen Irrenanstalt wieder, in der Polittäter lebendig begraben werden. Glück im Unglück, dass Ned dort Babe trifft, der ihm nicht nur Backgammon und Schach beibringt, sondern ihm auch sein gesamtes Wissen und Geld vermacht. Als Ned mit Babes Hilfe die Flucht gelingt, ist er längst nicht mehr der unbedarfte Zuckerjunge, sondern ein kalter Analytiker, der mit der Präzision eines Großmeisters seine Revanche plant.

"Wir sind nur der Sterne Tennisbälle, aufgespielt / Gewechselt wie es ihnen passt." Dem Satz aus John Websters Die Herzogin von Malfi hat Fry das dramaturgische Konzept seines Romans entlehnt. Während bei Fry der Mensch denkt und plant, lenken in Wahrheit die Gestirne oder sonst etwas das Schicksal. Am Ende steht die Erkenntnis, dass auch ein noch so brillantes Hirn das Schicksal nicht vorausberechnen kann. Aber zumindest kann er das Schicksal im Nachhinein berechnen. Superhirn-Babe selbst macht sich an die logische Entwirrung von Neds Schicksalsfäden: "Frage dich, was dir zugestoßen ist (...) Hattest du beispielsweise Feinde?"

Mit sokratischer Hartnäckigkeit lässt sich so einiges verstehen. Sokrates wird den beiden Gefangenen nicht als einziger Bildungsbürger Gesellschaft leisten. Fry zitiert nicht nur Klassiker der Abenteuerliteratur, sondern der Bildungsweg des Ned Maddstone gleicht zuweilen einem Parforceritt durch die europäische Geistetesgeschichte von Aristoteles bis Zenons Paradoxon des Haufens. Keine Frage: In Der Sterne Tennisbälle ist nichts dem Zufall überlassen, die Geschichte ist vom IRA-Wirrwarr über die Bildungswut bis hin zu den ausgefallensten Todesarten kristallklar konstruiert. Obwohl die Handlung zwei besonders irre Wendungen nimmt - zum einen die Verhaftung Neds, zum anderen seine Wiederkehr als Dotcom-Tycoon und Rachenehmer Simon Cotter - sorgt die Komplexität der Konstruktion immer für die Stringenz der Geschichte. Fry spielt mit dem Wissen und Nichtwissen der Beteiligten. Und der Leser scheint letztlich der Einzige zu sein, der den großen Plan von Anfang an durchschaut.

Alle Handlungsfäden laufen in den Händen des Autors zusammen, der sich einen Jux daraus macht, immer mal wieder einen fallen zu lassen, schulterzuckend auf die Macht des Schicksals zu verweisen. Schon auf dem Klappentext lächelt Fry seine Leser schelmisch an, darunter geben die biografischen Daten an, dass der Autor wegen Kreditbetrugs in jungen Jahren ins Gefängnis kam und dann rasch seine erste Million mit einem Theaterstück gemacht hat. Der Autor, die Hauptfigur, der Alleskönner, der Ironiker. Neben allen Anspielungen hat Fry also nicht nur ein ironisches Selbstporträt in die Geschichte eingebaut, sondern nebenbei auch einen Verweis auf seine Zitationswut. Wer jetzt erst schmunzelt, dem hat Fry im Klappentext schon längst wieder eine Nase gedreht: "Durch seine Romane (...) wurde Stephen Fry zu einem der führenden Vertreter des britischen Humors." Viel eleganter kann man ein Romankonzept wohl kaum auf den Punkt bringen.

Doch die Stärke des Autors ist zugleich auch seine Schwäche, denn die gelungene konzeptionelle und akademische Akrobatik hat das Erzählen erdrückt. Zu sehr arbeitet sich Fry an seinem gedanklichen Gerüst ab, so dass daran der Roman oft in Eindeutigkeit erstarrt. Wenn Fry beispielsweise am Anfang seitenlange Briefwechsel zwischen Ned und Portia zitiert, dann überschlägt er sich fast vor Eifer, die ganz große Liebe auch in ganz große Buchstaben zu packen: "Ich muss IMMERZU an dich denken." Und so weiter: "Heute morgen habe ich gleich zwei Seiten geschrieben. Ich habe alles aufgelistet, was dich so wunderbar und herrlich macht, und wenn wir eines Tages für immer zusammen sind, zeige ich es Dir vielleicht mal und dann fällst Du gleich noch mal tot um."

Wo Fry an einigen Stellen zu viele Worte macht, macht er an anderen zu wenig: Auf Beschreibungen hat er fast vollständig verzichtet, weshalb das Buch fast so seelenlos wie seine Hauptfigur, der gewandelte Ned, wirkt. Nicht er, auch die anderen Charaktere bleiben eindimensional, zu funktional im Gefüge der großen Geschichte über die Macht des Schicksals. Gut und Böse sind so eindeutig definiert, der Rächer Ned Maddstone ist ein solches Übergenie, dass er zwangsläufig ausgebremst werden muss - sonst wäre er Gott.

Dieser erwartbare Erkenntnisprozess ist nichtsdestotrotz vom ersten bis zum letzten Wort spannend, was nicht zuletzt an der sich fortwährend überschlagenden Geschichte liegt. In Zeiten, in denen der Abenteuerroman aus der Mode gekommen ist und das Verschwinden der Geschichten beklagt wird, ist eine solch wahnwitzige Handlung schon fast dreist. Aber Wahnwitz gewinnt: Indem sich Fry auf die seit Jahrhunderten bewährte Vorlage stützt, geht er kein wirkliches Risiko ein. Der Graf von Monte Christo ist ein Klassiker, weil fabelhafte Geschichten um die Macht des Schicksals, die destruktive Kraft des Unrechts, den Mythos der verlorenen Jugend ihre Faszination über die Jahrhunderte bewahren. Auch wenn nicht jede Monte-Christo-Story gleich ein Klassiker wird.

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